Mehr Bücher braucht das Land, nicht weniger

Kommentar der anderen22. Februar 2015, 16:52
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Ist Bildungsförderung tatsächlich ein Ziel unserer Politik, dann darf diese nicht einer ganzen Branche mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer die Luft abschnüren

Die derzeitige Idee der Bundesregierung, mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer Bücher teurer zu machen, ist gefährlich und absurd.

Es ist offensichtlich, dass die Branche unter Druck ist, durch digitale Ersatzangebote auf der einen und Online-Vertriebswege auf der anderen Seite. Bislang branchenfremde Anbieter schneiden in beiden Bereichen mit und wurden zum Teil sogar Marktführer. Sowohl Verlage als auch Buchhändler haben darauf reagiert, sich zum Teil neu erfunden, sei es als Content-Lieferanten, sei es als Orte des persönlichen Service und der Kultur. So weit, so gut.

Buchabsatz geht zurück

Doch es wird weniger gelesen. Es werden weniger Bücher gekauft. Der Buchabsatz geht inklusive aller neuen Vertriebs- und Erscheinungsformen zurück. Weder gelten Bücher als Prestigeobjekte, noch gilt belesen zu sein als besonderes Zeichen von Kultur und Intellektualität.

Das sollte der Politik, das sollte uns allen zu denken geben. Die Grundlage des Wissens kommt uns abhanden. Lesen ist das Synonym für Wissen, für Bildung, für Kultur, für die Offenheit einer Gesellschaft, für den Umgang miteinander und für die Zukunft. Lesen ist ein Teil der Lösung für die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen und ein Eckpfeiler für die Stärkung der Demokratie und eines harmonischen Zusammenlebens. Leseförderung müsste in Schulen, müsste in unserer Gesellschaft an der vordersten Stelle stehen.

Doch leider ist das bei ÖVP und SPÖ noch nicht angekommen. Man findet eher Politiker, die stolz darauf sind, keine Bücher zu lesen, als solche, denen man zutrauen würde, aus Büchern einen erweiterten Erkenntnisgewinn zu ziehen. Bundespräsident Heinz Fischer und Kulturminister Josef Ostermayer mögen hier glaubwürdige Ausnahmen sein und setzen sich nachweislich für die Buch- und Lesekultur ein.

Lesen als elitäres Vergnügen

Grundsätzlich gilt vielen politischen Funktionären das Lesen von Büchern als elitäres Getue, das man ähnlich wie die Konsumation von Schaumwein mit einer Verdoppelung der Mehrwertsteuer populistisch abstrafen kann. Dass man damit einen ganzen Kultur- und Wirtschaftszweig, nämlich die österreichische Literatur-, Verlags-, und Buchhandelsszene mit einem Schlag dem Untergang weiht, scheint bewusst in Kauf genommen. In einem preisgebundenen, von deutschen Anbietern dominierten Markt ist das nämlich die Konsequenz. Der deutsche Mehrwertsteuersatz für Bücher beträgt sieben Prozent.

Im verzweifelten Ringen um eine Finanzierung der Steuerreform ist man plötzlich der Meinung, eine Verteuerung von Büchern würde die Mehrheit der Bevölkerung ohnehin nicht treffen. Die Behauptung, der Kauf von Büchern sei das Vergnügen einer finanziell bessergestellten Minderheit, sagt allerdings mehr über die Bildungsferne mancher Ökonomen als über die Realität aus.

In Österreich gibt es 1,4 Millionen Haushalte mit Kindern: Sie alle wären durch eine Verteuerung von Büchern betroffen. Dass Familien einen überdurchschnittlichen Anteil der von Armut Betroffenen in unserer Gesellschaft ausmachen, ist vielfach belegt.

Wenig Geld, viel lesen

Ebenso, dass Haushalte mit niedrigem Nettoeinkommen im Vergleich zu den Schichten mit hohem Einkommen mehr Bücher kaufen. 36 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 1000 Euro kaufen mehr als drei Bücher pro Jahr, zehn Prozent sogar zehn Bücher und mehr. Offensichtlich ist auch, dass man mit einer Mehrwertsteuererhöhung bei Büchern vor allem junge Menschen treffen würde: 72 Prozent der Schüler ab 14 und Studenten kaufen Bücher, 55 Prozent drei und mehr Bücher pro Jahr, 16 Prozent sogar zehn Bücher und mehr. Bei älteren Berufstätigen mit höherem Einkommen ist das wesentlich weniger.

Österreichs Politiker bekennen sich gern öffentlich zu der Notwendigkeit, in Bildung zu investieren. Bildung wird als das Zukunftskriterium schlechthin für Einzelne wie für die Gesellschaft postuliert. Offensichtlich hat man sich von diesem Ziel verabschiedet. Wie sonst ließe sich erklären, warum dieselben Politiker, die Investitionen in Bildung einfordern, nun mit dem Gedanken spielen, das zentrale Bildungsmedium um zehn Prozent teurer zu machen - statt den Zugang zur Bildung und zu Bildungsgütern zu erleichtern. Von den überwiegend öffentlich finanzierten Schulbüchern ganz zu schweigen, die ja derselben Teuerung unterliegen würden.

Von einer Erhöhung der Mehrwertsteuer für Bücher ist im nationalen Interesse dringend abzusehen. Eine Senkung derselben für E-Books und Hörbücher hingegen wäre die richtige Maßnahme, um Lesen und Literatur zu fördern. (Benedikt Föger, DER STANDARD, 23.2.2015)

Benedikt Föger ist Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels.

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