Spiegelgrund-Überlebender Friedrich Zawrel gestorben

20. Februar 2015, 20:19
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Das Leben des Friedrich Zawrel war geprägt von den Verbrechen des Nationalsozialismus, denen er knapp entkam – Er starb am 20. Februar

Einer der bekanntesten Zeitzeugen der NS-Zeit, der Spiegelgrund-Überlebende Friedrich Zawrel, ist gestorben. Der 1929 geborene Zawrel überlebte das NS-Euthanasieprogramm in der Anstalt "Am Steinhof", rund 7.500 Menschen wurden zwischen 1940 und 1945 in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt – auf dem Gelände des heutigen Otto-Wagner-Spitals in Wien – ermordet, darunter 800 Kinder und Jugendliche.

"Friedrich Zawrel hat Unglaubliches erlitten. Trotzdem hat er sich von den Gräueltaten der Nazis nicht brechen lassen, er ist nicht verstummt", bedauert Wiens Sozialstadträtin Sonja Wehsely in einer Aussendung sein Ableben.

1940 kam Zawrel in die Fänge der "NS-Jugendfürsorge", wurde in die Anstalt "Am Spiegelgrund" eingewiesen und als "asozial" und "bildungsunfähig" eingestuft. In der Anstalt wurden zwischen 1940 und 1945 vorgeblich oder tatsächlich geistig oder körperlich beeinträchtigte Kinder interniert, an ihnen wurden medizinische Experimente durchgeführt, viele wurden ermordet. Zawrel kam für ein Dreivierteljahr in eine Einzelzelle, die er nur für Untersuchungen verlassen durfte. Mithilfe einer Krankenschwester gelang ihm jedoch die Flucht. Er wurde nach ein paar Wochen gefasst, zu vier Jahren schwerem Kerker verurteilt und kam in das Jugendgefängnis Kaiserebersdorf. Zawrel 2004 im STANDARD: "Die NS-Justizanstalt war unglaublich grausam, aber eben nicht so mörderisch wie die 'NS-Euthanasieklinik' für Kinder im Psychiatrischen Krankenhaus der Stadt Wien."

Zweifaches Opfer

Zawrel holte seine Zeit am Spiegelgrund jedoch auch nach der NS-Diktatur ein. Der NS-Arzt Heinrich Gross – einer seiner Peiniger – avancierte im Nachkriegswien als Neurologe zu einem gefragten Gutachter für psychische Erkrankungen. Zawrel traf – nach diversen Delikten – im Gefängnis 1975 auf ihn und erkannte den Arzt. Im Jahr 2007 schildert Zawrel das Aufeinandertreffen im STANDARD: "Er hat mich nicht wieder erkannt. Er behandelte mich grausam, als ob ich der letzte Dreck wäre. Irgendwann sagte Gross: ,Sind Sie schon einmal psychiatriert worden?’ Mit dem Satz war’s aus. Ich sagte zu ihm: ,Für einen Akademiker ham S’ a sauschlechtes Gedächtnis.’ Als er dann wieder wusste, wer ich war, hat er mir alle gutachterliche Hilfe versprochen. Aber das Gutachten, das er mir ausgestellt hat: Da braucht man eigentlich nur mehr einen Strick um den Hals, und aus."

Das Gutachten fiel negativ aus, Gross zog dafür sogar die Steinhof-Akten aus der NS-Zeit heran. Zawrel wurde auf Basis des Gutachtens zu einer langen Haftstrafe verurteilt – auch ein Brief an den damaligen SPÖ-Justizminister Christian Broda kann nichts an seiner Verurteilung ändern. Erst eine Artikelserie im "Kurier" und die Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft kritische Medizin half Zawrel aus dem Gefängnis, er wurde von einem unabhängigen Gutachter erneut untersucht und schließlich entlassen. In den folgenden Jahren half Zawrel bei der Enttarnung des Arztes, der im Jahr 2000 schließlich des Mordes angeklagt wurde. Aufgrund eines Gutachtens, das Gross Demenz bescheinigte, wurde das Verfahren ausgesetzt. Der Arzt wurde nie strafrechtlich belangt und verstarb 2005.

Zeugenschaft

Zawrel wurde erst im Jahr 2002 rehabilitiert und als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt. Seine Lebensgeschichte steht exemplarisch für den Umgang mit der NS-Zeit in Österreich nach 1945. Allzu oft wurden Taten unter den Tisch gekehrt, konnten Täter ungestraft auch in der Zweiten Republik in höchsten Ämtern wirken. Statt einer kollektiven Erinnerung und Aufarbeitung mit der NS-Vergangenheit erfolgte eine kollektive Verdrängung. Die Zeugen inmitten der österreichischen Gesellschaft wurden erst spät – in vielen Fällen zu spät – gehört.

Seine Zeugenschaft nahm Zawrel jedoch ernst, er half bei der Aufarbeitung der Verbrechen in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt und ging als Zeitzeuge in unzählige Schulen. Seine Lebensgeschichte wurde auch in Theaterstücken und im Film thematisiert, so zum Beispiel 2005 im Volkstheater ("Spiegelgrund" von Christoph Klimke), drei Jahre später in der Josefstadt ("In der Psychiatrie ist es nicht schön ..." von Stefan Geszti) oder in den Filmen "Mein Mörder" und "Meine liebe Republik" von Elisabeth Scharang. Das Schuberttheater zeigte im Jahr 2012 das biografische Puppenspiel "F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig". 2013 erhielt Zawrel das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Zawrel wurde zum Zeugen und Mahner in der Gesellschaft, die NS-Vergangenheit nicht zu vergessen. 2004 sagte er einer Schülerrunde: "Bitte hören Sie nie auf zu fragen, wie es damals war und was geschah." (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 20.2.2015)

  • Friedrich Zawrel im Jahr 2013 bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich.
    foto: cremer

    Friedrich Zawrel im Jahr 2013 bei der Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich.

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