"The Order: 1886" im Test: Grafikschlacht für Gelegenheitsspieler

20. Februar 2015, 09:13
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Die Shooter-Dystopie ist eine Schönheit, bei der Spielefans kaum auf ihre Kosten kommen

Videospiele und Filme sind einander in den vergangenen Jahren sehr viel näher gekommen. Hollywood macht sich Stilmittel interaktiver Kunst zunutze, und Games eifern mit immer fortschrittlicherer Technik cineastischen Träumen nach. Ready at Dawns erster großer Konsolentitel "The Order: 1886" ist der bislang ambitionierteste Versuch, das Spektakel des Blockbusterkinos mit dem Gerüst eines klassischen Shooters zu verschränken.

Iszenatorisch ist das in dem Verschwörungsepos tatsächlich geglückt, die spielerische Seite ist hingegen allzu oft auf der Strecke geblieben.

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screenshot: the order: 1886

Fantastische Welt

Dabei treffen die Designer zu Beginn alle Töne, um Spieler in der Rolle des Ritters Sir Galahad in den Bann zu ziehen. Ende des 19. Jahrhunderts wird man als Mitglied eines uralten Ordens damit beauftragt, im Namen des englischen Königreichs London vor monströsen Mutanten zu beschützen. Zeitgleich kommt man der royalen Garde im Kampf gegen Aufständische zur Hilfe.

Es wird mit enormer Detailverliebtheit eine fantastische und ebenso glaubwürdige Welt gezeichnet, für die man sich Zeit nehmen will: die Prunkbauten der Aristokraten, die Gosse der Arbeiterviertel, irgendwo treibt Jack The Ripper sein Unwesen, und der junge Wissenschaftler Nikola Tesla steht den Helden frei nach "James Bond" als historischer Q mit Waffen und Gadgets zur Seite. Die Voraussetzungen für ein Action-Hit sind definitiv gegeben.

screenshot: the order: 1886
screenshot: the order: 1886

Western-Shoot-out-Flair

Doch anstelle den Entdeckertrieb zu befriedigen, wird man an der Leine gehalten und im Wechseltakt zwischen Feuergefechten oder nur minimalen Interaktionen und imposanten Zwischensequenzen in rund sieben bis zehn Stunden (je nach Schwierigkeitsgrad) komplett linear von einer Szene zur nächsten geschliffen. Der Übergang zwischen Spiel und Film erfolgt so fließend, dass man gerne übersieht, wann man den Controller wieder aufnehmen muss.

In den besten Momenten liefert man sich dramatische Schießereien mit Rebellen in Industrieküchen oder Herrschaftshäusern und erfreut sich daran, mit Maschinengewehr, Granaten, zerstörerischer Energiewaffe oder explosionsfreudiger Thermite-Gun die pittoresken Kulissen und dramatisch fallenden Gegner kurz und klein zu schlagen. Ein simples aber effizientes Deckungssystem verleiht Western-Shoot-out-Flair.

screenshot: the order: 1886
screenshot: the order: 1886

Quicktime-Bosse

Damit ist die Decke der ludischen Freuden allerdings schon bald erreicht. So darauf erpicht mit Bombastgrafik und makellosen Animationen die inhaltlichen Wendungen durchzuboxen, haben sich die Entwickler bei allen anderen Gameplay-Elementen enorm zurückgenommen.

Aufeinandertreffen mit größeren Bestien werden mit den raschen Tastenkombinationen so genannter Quicktime-Events abgehandelt, genauso wie lautlose Angriffe aus dem Hinterhalt bei den wenigen Schleichpassagen. Sprungrätsel über die Häuserdächer der Stadt erquicken das Auge, aber unterfordern den Geist mit Mechaniken, bei denen man weder Entscheidungsfreiheit hat noch etwas falsch machen kann. Eine Reduzierung, die sich bei aller technischen Finesse letztendlich auch oberflächlich bemerkbar macht. Selektiv unzerstörbare Glasscheiben und Gegenstände oder das fehlende Spiegelbild des Protagonisten trüben vereinzelt die Illusion.

screenshot: the order: 1886
screenshot: the order: 1886

Kaum Wiederspielwert

Vollkommen auf die mit starken Schauspielern und geheimnisvollen Hintergründen erzählte Geschichte konzentriert, haben sich die Schöpfer zur Gänze auf etablierte Spieldesigns verlassen und wo es nur ging simplifiziert. In heutigen Werken teils zur Erschöpfung strapazierte Features zum Ausbau von Fähigkeiten gibt es gar nicht und Sammelobjekte sind rar gesät. Das täte dem streckenweise mitreißenden Erlebnis keinen Abbruch - nichts hält eine Erzählung mehr auf, als repetitive Füllinhalte - doch dafür müsste "The Order" für einen kontemporären Einzelspieler-Blockbuster anderweitige Anreize bieten, um den (Wieder-)Spielwert zu erhöhen.

screenshot: the order: 1886
screenshot: the order: 1886

Verpasste Chance

Und gerade ob der kompromisslosen Priorisierung der Story wurde hier eine tolle Chance ausgelassen, die Facetten dieses andeutungsweise reichhaltigen Paralleluniversums aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Als einziger spielbarer Protagonist (diese Hoffnung sei Ihnen genommen) kratzt Galahads Schicksal gerade einmal an der Oberfläche dieser Fiktion, die zum Ende hin noch dazu schneller zum Abspann spult, als man es sich wünschen würde.

Die Vermutung liegt nahe, dass das Erstlingswerk mit dem Zusatztitel 1886 bereits von Anfang an als Episodenerzählung ausgelegt wurde. Zu viele Erzählstränge führen ins Ungewisse, um es zumindest den vermeintlichen Franchise-Hoffnungen Ready at Dawns nach bei dieser Momentaufnahme belassen zu können. Und für eine Episodenkost hätte dieses erste Spektakel mit rund 50 Prozent animierten Sequenzen auch die richtige Länge. Für den veranschlagten Vollpreis ist es jedenfalls klar zu wenig.

nexxt up (ehem. kalix)
"The Order: 1886": Gameplay-Video

Fazit

Als audiovisuelles und in diesen Zeiten technisch fast überraschend aufpoliertes Glanzstück setzt "The Order" gewiss Maßstäbe bei der Verschmelzung von Spiel und Film. Es ist keine Schande, sich in der dichten Atmosphäre und der optischen Pracht verlieren zu wollen, doch dass traditionelle Gamer dabei sprichwörtlich zu kurz kommen, wird viele Erwartungen enttäuschen. Spielerisch unterfordernd und komplett linear kann es mit konkurrierenden storygetriebenen Genrewerken wie "The Last of Us" oder auch "BioShock Infinite" nicht mithalten.

Gleichzeitig könnte dieser Minimalismus aber wiederum Gelegenheitsspieler anlocken, die in ihrer spärlichen Freizeit leichte Unterhaltungskost suchen. Mit seiner simplifizierten Mechanik gewährt das dystopische London Einlass, ohne erst ein kompliziertes Feature-Set erlernen zu müssen. Doch egal, ob einen diese Zeitreise wegen Grafikporno oder Casual-Action verlockt: Warten Sie auf ein Ticket zum Sonderpreis. (Zsolt Wilhelm [auf Twitter], derStandard.at, 20.2.2015)

"The Order: 1886" ist ab 18 Jahren für PlayStation 4 erschienen. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 59,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster für PS4 wurde von Sony zur Verfügung gestellt.

Link

The Order: 1886

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