Wiener Kongress: Stelldichein der Fortschrittsgegner

19. Februar 2015, 18:14
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Im Unteren Belvedere und in der Orangerie erinnert man sich mit einer Fülle von Materialien des Wiener Kongresses 1814/1815

Wien - Für die Dauer von neun Monaten durfte sich Wien, die gar nicht große Residenzstadt, als Nabel der Welt vorkommen. Der Wiener Kongress 1814/1815 versammelte die Vertreter der europäischen Siegermächte an der Donau. Napoleon Bonaparte, der "Weltgeist zu Pferde" (so der Philosoph Hegel), war zweimal niedergerungen worden. Der kostspielige Aufenthalt von Herrschern und Diplomaten bot den willkommenen Anlass zu Geselligkeit. Zugleich wurde die Nachkriegsordnung festgelegt.

Im Bewusstsein der Nachwelt hat der Kongress vor allem "getanzt". Die große Schau zur 200-Jahr-Feier im Unteren Belvedere und in der Orangerie macht wirksam Schluss mit Vereinfachungen. Die Unterzeichnung der "Acte final du Congrès de Vienne" im Juni 1815 eröffnete eine lang anhaltende Friedensperiode. Einerseits wurden die Folgen der Französischen Revolution rückgängig gemacht. Zum anderen ließ sich der Zeiger der Weltuhr nicht einfach zurückdrehen. Gerade die Auflassung des Römischen Reiches deutscher Nation 1806 weckte das Bedürfnis nach innereuropäischer Kooperation.

Das "politische Ereignis mit gesellschaftlicher Dimension", so der Historiker Werner Telesko, nimmt als Beispiel für konzertiertes politisches Handeln einige wesentliche Aspekte der EU vorweg. Heutigen Institutionen der Union hatte der Kongress etwas Entscheidendes voraus. Die gesalbten Akteure und ihre Minister besaßen einen äußerst fein entwickelten Sinn für Fragen der Selbstdarstellung. Die Ausstellung Europa in Wien - der Wiener Kongress 1814/1815, von Telesko und Sabine Grabner erfreulich reichhaltig zusammengestellt, lässt die unsichtbare Grenze spürbar werden, die die Geltungssucht von der reinen Propaganda trennt.

So steht man vor den köstlichsten Proben damaliger Porträtkunst, meist in Öl. Das Bedürfnis nach "Lebensechtheit" wird mit dem Wunsch nach "Klassizität" leichthändig in Einklang gebracht. Interessanter als der Liebreiz einzelner Prinzessinnen sind Bildhintergründe, die im kriegsverwüsteten Europa arkadische Verhältnisse nahelegen. Goldene Kandelaber harmonieren mit Majoratssilber. Blicke auf Stichen vom Nussberg oder vom Prater hinüber auf die Wiener Befestigungsanlagen machen das vormoderne Klima verblüffend deutlich.

Lokale Ausstrahlung

Als "Wegbereiter der modernen Machtpolitik" - so der Titel eines Katalogbeitrags - ist der Wiener Kongress trotzdem ein Ereignis mit stark lokaler Ausstrahlung. Einer Episode wie der Schlacht von Aspern 1809 wird breitester Raum gewährt. Die alleingelassenen Österreicher boten Napoleon erfolgreich die Stirn. In der daurauffolgenden Schlacht von Wagram erlitt die Armee Erzherzog Karls die letztlich ausschlaggebende Niederlage. Bonaparte ist übrigens in dem berühmten David-Gemälde Napoleon am Großen St. Bernhard (1801) präsent. Wiederum kann man sich der suggestiven Wirkung dieses ikonischen Bildes nur schwer entziehen.

Verständlich scheint der Wunsch der Ausstellungsmacher, die mannigfachen Ergebnisse des Kongresses nicht als Ausdruck der "Restauration" zu werten. Dennoch bleibt ein Unbehagen bestehen. Die Verhandlungen hinter geschlossenen Tapetentüren führten zu einer Art Stabilitätspakt, an dessen rigorosen Folgen Europa zum Teil bis nach Ende der beiden Weltkriege zu leiden hatte.

Russland schob seine Einflusszonen bis weit in den Westen vor. Polen musste die Zeche zahlen. Viele Wünsche der Staatsvölker blieben ungehört. Das Klima der Repression lastete schwer auf dem Kontinent. Metternichs Politik erkaufte den Frieden mit Stillstand. Die Wiener Ausstellung weckt gemischte Gefühle - das ist ihr nicht geringes Verdienst. Bis 21. Juni. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 20.2.2015)

  • Josef Schützens kolorierter Stich verewigte den Glanz: "Ansicht des k.  k. Redoutensaals während eines Masquen-Balles", um 1815.
    foto: önb

    Josef Schützens kolorierter Stich verewigte den Glanz: "Ansicht des k. k. Redoutensaals während eines Masquen-Balles", um 1815.

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