Die Kosovaren und der Weg ins Freie

Kommentar der anderen19. Februar 2015, 17:04
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Seit 2008 sind die Kosovo-Albaner endlich Herren im eigenen Haus, tun sich aber noch immer schwer damit

Die aktuelle Massenflucht aus dem Kosovo sagt sehr viel über die albanische Mentalität aus. Der jüngste Staat auf dem Balkan ist zu mehr als 90 Prozent albanisch bewohnt. Aber Albaner haben in ihrer Geschichte mehr mit Errungenschaften außerhalb als innerhalb ihres Territoriums auf dem Südbalkan auf sich aufmerksam gemacht.

Die berühmte albanische Katholikin Mutter Teresa ist für ihre selbstlose Tätigkeit in Indien bekannt geworden. Ein politisches Beispiel ist Muhammad Ali Pascha (1770-1849), der albanische Eltern gehabt haben soll und als der Begründer des modernen Ägyptens gilt. Er befreite Ägypten von der osmanischen Herrschaft im Jahr 1805. Im Vergleich dazu: Albanern gelang es erst 1912 - mit der Gründung Albaniens - sich von den Osmanen zu befreien.

Die Bedeutung der im Ausland lebenden Albaner prägt das kosovarische Geschehen bis heute. In der Befreiungsarmee UÇK, die Ende der 1990er-Jahre für die Unabhängigkeit des Kosovo gegen die Serben kämpfte, hatte die Diaspora maßgeblichen Anteil. Und vielleicht wäre der Kosovo wirtschaftlich gar nicht überlebensfähig ohne die Transferleistungen der im Ausland lebenden Verwandten. Das Geld, das sie in die Heimat schicken, muss für Sozialleistungen herhalten, die Bürger dort nicht in einem Ausmaß beziehen, das zum Überleben reichte.

In die Haare kriegen

Albanisch ist es auch, sich in die Haare zu kriegen - und zwar oft. In den 1990er-Jahren hatten Kosovo-Albaner ein einziges Ziel: sich vom serbischen Diktator Slobodan Milosevic zu befreien. Trotzdem gab es innerhalb der Albaner Gruppierungen, die sich bis auf das Blut hassten - die Anhänger der UÇK und die Anhänger Ibrahim Rugovas, des Gründers der Demokratischen Liga des Kosovo.

Das Albanische ist zudem reich an Begriffen und Redewendungen, welche Missgunst gegenüber anderen ausdrücken. Ist man des Albanischen mächtig und sitzt in einem beliebigen Café in Prishtina dann braucht es weniger als fünf Minuten, bis einem diese diversen Formulierungen auffallen. Und was ist die kosovarische Massenflucht anderes als die Probe aufs Exempel, dass die Albaner einmal mehr nicht zusammenleben können?

Erklären lässt sich dieses destruktive Verhalten schwer. In der Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer steht der Satz: "Weibern und Juden sieht man es an, daß sie seit Tausenden von Jahren nicht geherrscht haben." Dieses Zitat von 1947 könnte man auf die derzeitige Situation im Kosovo übertragen: Das Land weiß erst seit 2008, was es heißt, der Herrscher über sein eigenes Land zu sein, und tut sich schwer damit.

Die Flucht in die reichen Staaten Europas ist nicht nur auf gesellschaftspolitischer Ebene sehr albanisch, sondern auch auf menschlicher. Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro hat mit ihrer Kurzgeschichte The Albanian Virgin die albanische Seele so gut porträtiert wie kaum eine Zweite. Dort laden Gjurdhi, ein gebürtiger Albaner, und seine Frau, die Ich-Erzählerin, zum Abendessen ein. Den Wein serviert der Mann den Frauen in Gläsern, sich selbst in einem Plastikbecher. Die Frauen essen das Mahl aus der Heimat mit Besteck am Tisch, Gjurdhi isst mit den Händen, während er auf dem Boden sitzt.

Albanische Leidgeplagtheit

Wer die Geschichte der Literaturnobelpreisträgerin von 2013 gelesen hat, erinnert sich vielleicht an die zwei Worte, die den unterwürfigen Gjurdhi beschreiben: "Albanian wretchedness". Dieses Motiv, die "albanische Leidgeplagtheit", gilt auch für die fliehenden Kosovaren.

Ilaz Salihu zum Beispiel ist ein lebender Gjurdhi. Ich traf ihn mit seiner Familie auf einem Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofs. Ilaz' Haut war gelblich, und seine Augen waren müde von der langen Reise. Er sprach mit einer leidgeplagten Stimme, leise: Im Lärmpegel der Großstadt verstand ich ihn kaum, konnte aber schließen, dass er mir von der Grausamkeit der Flucht erzählte. Die unzähligen Rolltreppen des Berliner Hauptbahnhofs besprang seine Familie wie von einer Angst getrieben, die man vor einem nächtlichen Rudel Straßenhunde im Kosovo verspürt. In ihrem Leiden schwang trotzdem Gelassenheit mit. Ilaz küsste seinen kleinen Sohn und sprach liebevoll zu seinen größeren Kindern und seiner Frau.

Es wird den fliehenden Kosovaren nicht gerecht, sie in die Opferrolle zu stecken. Fast alle haben die 1500 Kilometer nach Deutschland allein gemeistert. Das zeugt von großem Durchhaltevermögen.

Der renommierte Balkanjournalist Tim Judah schreibt in seinem Buch Kosovo, War and Revenge: "Es wäre mir eine Freude, über die Blütezeit des Kosovo zu schreiben: [...] das Problem ist, dass es sie noch nicht gab." Mehr als 50.000 Bürger, die das Land verlassen, sind ein zwingenderer Faktor, als alle Demonstrationen des Kosovo der letzten Jahre: Es muss sich etwas grundlegend und schlagartig ändern. Die Massenauswanderung zeigt, dass der Kosovo sich in eine tiefe Krise manövriert hat.

Die Krise aber ist ein produktiver Zustand. Die regierende Elite des Landes sollte dessen gewahr werden. Anders läuft das Land Gefahr, sich berechtigterweise die Frage gefallen lassen zu müssen, wozu die kosovarische Unabhängigkeit, die seine Bürger so unbedingt wollten, gut gewesen sei. Die kosovarische Massenflucht könnte die Grundsteinlegung eines menschenwürdigeren Lebens im Kosovo werden. Vielleicht könnte Judah dann in einigen Jahrzehnten über die Blütezeit des Kosovo schreiben. (Adem Ferizaj, DER STANDARD, 20.2.2015)

Adem Ferizaj ist im Kosovo geboren und in Oberbayern aufgewachsen. Er ist Masterstudent der Internationalen Beziehungen an der Universität Sciences Po Paris.

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