Wiener Musikverein: Kleiner Pallawatsch

19. Februar 2015, 17:08
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Das Concertgebouworkest und Mariss Jansons

Wien - Endlich mal ein angenehmer Arbeitsplatz für ihn, hier in Theophil Hansens schmucker Goldschatulle am Karlsplatz! Er schäme sich seit Jahren für die Situation in München, hat Mariss Jansons vor kurzem in der Zeit erklärt, als in der bayerischen Kapitale gegen den Bau eines neuen, akustisch überzeugenden Konzertsaals entschieden wurde.

In München ist Jansons Chefdirigent des famosen BR-Symphonieorchesters, in Amsterdam leitet der Lette seit einem Jahrzehnt das Koninklijk Concertgebouworkest - aber nicht mehr lange. Zum Ende dieser Spielzeit wird der 72-Jährige, der in den letzten Jahren immer wieder gesundheitliche Beeinträchtigungen zu ertragen hatte, seine Leitungsposition aufgeben. Da heißt es, noch einmal auf Tournee zu gehen und die Welt mit ungewöhnlichen Programmen zu erfreuen - so etwa mit mediterranen Werken von Debussy, de Falla, Massenet und Respighi beim zweiten Gastspielabend im Musikverein.

Der erste Konzertabend wurde mit einer Rarität von Richard Strauss eröffnet: mit dessen Suite Der Bürger als Edelmann. Das große Symphonieorchester präsentierte sich also zuerst einmal als Kammerorchester - auf wenig überzeugende Weise. Die gut drei Dutzend Musiker agierten in der watteweichen Weite des Großen Musikvereinssaals mit zu wenig Prägnanz, Initiativkraft und Intensität und auch nicht mit der allerletzten Präzision. Jansons koordinierte inmitten des kleinen Ensembles mit freundlicher Unverbindlichkeit herum und hielt sich mit Detailarbeit zurück. So waren Strauss' klingende Karikaturen eines um Nobilitierung bemühten Bürgerlichen nur von verwaschener Wirkungskraft.

Mehr irdisch-perfekt denn überirdisch-entrückt dann nach der Pause die vierte Symphonie Gustav Mahlers. Die Amsterdamer musizierten meist souverän, lediglich das gemeinsame Ritardando von den ersten Geigen, den Querflöten, den Klarinetten und der Schelle im dritten Takt geriet zu einem kleinen Pallawatsch. Jansons respektierte die zur Entschleunigung mahnenden Tempovorschriften des Komponisten; im Kopfsatz traf der geziert und mit ballettartiger Eleganz musizierende Streicherapparat auf die vorschriftsmäßig in grellen Farben gekleideten Holzbläser. Auch im zweiten Satz war das Böse, Fratzenhafte zwar präsent, wirkte aber mehr wie eine geschminkte Karnevalsfigur und nicht wie ein Riss im idyllischen Prospekt, hinter dem ein Abgrund lauert.

Im dritten Satz spielten die ersten Geigen derart spröd und fad, dass man begann, sich nach den Wiener Philharmonikern zu sehnen. Das Beschwingte, Beschwipste liegt dem Orchester hörbar nicht. In Vertretung der erkrankten Genia Kühmeier pries dann die Entspanntheit ausstrahlende Dorothea Röschmann das Schlaraffenland des himmlischen Lebens, das sogar Musikkritiker hoffentlich einmal erwartet. Freundliche Begeisterung. (Stefan Ender, DER STANDARD, 20.2.2015)

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