Zwergstern streifte vor 70.000 Jahren unser Sonnensystem

18. Februar 2015, 23:20
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Roter Zwerg passierte bei der größten bekannten Annäherung eines Sterns vermutlich die äußere Oortsche Wolke

Rochester - Kosmisch gesehen muss man wohl von einem regelrechten Streifschuss sprechen: Vor 70.000 Jahren ist ein Zwergstern unserem Sonnensystem so nahe gekommen, wie kein anderer bekannter Stern jemals zuvor. Laut einer in den "Astrophysical Journal Letters" veröffentlichten Studie zog der erst vor kurzem entdeckte Rote Zwerg in einer Distanz von nur 0,8 Lichtjahren an unserer Sonne vorüber.

Der nach seinem Entdecker benannte Scholz' Stern im Sternbild Einhorn war dem internationalen Astronomenteam rund um Eric Mamajek von der University of Rochester aufgefallen, weil er sich trotz seiner geringen Entfernung von 20 Lichtjahren nur wenig am Nachthimmel bewegte. Normalerweise kann man davon ausgehen, dass sich nahe gelegene Sterne von der Erde aus gesehen scheinbar schneller fortbewegen als weiter entfernt liegende Sterne.

Scholz' Stern, dessen offizielle Bezeichnung WISE J072003.20-084651.2 lautet, veränderte seine Stellung am Nachthimmel beinahe gar nicht, was die Astronomen als deutliches Zeichen werteten, dass sich der Stern ziemlich genau in der Blickrichtung fortbewegt - so, als wäre er direkt aus unserem Sonnensystem gekommen.

Weitere Beobachtungen und detaillierte Bahnberechnungen bestätigten schließlich den ersten Eindruck: Scholz' Stern kam auf seinem Weg durch die Milchstraße tatsächlich unserem Sonnensystem äußerst nahe. Während seiner größten Annäherung vor rund 70.000 Jahren trennten den Roten Zwergstern nur 0,8 Lichtjahre von der Sonne, dies entspricht etwa der 52.000-fachen Distanz zwischen Erde und Sonne. Zum Vergleich: Der heute nächstgelegene Stern Proxima Centauri liegt 4,2 Lichtjahre entfernt.

Passage durch die äußere Oortsche Wolke

Die Astronomen nehmen sogar an, dass der Stern die äußere Oortsche Wolke passiert hat, eine Region, die das Sonnensystem schalenförmig umgibt und vermutlich von mehreren Milliarden Kometen bevölkert ist. Das mag zwar nach viel klingen, aufgrund ihrer immensen Ausdehung ist diese Region in Wahrheit von Objekten nur äußerst dünn besiedelt. Aus diesem Grund dürfte der Durchflug von Scholz' Stern auch keine nennenswerten Störungen in der Oortschen Wolke verursacht haben. Hinzu kommt, dass der Rote Zwerg diese Kategorisierung wirklich verdient: Die Berechnungen ergaben eine Masse von nur acht Prozent der Sonnenmasse. Begleitet wird der Stern vermutlich von einem Braunen Zwerg von sechs Prozent der Sonnenmasse.

Unseren Vorfahren dürfte die spektakuläre Annäherung vor 70.000 Jahren wohl kaum aufgefallen sein. Aufgrund seiner geringen Leuchtkraft hätte Scholz' Stern selbst in weniger als einem Lichtjahr Abstand nur über eine scheinbare Helligkeit von etwa 10 mag verfügt. Der sonnenfernste Planet Neptun wirkt dagegen mit einer Magnitude von 7,8 noch deutlich heller.

Eine Chance, den Besucher-Stern auch mit bloßem Auge zu beobachten, hätte es nach Meinung der Forscher aber dennoch gegeben: Da Scholz' Stern magnetisch äußerst aktiv ist, kommt es auf seiner Oberfläche immer wieder zu Ausbrüchen, die den Stern für kurze Zeit mehrere tausend Mal heller strahlen lassen als normalerweise. Aber selbst dann wäre der Rote Zwerg nur als vorübergehender Lichtpunkt am Nachthimmel aufgetaucht. (tberg, derStandard.at, 18.2.2015)


Abstract
Astrophysical Journal Letters: "The Closest Known Flyby of a Star to the Solar System"

  • Der Rote Zwergstern und sein Begleiter, ein Brauner Zwerg, zogen vor 70.000 Jahren in nur 0,8 Lichtjahren Entfernung an unserer Sonne vorüber. So nahe kam uns bisher noch nie ein fremder Stern.
    illustration: michael osadciw/university of rocheste

    Der Rote Zwergstern und sein Begleiter, ein Brauner Zwerg, zogen vor 70.000 Jahren in nur 0,8 Lichtjahren Entfernung an unserer Sonne vorüber. So nahe kam uns bisher noch nie ein fremder Stern.

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