Stasi-Agent nimmt Schuss auf Ohnesorg mit ins Grab

18. Februar 2015, 17:06
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Sein tödlicher Schuss auf den Westberliner Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 löste die 68er-Revolte in Deutschland mit aus. Nun ist auch der Polizist und Stasi-Spitzel Karl-Heinz Kurras tot. Ob er im Auftrag der DDR gehandelt hatte, ist bis heute nicht geklärt worden

Es hätte ein schöner Abend werden sollen. Mozarts Zauberflöte steht am 2. Juni 1967 in der Deutschen Oper auf dem Programm, und prominente Gäste wollen lauschen: der Schah von Persien mit Gattin Farah Pavlavi, die an diesem Tag Westberlin besuchen.

Vor der Oper jedoch haben sich tausende Menschen versammelt, um gegen die diktatorische Herrschaft des Schahs zu demonstrieren. Es kommt zu Straßenschlachten mit der Polizei und Anhängern des Herrschers, den sogenannten Jubelpersern. Um 20.30 Uhr fällt ein Schuss. Er trifft den 27-jährigen Studenten Benno Ohnesorg, der kurz darauf stirbt.

Der Todesschütze, Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras, verteidigt sich später, er sei angegriffen worden und habe vor dem Schuss auch Warnschüsse abgegeben. Doch Zeugen zeichnen ein ganz anderes Bild: Kurras sei nicht bedrängt worden, er habe den Schuss aus nächster Nähe abgegeben und sei auch von mehreren Polizisten umgeben gewesen. Im anschließenden Prozess wegen fahrlässiger Tötung wird er freigesprochen. Später wird auch bekannt, dass Ohnesorgs Leiche manipuliert und der Totenschein falsch ausgestellt wurde.

Bewegung 2. Juni

Ohnesorgs Todestag markiert eine Wende in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik. Überall kommt es zu Studentenprotesten, die außerparlamentarische Opposition formiert sich. Die Gründer der linksextremistischen Terrororganisation Bewegung 2. Juni, die sich später der RAF anschließt, erklären: "Die eigentliche Politisierung kam erst mit der Erschießung Benno Ohnesorgs. Nach all den Prügeln und Schlägen hatten wir das Gefühl, dass die Bullen auf uns alle geschossen haben." Um Kurras wird es nach dem Prozess wieder ruhiger, er arbeitet nach dem Freispruch im Innendienst.

Erst jetzt wurde bekannt, dass er schon am 16. Dezember 2014, kurz nach seinem 87. Geburtstag, in einem Berliner Krankenhaus verstorben war. Zuletzt lebte er zurückgezogen im Stadtteil Spandau und bezog eine Beamtenpension.

Ins Grab mitgenommen hat Kurras die Wahrheit über den Todesschuss von 1967. Im Jahr 2009 wird dieser noch einmal in ganz anderem Lichte besehen. Da fliegt auf, dass Kurras Mitglied der DDR-Einheitspartei SED war und als Spitzel (Inoffizieller Mitarbeiter Otto Bohl) das DDR-Ministerium für Staatssicherheit seit 1955 mit Interna aus der Westberliner Polizei versorgt hat.

Und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat Kurras gezielt und im Auftrag der DDR auf Ohnesorg geschossen, um Unruhe in der Bundesrepublik zu stiften? Die Staatsanwaltschaft ermittelt erneut gegen ihn, diesmal wegen des Verdachts des Mordes an Ohnesorg.

Doch es finden sich keine Beweise für einen Mordauftrag aus Ostberlin. Kurras gibt zwar mit den Worten "Was macht das schon, das ändert nichts" seine Stasitätigkeit zu, bestreitet aber, für die DDR geschossen zu haben.

Das Verfahren wird 2011 eingestellt. Es erhärtet sich allerdings der Verdacht, dass er den Schuss 1967 gezielt abgegeben hat und von Kollegen gedeckt wurde.

Karl-Heinz Kurras wurde am 15. Jänner anonym bestattet. An Benno Ohnesorg erinnert neben der Deutschen Oper in Berlin das Gedenkrelief "Tod des Demonstranten" von Alfred Hrdlicka. (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, 19.2.2015)

  • Für die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 - das Bild  zeigt den Schwerverletzten am Tatort - hat Karl-Heinz Kurras nie öffentlich Reue gezeigt.  Er starb im Dezember mit 87 Jahren.
    foto: ap

    Für die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 - das Bild zeigt den Schwerverletzten am Tatort - hat Karl-Heinz Kurras nie öffentlich Reue gezeigt. Er starb im Dezember mit 87 Jahren.

  • 2009 musste sich Karl-Heinz Kurras in Berlin wegen illegalen Waffenbesitzes vor  Gericht verantworten. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
    foto: dpa / rainer jensen

    2009 musste sich Karl-Heinz Kurras in Berlin wegen illegalen Waffenbesitzes vor Gericht verantworten. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

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