Ursprung, Ziele und Unterstützer der Boko Haram

20. Februar 2015, 15:27
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Seit Jahren terrorisieren die Islamisten den Norden Nigerias: Fragen und Antworten zu der nigerianischen Extremistengruppe

Fast täglich erschrecken Meldungen aus Westafrika über Gräueltaten der radikal-islamischen Boko-Haram. Am Freitag wurden erneut mindestens 30 Menschen von en Islamisten getötet.

Wenig ist über die Strukturen der nigerianischen Terrorgruppe bekannt. Seit Jahren terrorisieren die Islamisten den Norden Nigerias, jüngst haben sie zudem eine Offensive in den Nachbarstaaten Tschad und Kamerun begonnen. Tausende Menschen wurden getötet. derStandard.at hat einige Fakten zu Boko Haram zusammengetragen.

Was will Boko Haram?

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram führt im Nordosten des westafrikanischen Landes Nigerias einen blutigen Feldzug, um ein islamisches Kalifat zu errichten. In diesem Gottesstaat soll einzig und allein eine radikale Auslegung der Scharia gelten. Boko Haram ist nach Ansicht von Beobachtern aber mehr als eine religiöse Sekte. Sie verfolgt eine politische Strategie zur Erfüllung ihrer territorialen Ansprüche, die, grob umfasst, Nigerias nördliche Bundesstaaten Borno und Yobo betreffen. Die Gruppe hegt aber durchaus auch supraregionale Ambitionen, etwa im Ölförderland Tschad, im Uran-reichen Niger und in Kamerun. Ihr Anführer Abubakar Shekau beruft sich in seinen Wortmeldungen häufig auf das Reich von Kanem Bornou und das Kalifat von Sokoto, eines mächtigen islamischen Staates im 19. Jahrhundert.

grafik: apa

Wie ist Boko Haram entstanden?

2002 gründete der charismatische Prediger Ustaz Mohammed Yusuf in der nordnigerianischen Millionenstadt Maiduguri eine Moschee samt Schule, wo Kinder aus unterprivilegierten Familien Zugang zu islamischer Bildung erhielten. Hatten sich Boko Haram und seine zahlreichen Splittergruppen anfangs meist gewaltloser Methoden verschrieben, nahm die Weltöffentlichkeit erstmals 2004 von ihrer Existenz Notiz, als die Armee ein Trainingslager an der Grenze zu Niger aushob, das den Namen "Afghanistan" trug. Kurz vor seinem Tod durch Polizeikugeln im August 2009 sagte Yusuf dem britischen Sender BBC: "Bedeutende Islam-Prediger haben verstanden, dass es in der westlichen Erziehung Dinge gibt, die unserem Glauben widersprechen." Seine Gruppe, die auch Darwins Evolutionstheorie ablehnt, akzeptiert deshalb lediglich Koranschulen, in denen Verse auswendig gelernt und Arabisch gelehrt wird. Nach dem Tod Yusufs übernahm sein Stellvertreter Abubakar Shekau die Führungsrolle von Boko Haram und schwor seine bis dahin diffuse Anhängerschaft auf den bewaffneten Kampf gegen die korrupten Behörden der nigerianischen Zentralregierung ein. Vor allem im Visier: Schulen und Polizeistationen, aber auch Kirchen und Universitäten. Shekau, der in Maiduguri islamische Theologie studiert und dort Yusuf kennengelernt hat, hatte zuvor eine radikale Splittergruppe von Boko Haram geführt und beruft sich bis heute auf "Befehle von Gott". Seit November 2013 wird Boko Haram von den USA als Terrororganisation eingestuft.

foto: ap photo/file
Abubakar Shekau, der derzeitige Chef von Boko Haram.

Was bedeutet der Name Boko Haram?

Boko Haram, wie die lokale Bevölkerung die offiziell unter Jama'atu Ahlis Sunna Lidda'awati wal-Jihad ("Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und zum Jihad" ) firmierende Terrorgruppe nennt, ist ein Kombination aus dem Wort Boko, das in der nigerianischen Sprache Hausa für nicht-islamische, von den britischen Kolonialherren importierte Bildung steht, und dem arabischen Wort Haram, das für alles laut Scharia Sündhafte steht.

foto: reuters/afolabi sotunde
Familien auf der Flucht.

Wer schließt sich Boko Haram an?

Viele Nigerianer haben sich der Terrororganisation angeschlossen, weil sie keine andere Zukunftsperspektive für sich sehen. Es gebe zwar Zwangsrekrutierungen, sagt der Afrikaspezialist Philippe Hugon, ein emeritierter Professor an der Universität Paris-X-Nanterre gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Dazu gehörten beispielsweise Selbstmordattentäter oder auch die Versklavung von Frauen und Mädchen für sexuelle Dienste. Doch die Aussicht, Waffen zu tragen und auf eine "einfache" Verdienstmöglichkeit locke gerade im wirtschaftlich rückständigen Teilstaat Borno Junge an. Boko Haram spiele im Nordosten Nigerias, wo 70 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag lebten, eine soziale Rolle. "Die Gruppierung übernimmt gewisse Aufgaben vom korrupten Staatswesen", sagt Hugon. Die Kanouri-Völker im Nordosten des Landes scheinen laut Hugon eine "gewisse Sympathie" für Boko Haram zu zeigen. Sowohl Gründer Yusuf als auch der aktuelle Anführer Shekau entstammten dieser Ethnie. Hugon weist auch darauf hin, dass die Bevölkerung im Norden seit Jahren unter der Gewalt der Polizei und der Armee leiden. Über die internen Strukturen von Boko Haram ist wenig bekannt. Die Terrororganisation soll in untergeordneten, lokalen Zellen organisiert sein. Zudem soll es einen Rat geben, der das oberste Entscheidungsorgan der Gruppe ist und auf dessen Zustimmung der Anführer bei Entscheidungen angewiesen ist. Der deutsche Journalist Michael Obert, der den Nordosten Nigerias für das Magazin "Geo" bereiste, spricht von massiver Angst innerhalb der Bevölkerung, die zu einer Art Gesetz des Schweigens geführt habe. Schon das Aussprechen des Namens der Terrororganisation könne in diesen Regionen Panik auslösen, berichtet er. Lieber spreche man dort von "The Boys".

foto: reuters/ afolabi sotunde

Wie finanziert sich Boko Haram?

Bei jedem Angriff auf eine Stadt plündern die Terroristen den Besitz der Opfer, sie stehlen Lebensmittel, aber auch Geld - mutmaßlich Millionen von Dollar - von Banken und Waffen aus Polizeistationen, erklärte Amnesty-International-Researcher Daniel Eyre gegenüber derStandard.at. Schweres Kriegsgerät erbeuten die Terroristen demnach von überrannten Stützpunkten der nigerianischen Armee. Boko Haram wird aber auch von anderen Terrororganisationen wie Al-Kaida und ihrem nordafrikanischen Ableger Al-Kaida im islamischen Maghreb oder der somalischen al-Schabab-Miliz unterstützt. (APA/Reuters, red, derStandard.at, 20.2.2015)

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