Babyboomer gehen in Pension - mit dramatischen Folgen

18. Februar 2015, 11:53
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Die Demografie steht Kopf - und rüttelt Arbeitsmarkt, Gesundheits- und Pensionssystem durcheinander

Die ersten österreichischen Babyboomer starten heuer in ihr letztes Arbeitsjahr. Weltweit ist ein Übergang dieser Generation in den Ruhestand bereits seit Jahren im Gange, was sowohl die Pensionssysteme als auch den Arbeitsmarkt in zunehmendem Ausmaß vor Herausforderungen stellt. Dies zeigen die Ergebnisse einer aktuellen Allianz-Studie.

Untersucht wurden Babyboom und Babybust sowie die Auswirkungen auf die Pensionssysteme in achtzehn Ländern. "Bis 2034 gehen mehr Österreicher in Pension als in den vergangenen sechzig Jahren: Mehr als 750.000 Menschen werden den Druck auf die erste Säule deutlich verstärken", erklärt Wolfram Littich, Vorstandsvorsitzender der Allianz Gruppe in Österreich.

Lange Boomphase

Der Anstieg der Geburtenraten nach dem Zweiten Weltkrieg stellte eine plötzliche demografische Wende dar, da bis dahin die Kinderanzahl pro Frau in vielen westlichen Ländern unter 2,1 gesunken war. Der Babyboom setzte in den meisten Ländern bereits kurz nach Kriegsende ein, in Österreich, Belgien, Deutschland und Großbritannien erst zehn Jahre später. Durchschnittlich dauerte dieses Phänomen sechzehn Jahre an, im angelsächsischen Raum deutlich länger als in den untersuchten kontinentaleuropäischen Ländern: Klarer Spitzenreiter ist Neuseeland mit einer Dauer von 27 Jahren (1946 bis 1972), Italien landet im Vergleich dazu mit lediglich vier Jahren (1946 bis 1949) auf dem letzten Platz. Österreich liegt mit einer vierzehn Jahre (1956 bis 1969) andauernden Phase im Mittelfeld.

Die Dauer des Babybooms wirkte sich auch auf die Bevölkerungsstrukturen aus. Der Anteil der Babyboomer an der Gesamtbevölkerung in den USA und Australien lag gegen Ende des demografischen Phänomens bei rund 40 Prozent, in Neuseeland sogar bei 53 Prozent. In den meisten europäischen Ländern ist dieser Anteil aufgrund der kürzeren Dauer deutlich geringer.

In Österreich etwa machten die während des Babybooms geborenen Kinder nur 23 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung aus, das waren rund 1,7 Millionen Menschen. Große Unterschiede gibt es aber auch im Hinblick auf die Geburtenrate: Australien, Kanada, Neuseeland und die USA erreichten in der Zeit des Babybooms durchschnittlich eine Höchstkinderanzahl pro Frau von 4,0.

Im europäischen Raum lag dieser Wert im Vergleich bei nur 3,0 Kindern pro Frau. In Österreich wurde ein Rekordhoch von 2,82 im Jahr 1963 verzeichnet. Zwtl.: Europa: Dramatischer Rückgang der Geburtenraten Während der Babyboom in Australien, Kanada, Neuseeland oder den USA intensiver ausfiel und länger andauerte, war in vielen europäischen Ländern hingegen ein neues Phänomen - der plötzliche Einbruch der Geburtenraten - stärker ausgeprägt: der Babybust.

2001: 1,33 Kinder pro Frau in Österreich

Dieser dramatische Rückgang der durchschnittlichen Kinderanzahl pro Frau hielt in Europa im Schnitt bis zu vier Jahrzehnte an, während der Babyboom schon nach rund 13,5 Jahren wieder vorbei war. In Österreich fiel die Geburtenrate in nur drei Jahren nach Ende des Babybooms auf unter 2,1 Kinder pro Frau. Der Tiefstwert der Geburtenraten lag in europäischen Ländern durchschnittlich bei 1,4. Hierzulande wurde die niedrigste Geburtenrate mit nur 1,33 Kindern pro Frau im Jahr 2001 verzeichnet. Die niedrigste Geburtenrate erreichte Bulgarien mit lediglich 1,09 Kindern pro Frau im Jahr 1997.

In allen von der Allianz untersuchten Ländern wird mit ökonomischen Herausforderungen zu rechnen sein, wenn die Babyboomer in den Ruhestand gehen. Unabhängig von Dauer und Ausmaß von Babyboom und Babybust müssen sich die meisten Länder den Konsequenzen beider Phänomene stellen, darunter auch Österreich.

Die Pensionsantrittswelle der Babyboomer wird der österreichischen Bevölkerungsstruktur eine besondere Dynamik verleihen: Laut Zahlen der Statistik Austria ist der Anteil der Über-65-Jährigen in Österreich seit dem Jahr 1955 von etwa 800.000 auf derzeit rund 1,57 Millionen gestiegen. Somit hat es ganze sechzig Jahre gedauert, bis die Bevölkerung im Pensionsalter um mehr als eine Dreiviertelmillion Menschen angewachsen ist. Wenn allerdings die Babyboomer in den Ruhestand gehen, wird es nicht einmal zwanzig Jahre dauern, ehe es eine weitere Dreiviertelmillion zusätzlicher Pensionisten gibt: Etwa 2,35 Millionen Österreicher werden am 31.12.2034, wenn der letzte heimische Babyboomer in Pension geht, über 65 Jahre alt sein.

"Altenquotient" springt nach oben

Parallel dazu wird der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung um mehr als 200.000 Menschen schrumpfen. Diese Entwicklungen lassen sich auch aus dem "Altenquotient" ablesen, der das Verhältnis zwischen den Über-65-Jährigen zu denjenigen im Haupterwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren misst. Zu Beginn des Babybooms 1956 lag der Altenquotient in Österreich laut Statistik Austria bei 17,4. 1985, als der letzte Babyboomer einen Lehrberuf ergriffen hat, konnte noch ein Wert von 21,0 verzeichnet werden.

Auch in den letzten Jahrzehnten ist der Altenquotient nur leicht gestiegen. Während der Pensionsantrittswelle der Babyboomer ist jedoch mit einer drastischen Steigerung zu rechnen: von 27,3 im vergangenen Jahr auf 41,9 im Jahr 2034. Das bedeutet, dass immer weniger Erwerbstätige für eine immer größer werdende Anzahl an Pensionisten aufkommen müssen. (APA, red, derStandard.at, 18.02.2015)

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