In den Mühlen der österreichischen Bürokratie: Wer sich beschwert, wartet

Userartikel22. Februar 2015, 20:15
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Wenn das Amt – die MA 35, zuständig für Einwanderung und Staatsbürgerschaft – das Computersystem wechselt, landet man mit etwas Pech in der Warteschleife. Ein Erlebnisbericht

Dass die MA 35 der Vorhof zur Hölle sei, hat man schon oft gehört. Wie viel Wahres hinter diesen Worten steckt, erfährt man jedoch erst, wenn man sich in die bürokratischen Mühlen dieser Abteilung begeben hat.

Ich habe jahrelang in Italien gearbeitet und dort meine Frau kennengelernt, eine Nichteuropäerin. Wir haben geheiratet, und binnen drei Wochen hat sie die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung für Italien erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland geht das in 15 Minuten, in den Niederlanden braucht es einen Monat. Alles war perfekt, bis wir beschlossen haben, nach Wien zurückzukommen. Ich musste wegen meiner Arbeit, und meine Frau hatte beschlossen, ihren Job in einer Bank zu kündigen und hier einen neuen zu suchen.

Zwei Wochen

Im Juni 2014 – dieses Datum wird noch wichtig werden – haben wir bei der MA 35 die Dokumente meiner Frau abgegeben, um die Genehmigungen von Italien auf Österreich zu überschreiben. Laut EU-Recht sollte das kein Problem sein. Die nette Dame der MA 35 meinte auch, dass es nur zwei Wochen dauern werde.

Zwei Monate

Eine Woche verstrich, eine zweite, ein Monat, dann kehrten wir zurück, um nachzufragen. Der nette Herr meinte, dass es nie in zwei Wochen erledigt sei. Mindestens zwei Monate! Nun gut, warten wir weiter einen Monat, zwei Monate, drei Monate. Ich rufe an, ob alles in Ordnung sei. Ja, alles sei perfekt, alles sei in Bearbeitung, wir müssen uns nur gedulden.

Vier Monate

Anfang November 2014 erkundigten wir uns wieder. Diesmal meint der nette Herr – es sind übrigens immer andere Personen im Büro –, dass ein Dokument von uns fehle. "Wie ist das möglich? Ich habe so oft nachgefragt, so oft angerufen." – "Das ist leider so." – "Welches fehlt denn?" – "Das weiß ich nicht." – "Wie? Sie wissen, dass ein Dokument fehlt, aber nicht, welches?" – "Ja." – "Können Sie nicht nachschauen gehen?" – "Nein. Ich muss einen Antrag stellen, dass das kontrolliert wird. Sie erhalten in zwei Wochen einen Brief."

Sechs Monate

Es ist kein Brief gekommen. Mitte Dezember fragen wir wieder nach. Die nette Dame meint, dass eh alles in Ordnung sei, und sie nicht wisse, was der nette Herr damals gelesen habe. Aber so eine Bearbeitung brauche mindestens acht Monate, wir müssten also bis Ende Jänner warten.

Siebeneinhalb Monate – und ein inkompatibles Computersystem später

Der werte Leser, die werte Leserin kann sich bereits denken, dass kein Brief gekommen ist. Anfang Februar offenbarte uns eine nette Dame etwas, das einfach nur abstrus ist, aber sehr gut in die österreichische Bürokratie passt:

Am 20. Juni 2014, eine Woche nachdem wir den Antrag eingereicht hatten, ist das Computersystem der MA 35 umgestellt worden. Leider ist das alte System mit dem neuen nicht kompatibel. Deshalb liegen sämtliche Anträge, die vor dem 20. Juni eingereicht worden sind, in der Warteschleife und können nicht bearbeitet werden. Zeitraum unbekannt. Anträge, die nachher eingereicht wurden, wurden bereits bearbeitet.

Nachfragen verlängert Verfahren

Ich dachte, ich höre nicht recht. Ich frage mich, warum man nicht jemanden einstellt, der die Daten mit der Hand vom alten System ins neue überträgt. Aber gut, das kostet wohl zu viel. Ich stellte aber eine in meinen Augen logische Frage: "Könnten wir unseren Antrag vom alten System löschen und einen neuen stellen?" – "Nein, das ist unmöglich." – "Was also können wir machen?" Anstatt einer Antwort wurde mir ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem stand: "Mit jeder Nachfrage, die keine neuen Tatsachen zum Verfahren zum Inhalt hat, verlängert sich die Erledigungsdauer Ihres Verfahrens."

Surreale Welt

So sitze ich also hier, schreibe diesen Bericht und frage mich, ob ich in einer surrealen Welt gefangen bin. Vor allem aber meine Frau, die ja arbeiten möchte und auch qualifiziert ist. Der Staat wirbt ja immer dafür, dass wir mehr qualifizierte Fachkräfte in Österreich brauchen – sie darf gar nicht nach einer Arbeit suchen! Geschweige denn irgendetwas in der Sozialversicherung einzahlen, um irgendwann Arbeitslosengeld, Pensionsgeld oder eventuell Mutterschaftsgeld zu erhalten. Ich habe das Gefühl, dass die MA 35 gar nicht versteht, dass es hier um Menschenleben, um Lebensqualität und Menschenwürde geht. (Peter W., derStandard.at, 22.2.2015)

  • Der Weg zur Einbürgerung oder Aufenthaltsgenehmigung ist kein leichter.
    foto: apa/techt

    Der Weg zur Einbürgerung oder Aufenthaltsgenehmigung ist kein leichter.

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