Über Newspeak und Integration

Kommentar der anderen17. Februar 2015, 17:00
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Im Spannungsfeld von Neoliberalismus, Populismus und kritischer Öffentlichkeit tut sich Neues auf: Der Begriff Integrationsunwilligkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angelangt

IIm April 1946 verfasste der bekannte britische Schriftsteller und Essayist George Orwell einen kurzen Aufsatz, der inzwischen zur Pflichtlektüre aller Sprachwissenschafter geworden ist, die sich mit der Analyse politischer Kommunikation befassen: "Politics and the English Language". Vieles, was Orwell in seinem Aufsatz und in seinen anderen Werken, wie 1984 beschreibt, ist heute Realität geworden.

Orwell befasste sich vor allem mit der Sprache totalitärer Regime. Viele linguistische Verfahren, wie der Gebrauch von Euphemismen, des Passivs, das zur Tilgung von Akteuren dient, und prätentiöser Fremdworte finden wir auch heute in der Politik, auch in demokratischen Systemen, wie die intentionale Vagheit und das sogenannte Doublethink. Vagheit bezieht sich auf das In-die-Welt-Setzen von schwammigen, wenn nicht sogar bedeutungsleeren Begriffen; Doublethink hingegen weist daraufhin, dass manchmal widersprüchliche Bedeutungen mit einem Begriff verbunden und akzeptiert sein können. Die solcherart definierte Sprache heißt "Newspeak".

Im Mainstream

Ich will, ganz im Sinne Orwells, eine Diskursanalyse des Begriffs "Integrationsunwilligkeit" vorstellen - Integrationsunwilligkeit beherrscht momentan die Medien und die Politik, ein Begriff, der über viele Jahre von der FPÖ (gemeinsam mit Integrationsverweigerung) gebraucht wurde und nun in die politische Mitte gelangt ist, also vom Mainstream angenommen wurde.

Integrationsunwilligkeit bietet sich also für alle möglichen Bedeutungen an. Wir haben ein umfassendes Corpus von 72 Artikeln aus den überregionalen österreichischen Tageszeitungen vom 20. Jänner bis 3. Februar sowohl quantitativ wie qualitativ nach Frequenz und sogenannten Kollokationen untersucht. Kollokationen meint die genaue Analyse der jeweiligen Kontexte, in denen der Begriff auftaucht (vier Worte vor und vier Worte nach dem untersuchen Begriff). Es erweist sich, dass der Fokus sich von einer "Verweigerung", die zumindest dem Konzept nach noch etwas tatsächlich Getanes oder nicht Getanes meint, hin zu einem "Unwillen", auf den bestenfalls rückgeschlossen werden kann, verlagert hat.

Von der FPÖ in die Mitte

Ordnet man die Verwendung der Begriffe konkreten Sprecherinnen und Sprechern zu, so zeigt sich, dass diese bis zur aktuellen Debatte entweder von Vertretern bzw. Mitgliedern der FPÖ verwendet werden (bis 2010 ausschließlich), danach zunehmend im Boulevard und ab 2014 immer mehr im gesamten politischen Spektrum. Die Zuordnung des Begriffs zu SPÖ und ÖVP lässt sich mit der Analyse der Kollokate des Begriffes "integrationsunwillig" verdeutlichen:

Sanktionen

In den Texten geht es vorwiegend um Geldstrafen bzw. das Bestrafen von Schülern und Eltern, um ein Vorgehen gegen etwas, das Ahnden von Mängeln, Sanktionen gegen jemanden bis hin zur Abschiebung, um Forderungen nach gesetzlichen Bestimmungen und dergleichen mehr. Um Integration im positiven Sinne geht es in der aktuellen Debatte mit Sicherheit nicht. Definiert wird der Begriff auch nirgends und von niemandem.

Gerade in der emotionalen Vagheit wird der Begriff gefährlich: Denn er dient nun dazu, manche ein- und andere auszuschließen, ohne dass klare und distinktive Kriterien angegeben werden können. Verfolgen wir die rezente Debatte, so erweist sich, dass der Begriff unmittelbar nach den schrecklichen Anschlägen in Paris am 7. Jänner 2015 seinen Höhenflug in der österreichischen Politik beginnt und sich vor allem auf das Feld der Schule bezieht. Auch zeigt sich, dass der Begriff erst dann, als er in der "Mitte" angekommen ist, indem er von SPÖ- und ÖVP-Politikern aufgegriffen wurde, im Diskurs eine nennenswerte Verbreitung finden konnte.

Mehrere Lesarten und Erklärungen bieten sich an: der bevorstehende Wahlkampf in der Steiermark und im Burgenland. Und gleichzeitig ein geschicktes Kanalisieren von Ängsten und damit zusammenhängenden Debatten nach Charlie Hebdo auf den Bildungsbereich und potenzielle Attentäter.

So lässt sich zunächst einmal folgende stillschweigende Argumentation aus den Daten und ihrer Analyse erschließen: Um einen solchen schrecklichen Anschlag zu verhindern, müssen potenzielle Täter früh genug erkannt werden, also noch in der Schule. Potenzielle Täter werden wahrscheinlich schon als Jugendliche auffällig - und zwar, indem sie sich nicht an die gängigen Konventionen halten.

Fehlschlüsse

Der nächste argumentative Schritt lautet dann: Wenn man "integrationsunwillig" ist, dann soll man nicht in Österreich verweilen dürfen. Damit werden Jugendliche, die möglicherweise sozialisationsbedingt sexistische Einstellungen besitzen, in einem Fehlschluss direkt der Gruppe potenzieller Täter zugeordnet (wobei, das muss betont werden, nicht nur pubertäre männliche Migranten sexistische Einstellungen besitzen).

Ein solcher argumentativer Kurzschluss - nämlich die Konstruktion eines kausalen Zusammenhangs zwischen "integrationsunwilligen" sexistischen Jugendlichen und potenziellen Attentätern - verhindert nicht nur ein Nachdenken über die vielen Ursachen von Radikalisierung; er verhindert auch ein Nachdenken über konstruktive Möglichkeiten der Integration von Jugendlichen aus anderen Kulturkreisen. Und er stigmatisiert in rechtspopulistischer Weise eine spezifische Gruppe, konstruiert rasch einen Sündenbock. Sündenböcke dienen, wie wir aus der Geschichte nur allzu genau wissen, in einer simplifizierten Weise der schnellen und einfachen Schuldzuschreibung für komplexe, unerklärte Phänomene.

Doch auch kritische Öffentlichkeiten konstituierten und artikulierten sich in den letzten Tagen. Dennoch: Bisher ist kein adäquater sachlicher Austausch der Politik mit diesen kritischen Öffentlichkeiten in wahrnehmbarer Weise (außer in polarisierten und polarisierenden Fernsehdebatten) erfolgt.

Ich selbst wünsche mir als Sprachwissenschafterin, ganz im Sinne von Orwell, dass wir anstelle von Schuldzuweisungen und argumentativen Fehlschlüssen versuchen, die komplexen Zusammenhänge eindeutig zu benennen; und verschiedene Sachverhalte, die fälschlicherweise verbunden werden, getrennt zu behandeln.

Es geht um soziokulturelle Unterschiede einerseits, die besprochen und verstanden werden müssen. Dass dies gelingen kann, zeigen internationale Modelle, wie in Berlin, Südafrika oder Schweden, auf. Anstelle von "Integrationsunwilligkeit" könnte man beispielsweise von "soziokulturellen Unterschieden" sprechen.

Ursachen erkennen

Andrerseits geht es darum, Ursachen von Radikalisierung (von Jugendlichen aus ganz verschiedenen sozialen Schichten) zu erkennen und auch zu beseitigen, einer perspektivenlosen Jugend Alternativen anzubieten. Dies ist aber ein ganz anderes Thema!(Ruth Wodak, DER STANDARD, 18.2.2015)

Ruth Wodak (64) ist Sprachsoziologin an der Lancaster University sowie an der Universität Wien. Dieser Text ist die stark gekürzte Fassung eines am Montag im Rahmen der Wiener Vorlesungen gehaltenen Vortrags anlässlich des WWTF-Fests Public Spaces in Transition 2013.

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