China feiert ins Jahr der Ziege oder des Schafes

18. Februar 2015, 11:00
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"Yang" steht für Schaf und Ziege – Reisewelle und Fernsehshow zum größten Familienfest, das Harmonie ins Land bringen soll

Peking - Die Szenen wiederholen sich jeden Abend. Zur besten Sendezeit zeigen Chinas CCTV-Hauptnachrichten Bilder von den riesigen Menschenmassen, die zum chinesischen Neujahr nachhause unterwegs sind. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums rechnet mit einem Rekord von 2,8 Milliarden Reisen, die während der knapp sechs Wochen langen "Verkehrsphase" um das Frühlingsfest angetreten werden. Die Nachrichtenagentur Xinhua nennt es die "größte Emigration der Welt".

In der Menschenmenge an den Bahnhöfen interviewen Fernsehreporter junge Reisende. Vor den Kameras wünschen die Befragten zuerst allen in China Glück und Frieden zum größten Familienfest. Dann brechen sie in Tränen aus, weil sie nur einmal im Jahr heimfahren, und beichten ihre Schuldgefühle, ihre Eltern so lange nicht besucht zu haben. Mittwochabend beginnt die viereinhalbstündige CCTV-Neujahrsgala, die bis kurz nach Mitternacht dauert, wenn alle den Eintritt des neuen Jahres im Tierzeichen von "Yang", dem Schaf oder der Ziege, feiern.

"Größte Familienunterhaltung der Welt"

Seit 1983 begleitet das TV-Fest jede Silvesternacht. Das Programm besteht aus einem Potpourri aus patriotischen Liedern und Tänzen, Akrobatik, Slapstick und harmlosem Kabarett. Es hat sich kaum verändert. Dennoch erwarten CCTV-Ratingexperten, dass mehr als 900 Millionen Chinesen der "größten Familienunterhaltung der Welt" zuschauen werden. Doch in vielen guten Stuben des Landes läuft das Spektakel nur noch als Hintergrund beim Essen oder bei den Mahjong- und Kartenspielen, die den Abend bestimmen. Dennoch soll die Show, so wie sie ist, als kulturelle "Soft Power" Chinas nach außen gehen. CCTV will einen Teil unter dem Motto "Eine Gala für die Welt" in mehrere Sprachen übersetzen, auch auf Deutsch. Zugleich sollen Millionen im Ausland lebende Chinesen sie über Internetplattformen live sehen können. Dafür nutzt CCTV auch Youtube, Google und Twitter, deren Nutzung groteskerweise innerhalb Chinas von der Zensur blockiert wird.

Peking hat eine spezielle Gala vorbereitet, die alte konfuzianische Werte wie die Verehrung der Eltern wiederbeleben soll. "Harmonie in der Familie lässt alles gelingen", ist das Thema. Harmonisch soll auch das neue Jahr im Tierkreiszeichen des "Yang" verlaufen. Ein Jahr des Schafs, so sagt Daoistenmeister Li Daozhang, wird ein gutes, aber gemächliches Jahr, auch in der Wirtschaft. Anders als das abgelaufene Jahr des ungestümen Pferdes gewesen.

"Yang" heißt Schaf und Ziege

Chinesische Zeitungen amüsieren sich über die Schwierigkeiten, die der Westen mit der Übersetzung von "Yang" hat. Das Zeichen kann in China Ziege, Schaf, Steinbock oder Hammel bedeuten. "China Daily" startete online eine Umfrage unter Lesern, wie sie Yang im Englischen nennen soll: "So, is it the Year of the Ram, Sheep or Goat?"

foto: johnny erling

Xinhua interessierte sich mehr für die Frage, was Yang über den Nationalcharakter der Chinesen aussagt: "Welchem Tier huldigen wir im neuen Jahr?" Der Traditionsexperte Huang Yang fand heraus, dass das Zeichen für Yang in der vor 3.500 Jahren aufgekommenen Schriftsprache Chinas früh verwendet und auf Orakelschrift-Knochen entdeckt wurde. Der Forscher, schreibt Xinhua, stellte darauf eine Streitfrage: Können sich Chinesen darauf berufen, "Abkömmlinge des legendären Drachen" zu sein? Oder stehen sie vielmehr im Zeichen des "sanften Wiederkäuers"?

Verbreitung der heilen Welt der Harmonie

Ziegen meckern. Schafe blöken. Aber sie rebellieren nicht. Eine solche Eigenschaft weiß die Pekinger Führung am Jahr des Schafes besonders zu schätzen. Staatsmedien verbreiten zum Frühlingsfest eifrig die heile Welt der Harmonie. Das einflussreiche Wochenmagazin "China Newsweek" machte das Thema "Ehrerbietung an die Eltern" jetzt zu ihrer Titelgeschichte. Immerhin versuchte sie wenigstens, nach Herkunft und Grund für das übermächtige Gefühl zu fragen, warum es die Nation in diesen Tagen in unvorstellbaren Massen gleichzeitig "nach Hause zu Eltern und Familie" treibt. Psychologen vermuten, dass sich dahinter die Suche nach der verlorengegangenen Identität verbirgt, inmitten der stürmischen Modernisierung und der Mobilität, der Digitalisierung des Lebens und des umwälzenden Wandels.

"Auf nach Hause" oder "Was ist Heimat?", hießen die Schlagworte in den vergangenen Jahren. Nun schreibt "China Newsweek": "Heimat ist da, wo die Eltern sind." Sie druckt Erinnerungen prominenter Persönlichkeiten an ihr Elternhaus ab: "Es geht uns nicht darum, einzelne Familiengeschichten zu erzählen, sondern wie wir unser innerstes Selbst in einer Zeit sicher verankern können, in der jeder schnell reich werden will und nur das Materielle zählt."

Das Geschäft mit den Glücksbringern

Das ist der Nährboden für die Rückkehr der Traditionen zum Frühlingsfest. Der atheistische Staat spielt verhalten mit. Zwar warnen dieses Jahr neu aufgestellte, blechern plärrende Lautsprecher im 500 Meter langen Gassenviertel zwischen Pekings Lama- und Konfuziustempel vor dem "Humbug, Aberglauben und Betrug". Aber die Geschäfte in den dortigen Läden für buddhistische Heiligenfiguren und magische Accessoires zur Beschwörung guter und zur Abwehr böser Geister sowie jene der Fengshui-Meister, Namensschreiber und Horoskopdeuter gehen gut.

Weiter entfernt von der Hauptstadt geht es weniger tolerant zu. In der Nordwestprovinz Shanxi machen die Behörden Jagd auf die Wiederkehr von "Feudalismus und Aberglauben". Die Provinzregierung in Taiyuan hat am 20. Jänner eine Kampagne zum Frühlingsfest losgetreten, melden Lokalzeitungen. "Xinhua" schrieb, dass die Polizei mit "überraschenden Razzien" insbesondere gegen Betrüger und Geschäftemacher losgehe, die sich als "Fengshuimeister, Shamanen und Hexen" ausgeben.

Doch harmlosere alte Sitten und Gebräuche kehren immer rascher zurück und übernehmen die heutige Ideologie und den Personenkult des modernen China. Die Bauernmärkte sind das beste Barometer dafür. Kleiderhändlerin Li legt jeden Morgen in der Pekinger Vorstadt Pinggu Packungen mit dunkelroter Unterwäsche aus. Sie bietet zum Frühlingsfest Höschen auf gefärbtem Baumwollstoff an, die das Bild eines Ziegenbocks und das Glückszeichen Fu zieren. Die künftigen Trägerinnen, selbst meist im Jahr der Ziege geboren, stehen unter doppeltem Schutz. Das Glück ist mit ihnen, und ebenso das Wappentier des neuen Jahres. Damit sind sie gegen alles Böse gefeit. "Fast nur Frauen wollen das tragen, obwohl ich auch rote Shorts für Männer führe", sagt Li.

Von Kopf bis Fuß schützen

Am Textilstand direkt am Eingang zum großen Bauernmarkt Beida, der 70 Kilometer vor der Pekinger City liegt, werden zu den Höschen auch Schals, Stoffgürtel und Socken in roter Farbe verkauft.

foto: johnny erling

Acht Plätze sollen zum Frühlingsfest rot werden, verlangt die Tradition. Dutzende Stände bieten Glückssprüche und traditionellen Wünsche auf roten Papierrollen an. Sie sind als Frühlingsfest-Zweizeiler (chunlian) geschrieben. Chinesen brachten sie mit einer quergeschriebenen Dachzeile vor dem Silvestertag rechts, links und über den Türrahmen ihrer Hofhäuser an. Sie klebten sie zusammen mit dem Zeichen für Glück (fu) an ihren Brunnen im Hof, an ihre Öl- und Getreidefässer, an die Ställe für Haustiere oder an Pferdewagen, mit denen sie ihr Hofhaus verließen.

foto: johnny erling

Die Glückssprüche kleben heute überall, auch dort, wo sie nicht hingehören. Sie passen nicht mehr in die schmalen Rahmen der Sicherheitstüren moderner Wohnungen. Für den autovernarrten Bürger gibt es 30 bis 50 Zentimeter lange Glücksrollen mit dem Aufdruck "Gute Fahrt mit Rückenwind. Friedlich und sicher fahren Mensch und sein Gefährt". Oder: "Hin und zurück unter einem guten Stern. 10.000 Li (5.000 Kilometer) weit fahren." Die Verkäufer zucken mit der Schulter bei der Frage, wo für solche "Chunlian" im Wageninneren Platz sein soll. "Vielleicht an der Garage."

Politische Parolen halten Einzug. Einer der Stände bietet einen mehr als zwei Meter hohen, kunstvoll mit Dachzeile gepinselten Glücksspruch zur Verwirklichung von "Chinas Traum" an. Gemeint ist die politische Losung von Staats- und Parteichef Xi Jinping, der die Wiedererneuerung der Nation als große und starke Weltmacht beschwört. Amulette, Poster und Kalender schmückt das Foto von Staatsgründer Mao Tsetung und auch jenes von Xi als Glücksbringer.

foto: johnny erling

Nach nur zwei Jahren an der Macht gelang ihm neben Mao der Einzug in den Olymp der Frühlingsikonen. Kein anderer Führer von Deng Xiaoping bis Jiang Zemin schaffte das. Zum neuen Personenkult um Xi tragen auch Fotos in Plakatgröße bei, die ihn und seine Frau Peng Liyuan zeigen. Sie sind zum Aufhängen in den Häusern gedacht.

So vermengt sich zum Jahr des Schafes Pekings neue Politik mit der alten Tradition und hofft auf Harmonie. (Johnny Erling aus Peking, derStandard.at, 17.2.2015)


  • Der Verkauf von Glücksbringern aller Art boomt zum chinesischen Neujahrsfest.
    johnny erling

    Der Verkauf von Glücksbringern aller Art boomt zum chinesischen Neujahrsfest.

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