Komplexe Therapie: Bessere Behandlung nach einem Schlaganfall

17. Februar 2015, 10:20
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Die besten Ergebnisse sind zu erwarten, wenn so früh wie möglich mit der endovaskulären Therapie begonnen wird

Berlin - Rund 1.000 Menschen mit einem schweren Schlaganfall könnten jährlich in Österreich vor dauerhaften Behinderungen und Tod bewahrt werden, wenn Neuroradiologen das Blutgerinnsel, das eine Hirnarterie blockiert, frühzeitig mit einem Spezialkatheter entfernen können.

Dies zeigen die Ergebnisse von drei neuen Studien, die vergangene Woche auf der International Stroke Conference in Nashville, USA, vorgestellt wurden. Die Studien sind eine wichtige Bestätigung für die Neurozentren, die diese als noch experimentell eingestufte Therapie bereits durchführen.

Spezialisierte Zentren

Da nur Patienten mit einem großen Blutgerinnsel in den Hirnarterien möglichst frühzeitig nach Symptombeginn in Frage kommen, wird die aufwändige Therapie nur in spezialisierten Neurozentren mit Stroke Unit, Neuroradiologie und neurologischer Intensivstation erfolgen können. Acht von zehn Schlaganfällen sind die Folge einer plötzlichen Durchblutungsstörung im Gehirn.

Wenn ein sehr großes Blutgerinnsel die großen Hirnarterien verstopft, dann reicht die Standardtherapie - die systemische Thrombolyse - meistens nicht aus, um das verantwortliche Blutgerinnsel aufzulösen. "Seit etwa acht Jahren gibt es Katheter, mit denen Neuroradiologen versuchen, das Blutgerinnsel mechanisch zu entfernen", sagt der Hamburger Neurologe Joachim Röther von der Asklepios Klinik Altona.

In vielen Fällen seien immer wieder spektakuläre Erfolge erzielt worden, doch existierten keine Studienergebnisse aus randomisierten Studien. Eine Ausnahme bildet die im vergangenen Oktober veröffentlichte MR CLEAN-Studie aus Holland, die eine Überlegenheit der interventionellen Therapie plus systemischer Lyse gegenüber der Lyse allein zeigte.

Komplexe Schlaganfalltherapie

"Dort wurden fast ausnahmslos moderne Katheter eingesetzt, mit denen das Blutgerinnsel mit einem körbchenartigen Drahtgeflecht (Stent) aus der Arterie gezogen wird", sagt Röther. Diese sogenannten Stent-Retriever wurden auch in drei Studien eingesetzt, deren Ergebnisse jetzt in den USA vorgestellt wurden. In den Studien erhielten die Patienten die Standardtherapie, eine Thrombolyse, und bei der Hälfte der Patienten kam zusätzlich der Stent-Retriever zum Einsatz.

In allen drei Studien wurden große Erfolge erzielt. Die Chance der Patienten auf ein günstiges Behandlungsergebnis wurde um 20 bis 30 Prozent gesteigert, ein "spektakuläres Ergebnis", meint Röther: "Die Behandlung konnte nicht alle Behinderungen vermeiden, doch drei von fünf Patienten gewannen dank der Behandlung ihre funktionelle Unabhängigkeit zurück. Sie waren 90 Tage nach dem Schlaganfall im Alltagsleben nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen."

"Die Studien zeigen, dass diese Therapie in einem Zeitfenster von sechs Stunden nach Beginn der Schlaganfallsymptome - selten auch noch danach - sinnvoll ist", erläutert Neurologe Hans-Christoph Diener, Europäischer Leiter der SWIFT-PRIME Studie. Voraussetzung für die rasche Therapie ist für ihn eine sichere Ortung des Blutgerinnsels in den Hirnarterien mittels CT-Angiographie.

Früher Beginn entscheidend

Allerdings dürfe das durch den Schlaganfall bereits geschädigte Hirnareal nicht zu groß sein. Der wichtigste Faktor bleibe aber ein möglichst frühzeitiger Beginn. "Die besten Ergebnisse sind zu erwarten, wenn so früh wie möglich mit der endovaskulären Therapie begonnen wird", sagt Diener.

Viereinhalb Stunden ist das derzeitige Zeitfenster für die Thrombolyse. Christoph Groden, Direktor der Abteilung für Neuroradiologie der Universitätsmedizin Mannheim, weist daraufhin, dass die Lysetherapie weiterhin der Standard für alle Schlaganfallpatienten im 4,5-Stunden-Zeitfenster ist. Bestätigt dann die Computer- oder Kernspin-Angiographie ein großes Blutgerinnsel, sollte laut Ansicht der Experten künftig die Behandlung mit einem Stent-Retriever angeschlossen werden.

"Die Behandlung kommt für etwa fünf Prozent der Schlaganfallpatienten infrage", so Groden. Das höre sich zunächst nicht sehr viel an, man müsse aber bedenken, dass es sich um sehr schwer betroffene Patienten handelt, die teils noch auf dem Angiographie-Tisch wieder beginnen zu reden und Arme und Beine zu bewegen. (red, derStandard.at, 17.2.2015)

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