Goldenes Comeback eines Geschundenen

16. Februar 2015, 17:37
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Wie Jean-Baptiste Grange, der sich im letzten WM-Rennen zum Slalom-Weltmeister kürte, zurück zum Sieg gefunden hat

"Ich bin so überwältigt", sagte Jean-Baptiste Grange. "Das ist so unglaublich", sagte er. "So schön", sagte er auch. Dass der Franzose an diesem, dem letzten Abend der 43. Ski-WM so oft "so" sagte, überraschte nicht wirklich. Überrascht hatte der 30-Jährige aus Valloire schon zuvor, im Slalom. Da hatte es zahlreiche Favoriten gegeben, vielleicht so viele wie in keinem anderen WM-Bewerb. Marcel Hirscher, Felix Neureuther, Alexander Choroschilow, Mattias Hargin und Henrik Kristoffersen musste man als Saisonsieger zumindest auf der Rechnung haben. Fritz Dopfer oder Giuliano Razzoli galten als chancenreich.

Aber Jean-Baptiste Grange? Nein, Grange hatte wirklich nicht zu den Sieganwärtern gezählt. Der Franzose war 2009 der Beste im Slalom, als er die kleine Kristallkugel gewann. Oder 2011, als er in Garmisch Weltmeister wurde. Aber 2015? Vier Jahre später ist für Grange, den Edeltechniker, nichts mehr, wie es war. Aber vier Jahre später steht er plötzlich wieder ganz oben bei der WM.

Fünfter war er nach dem ersten Durchgang gewesen, 0,88 Sekunden hinter dem Halbzeitführenden Marcel Hirscher. Die Kurssetzung des norwegischen Trainers Christian Mitter kam ihm, wie vielen anderen Läufern, nicht entgegen. "Das war nicht, wie ich es mag. Der Lauf war mir zu drehend." Der zweite Durchgang lag ihm eher. Grange legte eine starke Fahrt hin. Mit einer Medaille zu spekulieren begann er, als Mattias Hargin, der Viertplatzierte des ersten Durchgangs, hinter ihn zurückfiel. Und als auch noch dessen schwedischer Landsmann Andre Myhrer hinter ihm landete, sei er überglücklich gewesen. Bronze stand zu diesem Zeitpunkt fest. An mehr dachte er nicht. An mehr glaubte er nicht. Alexander Choroschilow und Marcel Hirscher, zwei der absoluten Favoriten, waren noch oben gestanden. Aber der Schneefall wurde stärker, immer stärker. Der Russe fiel zurück. Der Salzburger fädelte ein. Grange hatte Gold. "So unglaublich. So schön."

Die vergangenen vier Jahre waren hart für den Franzosen. Im Dezember 2009 zog er sich einen Kreuzbandriss zu - beim Weltcup-Riesentorlauf in Beaver Creek. Den Rest der Saison verpasste er, auch Olympia in Vancouver. 2011 kam er zurück. Er gewann in Kitzbühel, in Schladming und bei der WM. Am Ende der Saison wurde er an der Schulter operiert. Im Winter darauf folgten Bandscheibenprobleme. 2012 musste er sich erneut einer Kreuzbandoperation unterziehen. In dem Jahr litt er am meisten. "Ich dachte, es wird nie besser", sagte Grange.

Der verworfene Gedanke

Im Slalom verlor er in dieser Zeit den Rang eines Spitzenläufers. Grange kämpfte um den Anschluss. In der Saison 2013/14 lieferte er wieder konstante Ergebnisse ab - zwischen Platz vier und Platz 13. In dieser Saison schaffte er es viermal in die Top Ten, aber nie war er besser als Sechster. "Es war so hart für mich mit den Verletzungen und ohne Podestplätze in den vergangenen vier Jahren." Der letzte Top-3-Platz im Weltcup gelang ihm eben 2011. Mehrmals dachte Grange in dieser Phase ans Aufhören. Zuletzt, wie er sagte, vor drei Wochen, nach Kitzbühel und Schladming, wo er nur 21. bzw. 26. wurde. Gut für ihn, dass er den Gedanken verwarf.

"Da sind pure Emotionen in mir", sagte Grange, dem auch die Anerkennung der Konkurrenz sicher war. "Schön, dass er wieder da ist", sagte Hirscher, der seinen Ausfall als "natürlich bitter" beschrieb. Der Salzburger aber grämte sich nicht übermäßig. Immerhin trat er mit zweimal Gold und einmal Silber die Heimreise an. Fritz Dopfer, vor seinem deutschen Landsmann Felix Neureuther Zweiter, nannte es "eine Ehre, mit Grange auf dem Podest zu stehen". Woraufhin Grange natürlich sagte, er sei "so dankbar". (Birgit Riezinger aus Beaver Creek, DER STANDARD, 17.2.2015)

  • 2009, als er die kleine Kristallkugel gewann, war Grange der Beste im Slalom. 2011, als er Weltmeister wurde, war er es auch. Und jetzt, da er zum zweiten WM-Titel fuhr, ist er es wieder.
    foto: apa/epa/bott

    2009, als er die kleine Kristallkugel gewann, war Grange der Beste im Slalom. 2011, als er Weltmeister wurde, war er es auch. Und jetzt, da er zum zweiten WM-Titel fuhr, ist er es wieder.

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