Politik im Netz: Über reale Biertrinker und digital entartete Rauten

17. Februar 2015, 10:35
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In sozialen Netzwerken wird längst auch abseits der Parteien Politik gemacht - ein unvollständiger Überblick

Wien - Es war im Juni 2009, als mehrere Hundert singende und biertrinkende Demonstranten ins Wiener Museumsquartier zogen und dem vorangegangenen digitalen Aufschrei auch in der analogen Welt Gesichter gaben. Diese Versammlung gegen ein Alkoholverbot auf dem Kulturareal, sie markiert wohl den Moment, als Netzprotest endgültig in Österreich ankam - und so mancher heimische Politiker das Potenzial sozialer Medien erkannte.

"Social Media sind ein Spiegel der Gesellschaft", behaupten Internetexperten. Inzwischen gibt es - auch hierzulande - zahlreiche Facebookseiten, Apps und Netzbewegungen, die abseits der klassischen Parteipolitik politisch sind.

Von Unibrennt bis Pegida

Kurz nach dem erfolgreichen Protest im Museumsquartier - der MQ-Direktor sprach danach von einem Missverständnis und relativierte die Maßnahmen - begann im Oktober Unibrennt. Bei der Organisation und Kommunikation des größten - obgleich retrospektiv nicht sehr nachhaltigen - Bildungsaufstands der vergangenen Jahre spielte das Internet eine entscheidende Rolle.

Es folgten zahlreiche politische Bewegungen, die das Netz als zentrale Kommunikationsplattform nutzten: die Initiative transparenzgesetz.at, die die öffentliche Debatte über Bürgerinformation vorantreiben konnte; auf der Seite aufstehn.at formierte sich der Widerstand gegen den diesjährigen WKR-Ball - um nur zwei Beispiele zu nennen. Dass sich die digitale Welt nicht immer erfolgreich auf die Straße übertragen lässt, zeigte der Versuch der deutschen Pegida-Bewegung, über Facebook auch in Österreich Stimmung gegen "die Islamisierung des Abendlandes" zu machen.

Kurz könnte was lernen

Mancher Politiker könnte von Netzaktivisten noch einiges lernen: Während die #stolzdrauf-Kampagne von Minister Sebastian Kurz (ÖVP) einem sogenanntem "Hashtag-Hijacking" zum Opfer fiel - die Kampagne wurde initiiert, um Beispiele gelungener Integration sichtbar zu machen, wurde aber vielfach genutzt, um die heimische Integrationspolitik zu kritisieren -, gibt es eine ähnliche Initiative aus der Schweiz. Unter dem Schlagwort #ohnedich werden allerdings tatsächlich positive Migrationsgeschichten geteilt. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 17.2.2015)

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