ORF-Zukunft: Radio muss im Funkhaus bleiben

Kommentar der anderen16. Februar 2015, 17:14
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Die Absiedlung von Ö1, FM4 und Radio Wien aus dem Funkhaus würde journalistischen Qualitätsverlust bewirken. Der Küniglberg als alleiniger ORF-Standort ist nicht die billigste, sondern die teuerste Lösung. Hunderte ORF-Mitarbeiter sind dagegen

Sehr geehrter Herr Alexander Wrabetz, sehr geehrter Herr Richard Grasl, sehr geehrter Herr Karl Amon!

Hunderte Opinion Leader aus Kultur und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben sich in den letzten Monaten in offenen Briefen und bei Kundgebungen strikt gegen den Auszug von Ö1, FM4 und Radio Wien aus dem Funkhaus ausgesprochen.

Zehntausende Menschen haben Petitionen unterzeichnet, die meisten gingen von Hörerinnen und Hörern aus. Das ist mehr Unterstützung, als so manches Volksbegehren hat.

Diese Stimmen scheinen Ihnen wenig zu bedeuten. Sie haben sie bisher keiner Antwort gewürdigt.

Ein Kultur- und Informationsradio wie Österreich 1 gehört ins Zentrum einer Metropole. Gleiches gilt für FM4, das von der örtlichen Nähe zur Zielgruppe, vor allem deren Musikszene, lebt. Auch das Stadtradio Wien gehört nicht an die Peripherie.

Erfolgreiches Kulturradio

Das von Ihnen gewünschte Szenario wird besonders für Ö1 das Ende der gewohnten Qualität und damit sinkende Hörerzahlen bedeuten. Sie beabsichtigen, Ö1 in einem multimedialen Cluster aufgehen zu lassen. Doch das erfolgreichste Kulturradio Europas wird dadurch seine Autonomie verlieren.

Die Rahmenbedingungen dafür werden von der Unternehmensberatung Boston Consulting erarbeitet. Kritische Stimmen sehen darin zu recht ein Verschleudern von Gebührengeldern. Parallel dazu werden Redaktionen finanziell und personell ausgehungert. Statt teure Dienste von außen zuzukaufen, sollten Sie dem Knowhow Ihrer erfolgreichen, vielfach ausgezeichneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vertrauen.

Pluralität als Geheimnis

Eines der Erfolgsgeheimnisse des ORF ist seine innere Pluralität. Er hat in seinen Sendern und Gebäuden unterschiedliche, gewachsene Kulturen. Das hat sich bewährt. Doch eine verstärkte multimediale Zusammenarbeit und der Verbleib der Radios im Funkhaus schließen einander in keiner Weise aus!

Der multimediale Newsroom als Einheitslösung - ein Fetisch von gestern - hat auch erhebliche Nachteile. Sollte der ORF nicht progressivere Wege einschlagen?

Doch das Problem liegt auch, wenn nicht zuallererst, auf finanzieller Ebene.

Herr Grasl, in Ihrem Interview mit der Austria Presse Agentur am 30. 12. 2014 werden die Kosten für Um- und Zubau des ORF-Zentrums nicht wie zuvor mit rund 300, sondern bereits mit "etwas über" 300 Millionen Euro beziffert. Wie viel ist "etwas über"? Oder sind es gar "etwas über" 400 Millionen? Die Finanzierungskosten wurden ja mit rund 100 zusätzlichen Millionen veranschlagt.

Wir befürchten, dass die Kalkulationen auch künftig nach oben revidiert werden müssten. Wir und sicher auch Sie selbst kennen die Fakten zu in- und ausländischen Bauprojekten dieser Größenordnung: Kaum eines kam ohne erhebliche Kostenüberschreitungen aus.

Überdies riskiert der ORF einen weiteren drastischen Sparkurs. Dem Stiftungsrat wurden bereits "Synergien" von zehn Prozent beim Personal zugesagt. Bei zehn Prozent wird es nicht bleiben ... Selbstverständlich wird das den Programmen schaden. Im Radio wie im Fernsehen.

Wir verstehen nicht, dass die von Ihnen so genannte "Konsolidierung" auf dem Küniglberg zur sparsamsten Lösung erklärt wurde. Und das nur wenige Monate nachdem Sie Berechnungen verlauten ließen, wonach "alle Varianten auf 30 Jahre gerechnet kostenmäßig sehr nahe beisammen liegen".

Geld würde zurückfließen

Sie schätzen den Erlös aus dem Verkauf des Funkhauses auf rund 20 Millionen Euro. Ein beträchtlicher Teil dieses Geldes würde in Form von Mietkosten an den Käufer zurückfließen. Denn Sie wollen das Haus schon bis 2016 verkauft haben. Der Umzug auf den Küniglberg soll frühestens 2020 erfolgen. Sie müssten das Funkhaus also für mindestens vier Jahre rückmieten. Das ergäbe bei ortsüblichen Mieten eine einstellige Millionensumme.

Warum diese Eile mit dem Verkauf? Steht vielleicht der Käufer in Wahrheit längst fest?

Stutzig machen uns auch Ihre Berechnungen, wonach sich der ORF durch die Konzentration am Küniglberg ab dem Jahr 2025 zehn Millionen Euro jährlich ersparen will. Zu solchen Langzeitprognosen möchten wir Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) zitieren. Er meinte kürzlich im Standard: "Wir haben im Vierteljahresabstand unterschiedliche Prognosen der Wirtschaftsforscher. Ich werde ab und zu gefragt, ob ich irgendetwas im Jahr 2018 garantieren kann. Nur Scharlatane sagen Ja."

Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) hat zur ökologischen Unsinnigkeit des Vorhabens "ORF Standort neu" Stellung genommen. Denn täglich würden hunderte zusätzliche Pkw-Fahrten von und zu Interviews anfallen.

Und die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland stellte kürzlich in einem offenen Brief an den Wiener Bürgermeister fest, dass der neue Standort in deutlichem Gegensatz zum Wiener Stadtentwicklungsplan steht. Wien will Smart City werden, die Strategie dafür sieht kurze Wege und eine Durchmischung von Funktionen vor. Ein Abzug der Radios aus der Argentinierstraße hinterließe dort eine ziemliche Wüste.

Sehr geehrter Herr Wrabetz, Herr Grasl, Herr Amon: Wir sind weder bequem noch innovationsfeindlich - im Gegenteil: Wir haben Ideen zu einer auch wirtschaftlich noch besseren Nutzung des Funkhauses. Etwa über bereits an uns herangetragene Kooperationsvorschläge von Kultureinrichtungen im Umfeld.

Das Funkhaus ist bestens funktionstüchtig. Es könnte wohl um weit weniger als die von Ihnen veranschlagten 70 Millionen in Schuss gehalten werden.

Es finden sich sicher Mittel und Wege, dem aktuellen Stiftungsrat eine Neudiskussion der Standortfrage nahezulegen.

Dies ist ein dringlicher Appell an Sie: Ändern Sie den eingeschlagenen Kurs. Gestalten wir gemeinsam den Medienstandort Funkhaus zu einem prestigeträchtigen Zukunftsprojekt im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags! Das wird sich inhaltlich und letztlich auch ökonomisch lohnen. (DER STANDARD, 17.2.2015)

Die Autoren dieses offenen Briefes an die Führung des Österreichischen Rundfunkes sind die Redakteurssprecher, die Betriebsräte sowie rund 200 weitere ORF-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

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