Gräber geschändet: Paris will Hintergründe rasch aufklären

16. Februar 2015, 17:49
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Polizei hat nach systematischen Angriffen auf jüdische Gräber mehrere Täter festgenommen

Sie kamen lautlos und gingen wortlos: Ohne die üblichen Hakenkreuze oder SS-Graffiti zu hinterlassen, stürzten Unbekannte in der Nacht auf Sonntag an die 300 Grabsteine des jüdischen Friedhofs von Sarre-Union (Elsass) um. Die systematische Grabschändung konnte nicht das Werk eines Einzelnen sein, schätzte die Polizei, die in dieser Gegend Erfahrung mit solchen Akten hat. Sie sollte recht behalten: Wie am Nachmittag bekannt wurde, haben die Ermittler fünf Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren festgenommen. Einer der Burschen, die aus der Gegend stammen sollen, hatte sich schon in der Morgenstunden gestellt. Über die Hintergründe war zunächst wenig bekannt, Paris sicherte allerdings rasche Aufklärung zu. Die Verdächtigen selbst sollen antisemitische Motive zunächst abgestritten haben.

Die Bestürzung war dennoch nach den Ereignissen von Paris und Kopenhagen besonders groß - und die Sicherheitskräfte sind nervös. Experten rechneten aber eher mit einem zeitlichen Zufall. Das macht es aber nicht besser. "Ich habe die Nase voll von all diesen antisemitischen Anschlägen", sagte Roger Cukierman, Chef des jüdischen Dachrates Crif. "Dieser Hass zeigt, dass die Erziehung unserer Jugendlichen komplett versagt hat."

Auswanderung nach Israel

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte die europäischen Juden schon am Sonntag aufgefordert, nach Israel auszuwandern. Der nicht neue Aufruf wirkt – zumindest in Frankreich: 2014 sind von dort aus rund 6.000 Juden nach Israel emigriert.

Premierminister Manuel Valls wies den Appell aus Jerusalem am Montag entschieden zurück: "Frankreich wünscht Ihre Ausreise nicht." Und er bedaure Netanjahus Worte: "Wenn man im Wahlkampf ist, heißt das nicht, dass man zu jeder Aussage befugt ist. Der Platz der jüdischen Franzosen ist in Frankreich." Ganz ähnlich äußerte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Juden in ihrem Land Sicherheit und Schutz zusagte.

Der französische Staatspräsident François Hollande will den geschändeten Friedhof am heutigen Dienstag besuchen. Er versprach die rasche Aufklärung der "abscheulichen und barbarischen Tat".

Anstieg antisemitischer Übergriffe

In früheren Fällen waren die Grabschänder meist Neonazi-Kreisen zugeordnet worden, zuletzt wuchs aber die Sorge vor "arabischem Antisemitismus". Dieser trug auch dazu bei, dass sich die antisemitischen Akte in Frankreich 2014 auf 851 verdoppelt haben.

Der aus dem Elsass stammende sozialistische Abgeordnete Philipp Bies stellte eine Parallele zu den jüngsten Wahlerfolgen des rechtsextremen Front National (FN) her: Dieser habe in Sarre-Union bei den letzten Kommunalwahlen 41 Prozent der Stimmen erzielt. FN-Präsidentin Marine Le Pen distazierte sich allerdings und verurteilte die "niederträchtige Tat" ebenso entschieden wie andere Parteiführer.

Aus der Reihe tanzte am Montag nur der frühere sozialistische Außenminister Roland Dumas. In einem Radiointerview meinte der 92-Jährige auf eine entsprechende Journalistenfrage, Valls stehe "wahrscheinlich" unter "jüdischem Einfluss", wenn er sich dermaßen für die Juden einsetze. Dumas bezog sich auf "persönliche Bindungen" des sozialistischen Premiers, der mit der jüdischen Violinistin Anne Gravis verheiratet ist. Der Ex-Mitterand-Minister musste für seine Worte heftige Kritik – vor allem vonseiten seiner eigenen Partei – einstecken. (APA, Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 17.2.2015)

  • Ein umgestürzter Grabstein des jüdischen Friedhofs von Sarre-Union.
    foto: ap photo/christian lutz

    Ein umgestürzter Grabstein des jüdischen Friedhofs von Sarre-Union.

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