Sam Dees: Lampenfieber und Freudentränen

16. Februar 2015, 17:11
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Dutzende Soul-Music-Stars kamen mit seinen Songs in die Charts, er selbst ist nur einer kleinen Gemeinde bekannt: der große Stilist Sam Dees. Nun ist die Sammlung "It's Over" erschienen. Da geht die Sonne auf

Wien - Bei Erwähnung seines Namens läuft Kennern bereits ein Schauer über den Rücken: Sam Dees. Er gilt als einer der Giganten des Soul. Einmal ganz profan, weil er mit ein Meter fünfundneunzig schon rein physisch eine beachtliche Erscheinung ist. Und dann ist da sein Werk. Es zeigt einen anderen, einen zärtlichen Giganten. Einen Sir, einen Mann mit Stil, mit Gefühl und rarer Eleganz. Dennoch bleibt er bis heute eine erratische Erscheinung im Geschäft.

Es gibt nur wenige Fotos von ihm, oft müssen Schnappschüsse von Fans als Plattencover herhalten, aus denen der Fan herausretuschiert wurde. So ein Album ist jetzt erschienen: It's Over ist eine Sammlung bislang unveröffentlichter Songs, Demos und neuer Versionen aus dem Fundus des 69-jährigen Sängers und Songwriters. Es macht sein schmales Werk ein bisschen breiter und verdeutlicht einmal mehr, warum seine Fans voller Ehrfurcht sind.

Sam Dees gilt als ein Mann im Schatten. Es heißt, er habe stets unter Lampenfieber gelitten, was seine wenigen Auftritte erklären würde. Informationen über seine Biografie waren lange Zeit dürftig, selten mehr als Gerüchte. In Zeiten vor dem Internet galt bereits als Eingeweihter, als Wissender, wer überhaupt seinen Namen kannte.

Geboren wurde Dees 1945 als eines von 13 Kindern in der Ku-Klux-Klan-Hochburg Birmingham im US-Bundesstaat Alabama. Seine erste Single gilt als eines der brillantesten Dokumente des Deep Soul: Lonely For You Baby.

Ein tief empfundenes und zerrissenes Liebesbekenntnis, für das Sammler obszöne Summen bezahlen. Es folgte eine Reihe vielversprechender Singles auf Labels wie Chess und Atlantic, etwa das Junkiedrama Signed Miss Heroin, doch erst 1975 veröffentlichte Dees sein Debütalbum.

The Show Must Go On zeigte auf dem Cover einen Mann mit feinen Linien in nachdenklicher Pose, die Musik war ein genialer Spagat aus den Empfindungen des Southern Soul und Eleganz, die keine Benimmschule lehrt. Doch der Zeitgeist steuerte damals bereits in Richtung Disco, The Show Must Go On, mit seinem sozialkritischen Idiom in der Nachbarschaft eines Curtis Mayfield angesiedelt, blieb trotz gottvoller Songs wie Come Back Strong, Worn Out Broken Hearts oder What's It Gonna Be der kommerzielle Erfolg verwehrt.

Dees' Veröffentlichungen wurden rar, in den 1980ern schien er verschwunden, wurde jenen zum Rätsel, die über sein Album stolperten und mehr wissen wollten. Heute weiß man, Dees hat in dieser Zeit Songs für andere geschrieben, Hunderte sollen es sein. Erfolgreiche Kollegen wie George Benson, Aretha Franklin, Witney Housten, Gladys Knights, Denise LaSalle, Clarence Carter und dutzende andere haben seine Lieder in die Charts getragen.

Dees tauchte in den späten 1980ern mit dem Album Secret Admirer wieder auf, das mit seiner dünnpfiffigen Synthie-Produktion das Potenzial besaß, sein Erbe nachhaltig zu beschädigen. Doch in den 1990ern erschienen erstmals Kompilationen mit unveröffentlichten Titeln des Meis- ters. Das phänomenale Second To None etwa, dessen Titel bei anderen Größenwahn suggerierte, in seinem Fall jedoch angemessen erschien. Es ist eine Kollektion von Demos, die als unfertige Aufnahmen eine Klasse besitzen, die Demut lehren, während Freudentränen abgehen.

Dasselbe gilt mit wenigen Abstrichen für die 1998 erschienene CD The Heritage of a Black Man. Im selben Jahr erschien das Album Lovers Do, über das wir besser schweigen. In den letzten Jahren ist The Show Must Go On neu aufgelegt worden, im Vorjahr hat das britische Label Kent den Sampler Take One: The Origin of Twelve 70s Soul Masterpieces auf Vinyl veröffentlicht, nun die CD It's Over.

Es gibt immer Hoffnung

Bereits die Linernotes von It's Over verdeutlichen, dass hier die Buchhalter und Briefmarkensammler am Werk sind. Da werden Sekunden gezählt und mit anderen Aufnahmen verglichen - kann man alles getrost vergessen. Die Musik hilft dabei. Demos und fertige Songs stehen auf Augenhöhe nebeneinander. In so scharfer, ökonomischer Produktionsweise auf solide groovender Rhythmen beschwört Dees den "New Day", versenkt seine Stimme in dramatischen Breaks und taucht am Ende mit der einzigen Konstante wieder auf, die Soul-Music als Zwilling des Gospel durchzieht: Hoffnung.

Sam Dees, diese Lichtgestalt, er beschwört die Hoffnung nicht nur, er sät sie in die Herzen seiner Hörer. Er gehört entdeckt, er gehört gehört. It's Over bietet eine wunderbare Einstiegshilfe in dieses Universum. (Karl Fluch, DER STANDARD, 17.2.2015)

  • Ein Stilist von rarer Eleganz: Der 69-jährige Soulsänger Sam Dees untermauert auf der CD "It's Over" seine Reputation.
    foto: kent records

    Ein Stilist von rarer Eleganz: Der 69-jährige Soulsänger Sam Dees untermauert auf der CD "It's Over" seine Reputation.

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