iCar: Warum es für Apple sinnvoll erscheint, ein E-Auto zu bauen

Analyse16. Februar 2015, 08:56
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Autoindustrie kooperiert immer enger mit IT-Branche – Apple hat als Quereinsteiger Chance, Markt zu erobern

Cupertino – Zuerst tauchten in den vergangenen Wochen in San Francisco mysteriöse Vans auf, die im Auftrag von Apple die Straßen unsicher machten; dann berichtete das "Wall Street Journal" am Samstag in einer ausführlichen Reportage, dass der IT-Konzern an eigenen E-Autos arbeitet: Auch wenn sich Apple offiziell zu keinem der Vorgänge geäußert hat, dürfte einiges an den Spekulationen dran sein. Nach einer ersten Überraschung gelangen nun auch Marktanalysten und Techblogs zusehends zu der Überzeugung, dass ein iCar sogar sehr sinnvoll sein würde.

Smarte Autos

Denn: Autos werden zusehends "smart", Technologie spielt eine immer größere Rolle. Einparkhilfen, die das Auto aktiv steuern, oder vernetzte Interfaces: Moderne Autos sind schon jetzt mit intelligenten Anwendungen vollgepackt, die aus der Informationstechnologie stammen. Apple könnte also versuchen, das Feld quasi von der anderen Seite aufzuräumen. Zusätzlich ist die Autobranche eine Zuliefererbranche: Viele Einzelteile werden für große Konzerne von Drittfirmen erzeugt und dann zusammengesetzt.

Design-Guru

Apple hat sich außerdem den Ruf erworben, für großartiges Design zu stehen. Das könnte die Autobranche gut gebrauchen: Die Prototypen von Googles selbstfahrenden Autos stießen bei vielen auf enorme Ablehnung. Aber auch die althergebrachten Konzerne tun sich schwer: "Ich hasse das Design US-amerikanischer Autos", soll Apples Design-Guru Jonny Ive gesagt haben. Wenn man sieht, wie der IT-Konzern mit iPhone, iPad und Macs Design-Standards gesetzt hat, könnte man Apple dies auch für Autos zutrauen.

Starke Marke

Überhaupt würde die Marke Apple helfen, Autos zu verkaufen. Die US-amerikanischen Autokonzerne stehen momentan in einer Identitäts- und Vertrauenskrise, vor allem General Motors, das 2014 bis zu einer Million Autos wegen eines Konstruktionsfehlers zurückrufen musste. Wenn sich Autos tatsächlich selbst steuern, ist fraglich, ob sich Millionen in ein technisch nicht so ausgereiftes General-Motors-Vehikel setzen möchten.

Reibereien mit Tesla

Bleibt natürlich ein wichtiger Konkurrenz: Tesla. In der Vergangenheit gab es immer wieder Berührungspunkte zwischen Apple und dem Autohersteller. Zeitweise hieß es sogar, dass Apple dessen Übernahme plante; es kam zu mehreren Treffen der Konzernspitze. Mittlerweile ist klar, dass Tesla und Apple getrennte Wege gehen – und in einem erbarmungslosen Kampf um das beste Personal stehen. Mindestens 64 hochrangige Tesla-Ingenieure soll Apple laut drm Magazin "Wired" in den vergangenen Monaten abgeworben haben. Gerüchteweise bietet der IT-Konzern Tesla-Angestellten 250.000 Dollar Einstiegsprämie und mehr als doppelt so viel Gehalt.

Wichtiger Ingenieur war bei Ford

In Apples Geheimlabor sollen dann auch schon mehrere hundert Personen an einem Elektroauto arbeiten. Wired zählt 640 Angestellte auf, die in der Vergangenheit in der Autoindustrie gearbeitet haben. Auch wichtige Designer und Entwickler: Steve Zadesky, der dem Autoprojekt vorstehen soll, hat einst bei Ford gearbeitet, bevor er iPod und iPhone entscheidend mitentwickelte. Apples neuer Designstar Marc Newson entwarf vor einigen Jahren ein Auto für Ford.

Batterien

Ein Knackpunkt bei E-Autos ist naturgemäß deren Batterie: Wie oft muss das Auto geladen werden, wie lange kann es fahren? Nun ist klar, dass eine Autobatterie nicht eins zu eins auch in einer Smartwatch oder einem Laptop verwendet werden kann – dennoch forscht Apple als IT-Konzern klarerweise intensiv in diesem Bereich. Und ein Forschungsdurchbruch bei Autobatterien kann durchaus auch im Bereich Handhelds oder anderen Geräten nutzbringend sein.

Vermögen nutzen

Schließlich bleibt als entscheidender Grund Apples gigantisches Vermögen: Der IT-Konzern sitzt auf mehreren Milliarden Dollar und hat einen Börsenwert in dreistelliger Milliardenhöhe. Wichtige Apple-Anleger drängen das Unternehmen schon lange dazu, endlich etwas mit dieser Summe anzufangen. Sogar die US-Politik wird schon unruhig und wirft Apple vor, sein Geld zu horten anstatt für Innovationen und Jobs zu sorgen. Das Unternehmen trägt also wenig Risiko, sollten seine Bemühungen scheitern: Im besten Fall erobert Apple eine Milliardenbranche, im schlechtesten Fall springen ein paar technologische Entwicklungen für andere Gerätekategorien heraus – und Cupertino hat nicht tatenlos zugesehen, wie Tesla und Konkurrent Google einen neuen Markt zu dominieren beginnen. (fsc, derStandard.at, 16.2.2015)

  • Apple soll mit Hochdruck an einem E-Auto arbeiten.
    foto: reuters/chan

    Apple soll mit Hochdruck an einem E-Auto arbeiten.

  • Google setzt sogar auf selbstfahrende Vehikel, der Prototyp stieß jedoch wegen seines Aussehens auf Ablehnung.
    foto: apa/epa/google

    Google setzt sogar auf selbstfahrende Vehikel, der Prototyp stieß jedoch wegen seines Aussehens auf Ablehnung.

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