Ägypten und Libyen greifen IS-Basen an

16. Februar 2015, 15:12
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Beide Staaten flogen Luftangriffe gegen Lager, Ausbildungsstätten und Waffendepots

Kairo/Paris - Nach der Enthauptung ägyptischer Christen durch die Miliz Islamischer Staat (IS) in Libyen haben beide Staaten am Montag Vergeltung geübt. In koordinierten Luftangriffen seien am frühen Morgen Lager, Ausbildungsstätten und Waffendepots der Islamisten im Grenzgebiet zerstört worden, teilten ihre Militärs mit. Der libysche Luftwaffenkommandeur Saker al-Dschoruschi sprach im Fernsehen von bis zu 50 getöteten Islamisten. Die IS-Miliz hatte am Sonntag ein Video veröffentlicht, das die Ermordung von 21 Christen zeigen soll. Frankreich und Ägypten forderten eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates zur Lage in Libyen, wo der IS zunehmend aktiv wird.

"Die Zahl der Toten liegt mit Sicherheit nicht unter 40 bis 50", erklärte Al-Dschoruschi zu den Angriffen. Es seien Ziele in der ostlibyschen Stadt Derna getroffen worden. "Heute und morgen werden in Abstimmung mit Ägypten weitere Luftangriffe geflogen", sagte er dem Sender Al-Arabija. Einwohner von Derna bestätigten Angriffe am Morgen. Im ägyptischen Staatsfernsehen hieß es, die Bombardierungen seien erfolgreich gewesen. Dazu wurden Aufnahmen eines Kampfflugzeugs gezeigt, das in der Dunkelheit abhob.

Bisher wurden Angriffe immer dementiert

Es war das erste Mal, dass Ägypten sich zu Angriffen auf Islamisten-Stellungen im Nachbarland bekannt hat. Bislang hat die Regierung in Kairo entsprechende Medienberichte zurückgewiesen. Allerdings hatte Präsident Abdelfattah al-Sisi nach der Veröffentlichung des Enthauptungsvideos Vergeltung angekündigt. Ägypten kämpft auf der Sinai-Halbinsel gegen Islamisten, die sich mit dem IS verbündet haben. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen haben diese inzwischen auch Verbindung zu Kämpfern im Osten Libyens aufgenommen. Ein Machtkampf zwischen ehemaligen Rebellengruppen in Libyen ermöglicht es Islamisten, dort immer stärker Fuß zu fassen.

Ehemalige Rebellen gegen Gadaffi bei IS-Miliz

Ende Oktober leistete die im ostlibyschen Derna kämpfende Miliz "Schura-Rat der Jugend des Islams" dem IS einen Treueschwur. Heute unterteilt sich die Truppe nach eigener Darstellung in einen ost- und einen westlibyschen "Staat". Sie rekrutiert sich aus ehemaligen Rebellen, die 2011 gegen den Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi gekämpft hatten. Seit Wochen machen die Jihadisten mit präzise koordinierten Anschlägen über Derna hinaus auf sich aufmerksam - und nun mit dem Video von der Ermordung der 21 ägyptischen Kopten.

Der IS hat in Syrien und im Irak große Gebiete unter seine Kontrolle gebracht und ein Kalifat ausgerufen. Eine von den USA geführte Allianz greift dort ihre Stellungen aus der Luft an. Al-Sisi wiederholte am Montag seine Forderung, auch die Islamisten in Libyen müssten ins Visier genommen werden.

Der ägyptische Präsident sprach sich zudem gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Francois Hollande für eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage in Libyen aus. Die beiden Männer hätten in einem Telefonat die Notwendigkeit neuer Maßnahmen der Staatengemeinschaft zum Kampf gegen den IS betont, hieß es in einer Erklärung des Präsidialamts in Paris. (Reuters, 15.2.2015)

Stichwort: Kopten

Die koptisch-orthodoxe Kirche in Ägypten zählt zu den bedeutendsten und ältesten christlichen Kirchen in der islamischen Welt. Der Anteil der Kopten an der 85 Millionen zählenden ägyptischen Bevölkerung beträgt zwischen sechs und zehn Prozent. Verlässliche Statistiken gibt es jedoch nicht. Seit dem Arabischen Frühling 2011 waren sie wieder verstärkt Verfolgung und Terror ausgesetzt.

In der aktuellen Verfassung Ägyptens sind die Rechte der Christen wieder stärker verankert als unter der Herrschaft der Muslimbrüder und Präsident Mohammad Mursi (2012-2013). Doch auch unter Präsident Abdel Fattah al-Sisi sind sie keineswegs sicher. Menschenrechtler kritisieren, Sisi gebe sich mittlerweile - um bei konservativen Muslimen zu punkten - "islamischer als die Islamisten".

Die koptische Kirche ist in ihrer 2000-jährigen Geschichte Verfolgungen gewohnt. Sie sieht sich selbst als "Kirche der Märtyrer", da ihre Mitglieder besonders in der Zeit des Römischen Reiches und dann später ab Beginn der islamischen Herrschaft in Ägypten viel zu leiden hatten. Die koptische Kirche in Österreich gedachte der jüngst in Libyen enthaupteten 21 Kopten auf ihrer Facebook-Seite mit folgenden Worten: "Die koptisch-orthodoxe Kirche verabschiedet ihre Kinder, 21 junge Männer, in die himmlische Ruhestätte. Ein weiteres Liebesopfer, das die Kirche ihrem Erlöser bietet. Ihr reinen Märtyrer habt als letzte Worte geschrien: 'Mein Herr Jesus, erbarme dich meiner!' Gedenkt uns(er) vor dem himmlischen Thron, damit wir stets bereit seien, unseren Erlöser zu treffen!"

Die koptisch-orthodoxe Kirche führt ihre Anfänge auf den Evangelisten Markus zurück, der im 1. Jh. n. Chr. den Sitz des Patriarchen von Alexandrien begründet haben soll. Der Name "Kopten" verweist auf die ägyptische Heimstätte der Kirche: Der arabische Name "Kibt" kommt vom griechischen "Aigyptos". Ihr religiöses Oberhaupt, der offiziell den Titel "Papst von Alexandrien und Patriarch des Stuhles des Heiligen Markus" trägt, hat seinen Sitz heute in der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Seit 2012 steht Papst Tawadros II. der koptischen Kirche vor. Der wohl international prominenteste Kopte ist der frühere UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali.

Die Kopten gehören zu den altorientalischen Kirchen, wie etwa die syrisch-orthodoxe oder die armenisch-orthodoxe Kirche. Diese hatten sich nach dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 von den restlichen Christenheit abgespalten, weil sie die Lehre von den zwei Naturen Christi - göttlich und menschlich - ablehnten, und sich zu einer einzigen, "gottmenschlichen" Natur bekannten. Der theologische Streit über die Natur des Erlösers wurde erst im 20. Jahrhundert weitgehend auf "sprachliche Missverständnisse" und politische Ursachen zurückgeführt und für beendet erklärt.

Die mit griechischen Fremdwörtern durchsetzte koptische Sprache verwendet das griechische Alphabet mit zusätzlichen eigenen Schriftzeichen und gliedert sich in mehrere Dialektgruppen. Sie wurde als Umgangssprache jedoch mittlerweile durch das Arabische ersetzt.

In Österreich ist die koptisch-orthodoxe Kirche seit 1976 präsent. Sie zählt mehr als 5.000 Mitglieder, ihr steht seit 2004 Bischof Gabriel vor. 2003 wurde die Kirche staatlich anerkannt. Die koptisch-orthodoxe Kathedrale im 22. Wiener Gemeindebezirk wurde 2004 vom damaligen Kopten-Papst Shenouda III. feierlich geweiht.

In den vergangenen Jahrzehnten erlebte die koptische Kirche einen starken Aufschwung. In ihrer Tradition ist die Liturgie in den ursprünglichen Formen bewahrt geblieben. Zentren der geistlichen Erneuerung sind die zahlreichen Klöster und die Theologische Hochschule in Kairo. Auslandsdiözesen gibt es in Nordamerika, Europa, Schwarzafrika und Australien. Es existiert auch eine kleine, mit Rom unierte koptische Kirche. 1895 errichtete Papst Leo XIII. ein koptisch-katholisches Patriarchat.

  • Der ägyptische Präsident al-Sisi gab schon Sonntagabend bekannt, dass nach der Hinrichtung von Ägyptern in Libyen die IS-Miliz mit Vergeltungsschlägen zu rechnen habe.
    foto: ap photo/egyptian presidency

    Der ägyptische Präsident al-Sisi gab schon Sonntagabend bekannt, dass nach der Hinrichtung von Ägyptern in Libyen die IS-Miliz mit Vergeltungsschlägen zu rechnen habe.

  • Präsident Abdelfattah al-Sisi (Mitte) trifft sich mit seinem Kabinett und dem Militär, um den Einsatz gegen die IS zu besprechen.
    foto: ap/egyptian presidency

    Präsident Abdelfattah al-Sisi (Mitte) trifft sich mit seinem Kabinett und dem Militär, um den Einsatz gegen die IS zu besprechen.

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