Albtraumhaftes Déjà-vu-Erlebnis für viele Franzosen

15. Februar 2015, 18:25
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Etwas mehr als einen Monat nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und den koscheren Supermarkt in Paris war in Frankreich wieder etwas Ruhe eingekehrt - doch nun ist das Terrorismusthema bei allen wieder stark präsent.

Es war für viele Franzosen wie ein albtraumhaftes Déjà-vu-Erlebnis: zuerst die ersten chaotischen, noch bruchstückhaften Informationen, dann ein präzises Bild des Schreckens. In der Folge dann die Meldungen vom zweiten Anschlag auf die Synagoge, Informationen von Hausdurchsuchungen und Mutmaßungen über die Identität des Täters: Das alles erinnerte allzu sehr an den Anschlag von Anfang Jänner auf die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und den Überfall auf den koscheren Supermarkt mit insgesamt 17 Todesopfern.

Die Verbindungen zwischen Paris und Kopenhagen sind evident, zumal bei der Veranstaltung in der dänischen Hauptstadt auch mehrere Personen aus Paris zugegen waren. Die Femen-Anführerin Inna Schewtschenko sprach gerade am Rednerpult, als die Schießerei losging.

"Großen Knall gehört"

Der französische Botschafter in Dänemark François Zimeray berichtete später, er habe zuerst einen großen Knall gehört. "Ich sagte mir, da ist ein großer Schrank umgefallen. Zuerst konnte ich nicht glauben, dass es von neuem wie in Paris losgehen könnte. Aber dann realisierte ich innerhalb weniger Sekunden, dass wir das Gleiche erlebten wie "Charlie Hebdo". Es war schrecklich. Wir lagen alle auf dem Boden und krochen zum Notausgang, während die Schüsse fielen."

In Frankreich selbst war es einen Monat nach den Attentaten schon wieder sehr ruhig geworden um das Thema: In den Wintersportferien will man nicht an die Terrorgefahr denken, auch wenn die Abreisenden in den Bahnhöfen und Flughäfen stets Militärpatrouillen begegnen.

Die Pariser Behörden sind allerdings weiter auf der Hut. Staatspräsident François Hollande reagierte nur Minuten nach dem dänischen Anschlag; er drückte dem Land "die ganze Solidarität Frankreichs während dieser Prüfung" aus. Und Außenminister Laurent Fabius ließ verlauten: "Unser Herz ist heute in Kopenhagen." Am Sonntag reiste dann Innenminister Bernard Cazeneuve persönlich an die Kopenhagener Tatorte.

Nach den Pariser Großkundgebungen vom 11. Jänner ähnelten sich am Sonntag in Frankreich auch die politischen Reaktionen über alle Parteigrenzen hinweg. Der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy verurteilte die Anschläge von Kopenhagen als einen "Terrorakt, der unsere Freiheiten und unsere Zivilisation anvisiert". Sozialistenchef Jean-Christoph Cambadélis rief für Montagabend zu einer Solidaritätskundgebung vor der dänischen Botschaft in Paris auf. Und Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem twitterte: "Die Meinungsfreiheit kennt keine Einschüchterung."

"Charlie Hebdo"-Comeback

Ähnlich sieht es "Charlie Hebdo": Nach einer längeren Aus- und Trauerzeit will die Redaktion am 25. Februar wieder eine neue Ausgabe des satirischen Heftes herausbringen. An sich wollte man die Thematik der Mohammed-Karikaturen etwas in den Hintergrund rücken. "Prima, wir knöpfen uns Sarkozy vor", habe sich die Redaktion bereits gefreut, erklärte nun Chefredakteur Gérard Biard im "Journal du Dimanche".

Die Anschläge in Kopenhagen machten diese Absicht aber zunichte: "Jetzt werden wir wieder gezwungen sein, 'darüber' zu reden. Und wieder wird man uns vorwerfen, das sei unsere Obsession. Dabei ist es gar nicht unsere, sondern deren Obsession!"

Charlie Hebdo-Chronist Patrick Pelloux rief ausdrücklich die Gemeinschaft der Muslime auf, sich "ein wenig stärker gegen die neue Terrorphase aufzulehnen". Das gelte aber auch für alle Menschen: "Wir wissen nicht, wo das hinführt, aber wahrscheinlich werden sie wieder zuschlagen." Auch die Boulevardzeitung Le Parisien kommentierte: "Leider werden wir uns darauf vorbereiten müssen, weitere Tragödien dieser Art zu erleben."

Hoch gingen die Wogen nach dem "Emigrationsappell" des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. In einer Blitzumfrage von Le Figaro äußerten immerhin 45 Prozent der Befragten Verständnis dafür. In Frankreich lebt heute die größte jüdische Gemeinde Westeuropas. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 16.2.2015)

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