"Einschätzungen der Erneuerbaren falsch"

15. Februar 2015, 18:06
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Energieregulator Walter Boltz will die Neuausrichtung der Ökostrom-Förderung. Statt Fixtarifen fürs Einspeisen sollte mehr Geld in die Forschung fließen

Wien – Die gewaltigen Umwälzungen auf den internationalen Energiemärkten, von denen der beispiellos rasche und ebenso tiefe Absturz der Rohölpreise zeugt, lässt keinen Stein auf dem anderen. "Unsere Einschätzungen und Annahmen bezüglich erneuerbarer Energien waren schlicht falsch," sagte Energieregulator Walter Boltz im Standard-Interview.

Ansichten, die einer breiten Öffentlichkeit bis vor kurzem als unumstößliche Wahrheit galten, seien mehrfach widerlegt. Dazu gehöre die Vorstellung, die Menschheit steuere eher früher als später auf einen Energieengpass zu, weil die fossilen Energien zur Neige gingen. Tatsächlich gebe es durch den Hype rund um Schieferöl und Schiefergas in den USA so viel schwarzes Gold auf den Märkten wie noch nie.

Rohölpreis bleibt tief

Auch die Ansicht, die Preise für Öl, Gas oder Kohle würden nur eine Richtung – nach oben – kennen, sei ein Trugschluss. Das zeige nicht zuletzt der seit vergangenem Sommer mehr als halbierte Rohölpreis. Der werde so rasch auch nicht mehr alte Höhen von 100 Dollar je Fass (159 Liter) oder mehr erreichen, glaubt Boltz. Deshalb sein Pädoyer: "Statt das System fixer Einspeisetarife zur Förderung von Wind- und Solarenergie oder Strom aus Biomasse fortzuschreiben oder allenfalls marginal zu ändern, sollten wir einen Schlussstrich unter diese Art der Förderung ziehen." Die vielen Milliarden Euro, die man sich dadurch allein in Österreich über die Jahre ersparen würde, sollten dafür verstärkt in die Erforschung und Entwicklung hocheffizienter Technologien gesteckt werden.

Kostenflexibilität nach unten

Dass die Förderung von Schieferöl und Schiefergas wie eine Blase platzen könnte, wegen des Preisverfalls bei Öl und Gas noch dazu viel früher als von Skeptikern so und so erwartet, glaubt Boltz nicht. "Was von vielen Analysten nicht gesehen wird, ist die Kostenflexibilität der Branche nach unten. In den vergangenen Jahren gab es durch den Boom einen enormen Kostenauftrieb bei Förderanlagen, Sand, Chemikalien und Personal," sagte der Energieregulator.

Durch die gesunkenen Preise entstehe nun Druck auf die Kosten. Boltz: "Das Schieferölunternehmen sagt, mit der gegebenen Gehaltshöhe kann ich euch nicht länger den Job garantieren. Wenn ihr mit 20 Prozent weniger Gage zufrieden seid, gibt es weiterhin Arbeit. Dasselbe sagt das Unternehmen den Lieferanten von Sand, Chemikalien und anderen Materialien. Wo die Untergrenze liegt, wird sich zeigen."

Cocktail aus Wasser und Chemie

Bei der Produktion von Schieferöl wird das oftmals einige tausend Meter tief liegende kohlenwasserstoffhaltige Gestein (Schiefer) aufgebrochen. Dies geschieht, indem ein Cocktail aus Wasser und Chemie unter hohem Druck durch das Bohrloch gepresst wird.

Die Zahl der Bohrungen ist zuletzt zwar zurückgegangen, weil sich für die einschlägigen Unternehmen die Aktivität bei aktuellen Ölpreisen von weniger als 50 (statt im Vorjahr rund 110) Dollar je Fass nicht lohnt. Bei bereits bestehenden Bohrlöchern sei das anders, sagt Boltz: "Die tatsächlichen Grenzkosten der Ölförderung sind niedrig – in Saudi-Arabien liegen sie bei zwei bis fünf Dollar je Fass, in den USA bei zehn bis maximal 15 Dollar, wenn die Investition schon getätigt wurde. Das sind 'sunk costs', dieses Geld ist sowieso weg." Ein Unternehmen habe zwei Optionen: entweder aufhören zu fördern mit der Folge, dass Schließungskosten anfallen, oder weiterproduzieren und zumindest kleine Deckungsbeiträge verdienen. Es sei zu erwarten, dass wohl die Mehrzahl der Unternehmen sich für Variante zwei entscheiden.

CO2-Minimierung

Das und der Umstand, dass in vielen Teilen der Welt die Förderung von unkonventionellem Öl und Gas noch gar nicht in Angriff genommen wurde (in Österreich gibt es ein Moratorium, in anderen Ländern Europas bleibt die umstrittene Technologie ebenfalls bis auf weiteres verboten; Anm.), zeigten, dass es fossile Energieträger wohl noch lange geben werde, sagte Boltz.

Und die damit verbundenen klimaschädigenden CO2-Emissionen? Die Minderung des CO2-Ausstoßes sollte laut Boltz zum primären Politikziel erklärt werden, in Europa und möglichst darüber hinaus. Die Erreichung von Vorgaben sollte den einzelnen Ländern überlassen werden. Damit könnten, müssten aber nicht Vorgaben für erneuerbare Energien gemacht werden. (Günther Strobl, DER STANDARD, 16.2.2015)

  • Kitschig schön erhebt sich ein Regenbogen hinter einer Galerie von Windturbinen westlich von Palm Springs in Kalifornien. Billiges Öl bringt erneuerbare Energien unter Druck.
    foto: ap

    Kitschig schön erhebt sich ein Regenbogen hinter einer Galerie von Windturbinen westlich von Palm Springs in Kalifornien. Billiges Öl bringt erneuerbare Energien unter Druck.

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