Musikverein: Kathartischer Faschingskontrast

15. Februar 2015, 17:40
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Das ORF RSO Wien, der Wiener Singverein und Ingo Metzmacher mit Kompositionen von Szymanowski und Lutoslawski im Musikverein

Wien - Hat er sich schon erholt vom Opernball? Hat er. Voller Elan federt Ingo Metzmacher auf das Podium im Großen Musikvereinssaal und schiebt gleich Karol Szymanowskis frühe Konzertouvertüre op. 12 an, ein prachtvolles Werk im spätromantischen Gestus eines Richard Strauss. Dann führt der 57-Jährige das ORF RSO Wien kundig durch die vierte Symphonie Witold Lutoslawskis.

Auf einen zarten, schwebenden Beginn, der leider von granitharten Harfenpizzicati gestört wird, schließt eine Folge vielgestaltiger Stimmungsbilder an, voller Melancholie, Schönheit, Schmerz und fragiler Bizarrerie. Lutoslawski hat in seinen mittleren Jahren viel Gebrauchsmusik komponiert, und die episodenhafte Werkanlage und Effektsicherheit seiner Vierten erinnert mitunter an Filmmusik: Ennio Morricone für Fortgeschrittene. Bewegend, erschütternd nach der Pause dann Lutoslawskis Musique funèbre für Streichorchester. Großartig steigert sich die leise Klage zu gellendem Schreien und verebbt wieder.

Eine schöne Programmkonzeption, übrigens: zwei Werke von Lutoslawski als Kern, umrahmt von zwei Arbeiten Szymanowskis. Wie eine späte Umarmung der beiden polnischen Tonsetzer. Als Kompositionsstudent des Warschauer Konservatoriums empfand Lutoslawski die späten Werke seines ehemaligen Direktors als rückwärtsgewandt; einmal nur sind die beiden persönlich aufeinandergetroffen. Jedoch zeigte sich Lutoslawski von der Aufführung von Szymanowskis Stabat Mater bei dessen Begräbnisfeier 1937 in Warschau gerührt.

Rührend gerät auch die Interpretation des Stabat Mater zum Abschluss des Sonntagmittagskonzerts im Musikverein: Das ORF RSO Wien, der empfindsam singende Wiener Singverein und ein souveränes polnisches Solistenterzett (Aleksandra Kurzak, Ewa Wolak, Artur Rucinski) bieten einen angenehmen Kontrapunkt zum kalendarisch verordneten Faschingsirrsinn und demonstrieren die balsamische, kathartische Kraft gemeinschaftlichen Trauerns. (Stefan Ender, DER STANDARD, 16.2.2015)

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