In der Zeitmaschine

16. Februar 2015, 08:42
18 Postings

Ein Drive By zu den Fluglotsen und meine Reise in eine möglich gewesene Zukuft

Ich besuche die Fluglotsen deren Einer ich einst auch bin. Vor 24 Jahren. Es ist wie eine Zeitreise in eine möglich gewesene Zukunft. Und doch ist es Heute. Das verwirrt mich.

Der Sound der Zeit

"Es herrscht ein rauer Ton in der ACC !" Die ACC ist das Area Control Centre, der Ort wo Fluglotsen arbeiten. Und dieser Satz wird hier in den 80ern an vielen Tagen dutzende Male zitiert. Damals glaubt man, es sei entspannend für Bildschirmarbeiter, ihren Arbeitsplatz mit psychologisch definiertem Farbdecor auszustatten. Deswegen sind die Radarpulte Orange, ihre Rückseiten Braun, der Boden Sandbraun, irgendwas ist auch Grün, aber ich habe vergessen, was es ist.

Bloß die Geräusche und ihren Pegel bedenkt man damals nicht.

Wenn man damals den ACC Saal betritt, ist man auditiv in einer Zwölftonvariante von "21 First Century Skizzoid Man". Alles hier ist 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche in Betrieb. Das Orchester besteht aus den Anschlägen von einem halben Dutzend elektromechanischer Fernschreibgeräte, dem Klappern der Datenstreifen und dem Sirren der Drucker, die sie ausdrucken. Dazu Pilotenstimmen aus Dutzenden Flugzeugen, die Kühlanlagen der Radarpulte, so manches Mal auch das gegenseitige Anschnautzen unter Kollegen.

Heute hingegen ist es ein harmonischer Track von "Morcheeba", der in der ACC herrscht. Möglicherweise "Over and Over"? Die Farben sind teilweise die selben wie damals, es gibt jedoch mehr Grautöne. Die Decke ist nun mit einer Art Blende versehen, die diffuses Licht gleichmässig ausstreut und charmant einen sozrealistischen Bahnhof emuliert. Doch wenn man nicht zur Decke blickt, sieht die ACC mehr aus wie das Kontrollzentrum einer ESA Mission. Das gefällt mir. Der "raue Ton" von einst ist nur in der Erinnerung meiner Kollegen zu hören, die damals zusammen mit mir die Ausbildung beginnen. Für die Jungen sind das nur die G´schicht´ln der alten Pfürze. Deren Einer ich heute auch gewesen sein könnte.

Ja, es ist wahr: Wir alle sind nun alte Pfürze!

Auch ich. Wurscht! Das werden irgendwann die Meisten. Was mich freut, ist dass meine Arbeitsgefährten von einst Zufriedenheit ausstrahlen und ehrlich lachen können. Was mich freut, ist dass Harald noch immer selbstironisch ist. Das merke ich, als er über seine zweite Ehe mit der selben Frau spricht. Jemand, der zu dieser seltenen Kategorie der Hartnäckigkeit neigt, braucht auch jede Menge Humor. Ich freue mich, dass der Franz nur Nikotinkaugummis kaut, gut aussieht und als Junggeselle durch die Stadt streift. Ich freue mich, dass der Gerhard zwar ein Wamperl hat, aber sehr zufrieden damit ist.

Harald sammelt noch immer Gemälde zeitgenössischer, österreichischer Maler und verfügt noch immer über einen IQ von gefühlten 180 auf der Richterskala für Intelligenz. Franz errinnert sich noch immer an einen Morgen vor 24 Jahren, den wir im Simulator zubringen und Demut lernen. "Franz ..." flüstere ich damals in der fünften Minute der Simulation zum Franz. "Kennst du dich noch aus?". Ich vergesse Gerhard zu fragen, was aus seinem deutschen Old Timer, einer bekannten Marke mit Stern als Logo, geworden ist, und ob er noch leidenschaftlich durch die Ägäis segelt.

In Abrahams Schoß

Und ich freue mich, dass meine Kollegen gut beschützt werden. Doch gleichzeitig ist es bitter, dass die Republik meint, sie seien in Gefahr. Weswegen ich nicht beschreiben werde, welche Maßnahmen seit der Ermordung von Charlie Hebdo und vier Juden in Frankreich in Kraft sind, damit meine Kollegen in Sicherheit über den Luftraum gebieten können. Das Wort "Festung" ist alles, was ich dazu sage.

Die andere, mehr nostalgische Trauer gilt einem Berufszweig in der Fluglotserei, der schlicht ausgestorben ist. Es gibt keine Flugdatenbearbeiter mehr. Die Daten bearbeiten sich heute selbst, die menschliche Schnittstelle "Flightdata" ist überflüssig. Doch Harald, Franz, Gerhard und ich wissen noch wie das gemacht wird, was uns zu den letzten lebenden Flugdatenbearbeitern macht. Zusammen mit dem Bordfunker, der Morsen kann, dem Navigator, dem Bordmechaniker und dem ungerichteten Funkfeuer, dem Koch auf der Constellation und der Eleganz der Caravelle, sind wir eben ein Teil der großen Story vom fliegenden Menschen. Und das ist gut so, macht irgendwie stolz.

Mein Abgang

Ich liebe es zwar dramatisch, aber als ich vor so vielen Jahren die Nase voll habe und nimmer Fluglotse sein will, gestalte ich den Abgang als chirurgischen Schnitt. Ich betrete am Beginn meiner letzten Schicht das Personalbüro. Und sage: "Ich will, dass diese Schicht meine Letzte ist!" Dann unterschreibe ich drei Mal dort, wo der Personalchef ein Kreuz malt.

Als ich dann nach Schichtende, um punkt 22 Uhr aus dem Gebäude trete, als die schon damals gepanzerte Tür, elektrisch betrieben hinter mir mit einem satten "Klack!" einrastet, ist es ein lauer Abend im Frühsommer. Die Luft riecht nach warmen Beton und Baumblüten. Ich höre das Rauschen der Stadt. Und fühle unendliche Zufriedenheit.

Ich wiege meine seit damals anhaltende Zufriedenheit nicht gegen die Zufriedenheit meiner Kollegen. Ich gönne sie ihnen und bin glücklich, dass ein jeder von uns zu seiner eigenen geraten ist. Mein Schmunzeln gilt nur der Rede von der Pension, die in eh nur fünf, sechs Jahren daherkommt. Dann, so stellt sich heraus, will ein Jeder seinen Hobbies nachgehen. Ich werde vermutlich schreibend einem Herzinfarkt erliegen. Wie zu Weihnachten meine arme, geschundene Mutter.

Am Abend wird es hell

Manchmal denke ich mögliche Szenerien über den Verlauf der Dinge, wäre ich vor 24 Jahren nicht in das Personalbüro einmarschiert. Ich finde nicht vieles, dass ein Hindernis zum zufriedenen Leben ist. Das Wenige ist aber genug. Wie meine damalige Freundin. Die eine egomanische Nervensäge ist. Mein Plan von damals ist einfach: Ich bleibe Fluglotse, heirate die Nervensäge und stelle sie mit drei, vier Kindern ruhig. Alles andere, so denke ich, wird schon gut gehen.

Doch dann macht meine Projektion einen Hüpfer ins Jahr 2000. Darin bin ich ein Coutchpotato vor dem Videorecorder. Doch es ist eine Jugendstil Coutch. So wie der Rest der Möbel. Das ist mein Hobby. Meine Freundin ist immer noch meshugge und ein Nudnik, meine vier Töchter sind auf dem besten Weg dorthin. Meine Leber schwillt ausschließlich von teuersten Single Malts. Das ist mein anderes Hobby. Meine Arbeit in der Wetterzentrale ist ein Versorgungsposten für Fluglotsen, die nimmer können.

Auf dem Weg zum Personalbüro fixiere ich dieses Bild mit der ganzen Kraft meines Hippocampus. Als sich die Panzertür an diesem Abend vor 24 Jahren zum letzen Mal hinter mir schließt, ist der Himmel über Wien groß und weiß im Sternenlicht. Harald, Franz und Gerhard danke ich dafür, dass sie mir bei meinem Besuch in der ACC das Gefühl geben, dieser Abend sei erst gestern gewesen. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 15.2.2015)

  • Fluglotsen am Flughafen Wien. Aufgenommen im Jahr 2012. Sie haben vermutlich nichts mit den oben genannten zu tun.
    foto: christian fischer

    Fluglotsen am Flughafen Wien. Aufgenommen im Jahr 2012. Sie haben vermutlich nichts mit den oben genannten zu tun.

Share if you care.