Fifty Shades of Lugner-Ball

14. Februar 2015, 08:08
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Beim Eintauchen in die Feuchtgebiete des heimischen Gesellschaftslebens ließen die einschlägigen Leitmedien heuer alle Hemmungen fallen

Beim Eintauchen in die Feuchtgebiete des heimischen Gesellschaftslebens ließen die einschlägigen Leitmedien heuer alle Hemmungen fallen, gab es doch eine geradezu astronomisch anmutende Koinzidenz stellarer Ereignisse: Am 12. Februar 2015 fielen der Opernball und die Premiere des Filmkunstwerks "Fifty Shades of Grey" zusammen. Der eingeborene Salonlöwe konnte es bei Gebrauch der Frühvorstellung des Films noch rechtzeitig in die Oper schaffen, um das eben Gelernte auf seine Anwendbarkeit am wogenden Damenmaterial zu testen, wohlpräpariert nach einführender Lektüre.

"Höchstens einmal ein Schamhärchen"

Der "Kurier" hatte es an diesem Tag geschafft, die geistige Ausstrahlung des Films gleich mehrfach in Druckerschwärze umzusetzen. Fifty Shades of Farblos titelte er auf Seite 25 die Besprechung des Schmalspur-Sadisticals, sichtlich unzufrieden, dass von der Darstellerin neben den kleinen Brüsten höchstens einmal ein Schamhärchen ins Bild kommt. Das hinderte die Kollegen von der Kulturredaktion nicht, auf Seite 27 den Bericht über eine Pop-Art-Ausstellung im Mumok mit Fifty Shades of Bunt zu überschreiben, obwohl schon auf Seite 26 der 85. Geburtstag Gerhard Rühms unter dem Titel Fifty Shades of Schwarz gefeiert wurde.

Im Schatten des Toastbrots

Auf Seite 28 gab es Fifty Shades of Opernkunst des Sängers Heinz Zednik, auf Seite 30 Fifty Shades of Klum, die TV-Kritik auf Seite 31 stand im Zeichen von Fifty Shades of Zielsack, ehe man auf Seite 32 bei Fifty Shades of Opernball landete. "50 Shades of Grey" habe den Gehalt einer leeren Toastbrotscheibe und die Tiefe einer Pfütze - Grund genug für den "Kurier", den Opernball damit in Verbindung zu bringen. Dass er sich Fifty Shades of Brandstätter entgehen ließ, wird manchen masochistischen Leser verstört haben. Da half es auch nichts, dass auf Seite 21 für den Hype um "50 Shades of Grey" geworben wurde.

Riemenpeitsche, lieber Valentin!

Blumenverkäufer werden heuer am Valentinstag nichts zu lachen haben, versprach "Österreich": Keine Karten mehr für Film am Valentinstag. Statt Rosen und Amaryllis kauft der Auspeitscher von Format heuer Handschellen um 13 Euro, eine Riemenpeitsche um 16 Euro, Liebeskugeln um 18 Euro, denn Österreicher sind jetzt scharf auf Fesselspiele, was kein Wunder ist, denn dieser Film erregt die Welt. Da sind die Organisatoren des Opernballs mit ihrer Damenspende ziemlich abgestunken.Wenn man vom Bondage-Paket für Einsteiger um 42 Euro absieht, kommt der Fesselkavalier von heute nicht teurer weg als der Rosenkavalier von gestern.

Der Sadomasochismus des Wiener Baumeisters

Fast rückt der alljährliche sadomasochistische Auftritt des Wiener Baumeisters vor dem und am Opernball ein wenig in den Hintergrund, auch wenn er es neuerlich geschafft hat, seinen Schmerz unter lustvollem Stöhnen in "Krone" und "Österreich" auszuleben. Er hat sich heuer mit einem neuen Folterwerkzeug versehen - wenn man einmal angefangen hat, will man es immer härter. Cathy Lugner sucht zurzeit in Los Angeles einen Agenten, der sie ganz groß herausbringt. Ehemann Richard Lugner gefällt das gar nicht, illustrierte die "Krone" diese Lust an Unterwerfung als Erfolgsformel ("News"). Der Agent will sie für eine Soap, die die Pointe schon in sich trägt. "Die Story handelt von mir, wie ich mir als Frau unabhängig eine Karriere aufbaue. Zum Glück handelt es sich um eine Serie mit eingespielten Lachern.

Shades of Spatzi

Die Heimkehr des Jungstars war ein Triumph. Heute landet sie! hechelte "Österreich" am Dienstag, aber leider: Spatzi droht mit Ball-Boykott, Riemenpeitsche nichts dagegen. Aber schon Donnerstag ließ der Schmerz nach: Canalis & Spatzi im Ball-Fieber. Dabei gab es zuvor noch einen Alkohol-Exzess. Drei leere Champagnerflaschen im Flieger - und zwischen Cathy und Richard Lugner flogen die Fetzen, die wohl kaum als anerkannte Werkzeuge für den geregelten sadomasochistischen Einsatz gelten können. Am Ende bekam er es dann aber doch mit Shades of Spatzi zu tun: Beschwingt und beschwipst schmuste sie dann auch noch mit Lugner. Das muss sehr weh getan haben.

Immer nur der Mittelstand

Es war "News", wo einem jeglicher Spaß an der Botschaft des Films geraubt wurde. Die Geschlagene, so die aufgebotene Vize-Rektorin der Freud-Uni Wien, heilt den Auspeitscher, und tatsächlich sieht man den geläuterten Grey ja am Schluss als Vorzeigefamilienvater mit dem gemeinsamen Kind durch das geräumige Eigenheim tollen. Einfach ekelhaft, wie unter den gehyptesten Hypes immer nur der Mittelstand hervorkommt. (Günter Traxler, DER STANDARD, 14.2.2015)

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