Das Böse im Marshmallow-Test

13. Februar 2015, 17:43
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"Talk to the Demon" von Wim Vandekeybus im Tanzquartier Wien

Wien - Das "Böse" ins Mythische zu überführen, heißt immer auch, es zu glorifizieren. Dem hat sich die große Politiktheoretikerin Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem widersetzt. Ihr Bericht von der Banalität des Bösen erschien 1963, dem Geburtsjahr des weltberühmten belgischen Choreografen Wim Vandekeybus, der gerade im Tanzquartier Wien mit Talk to the Demon ein Stück über das Böse zeigt.

Gleich zu Beginn wird das Publikum getestet. Ein Tänzer stellt zwei Kinder vor, die Zuschauer können wählen: Welches wird im Stück weiterspielen, und für welches heißt es 'Tschüss'? Guter Versuch in einer Welt aus Casting, Voting und Likes. Ein Teil des Premieren-Auditoriums wählt tatsächlich. Ein Kind muss gehen.

Der verbleibende Bub führt dann ebenfalls einen - nun inszenierten - Test mit seinen erwachsenen Mitperformern durch. Vor einen von ihnen legt er eine Mandarine und sagt, es werde jetzt gehen und später zurückkommen. Nur wenn der Geprüfte bis dahin seine Frucht aufgespart hat, gibt es eine zweite. Das ist, sei hier verraten, ein Zitat des berühmten Marshmallow-Tests des in Wien geborenen und vor den Nazis in die USA geflohenen Neuropsychologen Walter Mitschel aus den 1960er-Jahren.

Die Meute und die Mandarine

Was Mitschel an Vorschulkindern gezeigt hat, funktioniert auch bei Erwachsenen. Darauf wird in Talk to the Demon verwiesen. Hier nimmt der Testverlauf allerdings eine unerwartete Wendung: Kaum ist der Bub weg, stürzen sich die anderen Tänzer wie eine Meute auf die Mandarine, verschlingen das Fruchtfleisch und spucken der "Testperson" die Schalen ins Gesicht.

Vandekeybus nutzt drastische Szenen und starke Bilder, die er durch die Zeit der postmodernen Choreografie geschleust hat. Nachdem diese zunehmend in ihren Ambivalenzen versickert ist, setzt sich derzeit im zeitgenössischen Tanz eine neue Heftigkeit durch. Mit unmissverständlichen Botschaften, aber auch mit dem bekannten Problem, dass betont plastische Kritik in Zynismus versanden oder erst recht geil auf das Kritisierte machen kann.

In Talk to the Demon wird der Versuch angestellt, zwischen den Darstellungen der Arendt'schen Banalität und jener der Überhöhung von Gewalt - wie sie in Action- und Horrorfilmen, Videospielen oder der Rapmusik die Kassen klingeln lassen - zu balancieren. Das führt zu schmerzlichen und peinlichen Situationen. Fragt der Bub immer wieder einen der Erwachsenen: "Liebst du mich?" Es dauert, bis der zugibt: "Nein." Der Bub: "Warum nicht?" Weil er ihn nicht kenne. Und die eigenen Kinder? Na, klar liebe er sie. Der Bub: "Hast du die gekannt, bevor sie geboren wurden?

Es tanzen Verrat, Folter, Mord, aber auch Metaphern dafür, dass es etwas Unbenanntes gibt, das im "sogenannten Bösen", wie es Konrad Lorenz ins Feld führte, mitspielt. Vandekeybus lässt zwar Dämonen auftreten, aber die erscheinen als Sinnbilder jener Grauzonen, die das Grauen gebären.

Das vom Publikum von der Bühne gewiesene Kind kommt zurück. Wenn es sterbe, sagt es, werde es als Clown wiederkehren. Am Ende tritt die gesamte Gruppe als Harlekin-Horde auf. Geister aus der Commedia dell' arte, die sich wie Verdammte von Dantes Divina Commedia an ihre Zuschauer wenden. Dieses Stück trifft sein Publikum. Und da ins Schwarze. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 14.2.2015)

Bis 14. 2.

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Tanzquartier Wien

  • Starchoreograf Wim Vandekeybus nutzt heftige Szenen und starke Bilder.
    foto: danny willems

    Starchoreograf Wim Vandekeybus nutzt heftige Szenen und starke Bilder.

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