René Jacobs: "Ich bestehe auf meinem Recht, kreativ zu sein"

Interview13. Februar 2015, 17:25
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Der Dirigent über ungerechte musikgeschichtliche Urteile und die Freiheit des Interpreten

STANDARD: Von Giovanni Paisiello kennen selbst Experten in der Regel nur den Namen - und vielleicht noch den Titel seiner wichtigsten Opern. Warum lohnt es sich, ihn dem Vergessen zu entreißen?

Jacobs: Der Barbiere etwa ist viel besser als sein Ruf. Ich war am Anfang, als das Angebot kam, auch sehr skeptisch, da ich es nur vom Hörensagen und vom Lesen kannte. Da hieß es immer, dass Paisiellos Barbiere zwar musikhistorisch interessant sei - aber nur als Wegbereiter für Mozart und Rossini. Das ist sehr ungerecht.

Wenn man sich näher auf das Stück einlässt, versteht man, warum es einst so erfolgreich war. Es war lange die meistgespielte komische Oper - fast überall. Wir wissen, dass sie Mozart sehr geschätzt hat. Und es ist offensichtlich, dass er sehr viel von Paisiello gelernt hat. Ich habe sechs Melodien in Mozarts Da-Ponte-Opern gezählt, die auf ihn zurückgehen. Wenn etwa der Graf im 1. Akt sein Ständchen für Rosina singt, denkt man sofort an Cherubinos Voi che sapete aus dem Figaro. Mozart hat aber auch von Paisiellos Kunst, Ensembles zu schreiben, profitiert.

STANDARD: Warum schneidet Paisiello im Vergleich schlechter ab? Wegen des Textbuchs?

Jacobs: Das Libretto ist für mich viel besser als bei Rossini, weil es dem Stück von Beaumarchais viel näher steht. Man kann die Oper eigentlich, wie das die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier machen, mit beiden Texten nebeneinander in Szene setzen. Das, was die Musikwissenschaftler immer am meisten kritisiert haben, dass sich in Paisiellos Musik zu viel wiederholt, dass einzelne Abschnitte immer wieder kommen, das trifft auch auf Mozart zu. Aber wenn bei ihm in einer Arie vier oder acht Takte wörtlich wiederholt werden, ändert er die Instrumentierung. Bei Paisiello ist das nicht so, aber man muss damit rechnen, dass die Wiederholungen variiert wurden, dass die Sänger das selbst gemacht haben. Daher habe ich an diesem Stück sehr hart gearbeitet, indem ich vieles ausgeschrieben habe. Gott sei Dank haben wir auch Sänger, die das virtuos singen können.

STANDARD: Also haben Sie quasi eine eigene Fassung hergestellt?

Jacobs: Es gibt offiziell zwei Fassungen: eine aus St. Petersburg und eine aus Neapel. Die mache ich nicht, weil sie durch Hinzufügungen länger ist, die aber nicht viel bringen. Es gibt aber hier in Wien zusätzliche Orchesterstimmen von einer Wiederaufnahme des Barbiere, kurz bevor Mozart seinen Figaro geschrieben hat. Da gibt es auch Trompeten- und Paukenstimmen sowie weitere Bläserstimmen. Es war ganz normal, dass die Instrumentierung erweitert wurde. Wir machen also quasi diese Wiener Fassung.

STANDARD: Es ist aber auch "Ihre" Fassung - mit Entscheidungen abseits des Notentextes?

Jacobs: Zum Beispiel haben die Trompeten das gleiche Material wie die Hörner: die gleichen Noten. Dass sie wirklich das Gleiche gespielt haben, bezweifeln wir alle sehr. Man kann die gleichen Töne spielen, aber sie anders rhythmisieren. Die Hörner halten eher lange Töne, und die Trompeten rhythmisieren sie. Es ist natürlich gut, wenn man weiß, was ein Autograf enthält. Aber Oper war immer ein Work in Progress. Und ich bestehe auf meinem Recht, auch kreativ sein zu dürfen.

STANDARD: Ist die Musikgeschichte nicht ungerecht? Wir wissen ja immer noch zu wenig darüber, was Mozart alles aus seiner Umwelt aufgenommen hat, und halten dafür vieles für genuin mozartisch, was er übernommen hat. Wie verändert das die Perspektive?

Jacobs: Das macht ihn keinesfalls kleiner. Die großen Komponisten haben oft gerade nichts radikal Neues erfunden. Monteverdi hat nicht die Oper erfunden, sondern auf "kleineren" Komponisten aufgebaut, bei Bach, Mozart und Wagner ist das ähnlich. Wagner hat die Leitmotive nicht erfunden. Das fängt in Glucks Zeit an - und bei Paisiello! Man hört hier in der Ouvertüre ein Motiv, das x-mal in verschiedenen Nummern der Oper zurückkommt. Darüber kann man fantasieren, ob es für Figaro steht oder für Bartolo, der hier eigentlich die männliche Hauptfigur ist - aber, ob es bewusst so verwendet wurde, wissen wir nicht.

STANDARD: Ist Paisiello ein großer Komponist? Ja oder nein?

Jacobs: (lacht) Er ist ein Komponist, der es verdient, wieder aufgeführt zu werden. Es lohnt sich, sich mit ihm zu beschäftigen. Es ist sehr gute Theatermusik, das Libretto ist gut gemacht. Die Oper ist kurz, sie dauert nur zwei Stunden, und es passiert ungeheuer viel. Es gibt ein Trio, das Rossini nicht vertonen wollte, weil er meinte, das könne niemand so gut wie Paisiello. Damit wollte er sich nicht messen.

STANDARD: Wie viel können denn Interpreten am verfestigten Kanon des Repertoires verändern?

Jacobs: Der Interpret kann eigentlich nur, wenn er selber vom Stück überzeugt ist, alles tun, um es möglichst lebendig aufzuführen. Das Erste, was man tun muss, ist es ernst zu nehmen, und zwar sowohl das Libretto als auch die Musik. Und man braucht sehr gute Sänger und das bestmögliche Orchester. Beides haben wir zum Glück. (Daniel Ender, DER STANDARD, 14.2.2015)

René Jacobs (68) war zunächst als Countertenor tätig, später als einer der prägendsten Dirigenten der historisch informierten Aufführungspraxis. Von 1997 bis 2009 war er künstlerischer Leiter der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

  • Dirigent René Jacobs zu Komponist Giovanni Paisiello und seinem "Barbiere": "Es ist sehr gute Theatermusik, das Libretto ist gut gemacht. Die Oper ist kurz, sie dauert nur zwei Stunden, und es passiert ungeheuer viel."
    foto: toppress

    Dirigent René Jacobs zu Komponist Giovanni Paisiello und seinem "Barbiere": "Es ist sehr gute Theatermusik, das Libretto ist gut gemacht. Die Oper ist kurz, sie dauert nur zwei Stunden, und es passiert ungeheuer viel."

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