In der Republik Tournon

13. Februar 2015, 17:01
posten

Ein Pariser Streifzug zu Joseph Roth und Soma Morgenstern

Je suis en route - sage ich laut vor mich hin und biege ein in die Rue de Tournon. Wesentlich ruhiger ist es hier als auf dem belebten Boulevard Saint-Germain, kaum fünf Gehminuten entfernt. Der Jardin du Luxembourg ist nah, und fast hat man den Eindruck, sich in einer anderen Zeit zu befinden. Für mich trifft das zweifelsohne zu, ich betrete erneut das Paris der 1930er-Jahre, mehrmals war ich in dieser Straße auf der Suche nach den Spuren des Joseph Roth.

Und wie immer stoße ich auch auf die Spuren anderer, vor allem auf die des Soma Morgenstern. Wie Roth ein Kind der Habsburgermonarchie, wurde der Journalist und Schriftsteller aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die Emigration getrieben. Die beiden verband eine fast dreißigjährige, wechselvolle Freundschaft, die durch Roths Trunksucht in den letzten Monaten seines Pariser Exils auf harte Proben gestellt wurde. Sie trafen sich oft im Café Tournon, vor dem ich nun stehe. Das Lokal ist in einem Gebäude untergebracht, das aufgrund der geringeren Anzahl an Etagen im Häuserensemble auffällt. Auf Höhe des ersten Stockwerks ist eine Gedenktafel: ICI A RÉSIDÉ JOSEPH ROTH, lese ich, HOMMAGE DE SES AMIS AUTRICHIENS.

Über dem Café befanden sich einst die Räumlichkeiten des Hôtel de la Post, zwölf Zimmer zählt es und ein einziges Bad. Geführt wird das Haus von Madame Alazard, "a darkly handsome French-woman who runs things like a tough but affectionate drill sergeant", so wird sie in einer Ausgabe der Zeitschrift Ebony beschrieben. Der Artikel thematisiert die Pariser Jahre des Romanciers und Erzählers Richard Nathaniel Wright, der mit seinem 1954 erschienenen Buch Black Power das Schlagwort der 1960er-Jahre prägt. Ein weiterer Satz aus dem Artikel ist mir in Erinnerung geblieben: "Madame Alazard is aware of all the romances and the scandals, the hopes and blasted hopes."

An Hoffnungen, und waren sie noch so verflucht, mangelte es Roth nicht, für einen Skandal war er ohnehin immer zu haben. Einmal erzürnte ihn das Manuskript eines Kollegen derart, dass er damit auf die Toilette verschwand. Schließlich musste ein Handwerker geholt werden, um das Klo wieder funktionstüchtig zu machen. Dennoch wurde Roth von Madame Alazard geliebt, allabendlich servierte sie ihm sein Lieblingsgericht, einen Teller Sauerkraut.

Im Café erinnert eine Fotografie von Joseph Roth an seinen Tisch im Bistro. Hier traf er Freunde und Bekannte, in seiner Republik Tournon, wie er diesen Teil des Quartier Latin nannte. Doch seine Republik begann zu zerbröckeln, mehr und mehr.

"Gegenüber dem Bistro, in dem ich den ganzen Tag sitze, wird jetzt ein altes Haus abgerissen, ein Hotel, in dem ich sechzehn Jahre gewohnt habe", schreibt Roth und: "Jetzt sitze ich gegenüber dem leeren Platz und höre die Stunden rinnen. Man verliert eine Heimat nach der anderen, sage ich mir."

Während er dies festhielt, saß Soma Morgenstern neben ihm. Gerade die letzten gemeinsamen Wochen sind es, denen Morgenstern in seinen Memoiren Joseph Roths Flucht und Ende viel Raum widmet. In unaufgeregtem Ton stellt er die innere Zerrissenheit seines Freundes und zugleich die vieler Vertriebener dar. Ihm selbst, der am Tag der Annexion Österreichs nach Paris floh, gelang 1941 über Marseille, Casablanca und Lissabon die Flucht nach New York. Hier blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1976, weder von österreichischer Seite zur Heimkehr aufgefordert noch willens, in seine Heimat zurückzukehren.

Ziellos streune ich durch das VI. Arrondissement, je suis en route. (Christoph W. Bauer, Album, DER STANDARD, 14./15.2.2015)

Soma Morgenstern, "Joseph Roths Flucht und Ende. Erinnerungen". € 24,70 / 330 Seiten. Zu Klampen, Springe 2006

Share if you care.