Die trickreichen Influenzaviren

15. Februar 2015, 15:00
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Influenzaviren sind wandelbar. Die saisonale Influenza heißt A/Switzerland/9715293/2013 (H3N2), eine ziemlich unberechenbare Spezies

Das Leiden ist fast allgegenwärtig. Überall klagen Menschen über Husten, Halsreizungen, Kopfschmerzen, Fieber und verstopfte Nasen. Viele ziehen sich ins Bett zurück, derweil herrscht bei den Hausärzten Hochbetrieb. Ja, die jährliche Grippewelle rollt. Experten zufolge dürfte es allein in Wien in der vergangenen Woche rund 13.900 neue Fälle von Influenza und grippalen Infekten gegeben haben. Die Krankheitszahlen steigen seit Mitte Jänner stetig an. Zahlreiche Betriebe sind unterbesetzt.

Viele Geimpfte krank

An sich ist diese Entwicklung nichts Besonderes. Mediziner sind dennoch aufmerksam geworden. Im Gegensatz zu anderen Jahren trifft es heuer nämlich auch ungewöhnlich viele Menschen, die sich gegen Grippe haben impfen lassen. Einen zuverlässigen Schutz scheint die Prophylaxe nicht zu bieten. Irgendetwas hat den Virologen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Sie ermitteln vor jeder Grippesaison, welche Erregertypen später wahrscheinlich zirkulieren werden, und setzen anhand dieser Prognose die Zusammensetzung des Vakzins fest. Diesmal zeigt sich allerdings ein Großteil der kursierenden Viren unbeeindruckt. Ihr Infektionspotenzial wird durch die Impfungen offenbar nicht verringert. Vor knapp einem Monat veröffentlichte das US-amerikanische Center for Disease Control (CDC) in seinem Wochenbericht die ersten Berechnungen hinsichtlich der Wirksamkeit des auf der Nordhalbkugel eingesetzten aktuellen Impfstoffs. Der Schutzfaktor beträgt demnach lediglich 23 Prozent. Das heißt: In der Gruppe der Geimpften gibt es nur knapp ein Viertel weniger Grippeerkrankungen als im nichtgeimpften Bevölkerungsanteil, ein überaus schlechtes Ergebnis.

Blöde Verschwörungstheorien

Fanatische Impfgegner und Verschwörungstheoretiker mögen nun das teilweise Versagen des diesjährigen Vakzins als einen weiteren Beleg für die Machenschaften der Pharmaindustrie sehen, doch ihre Argumentation findet nicht auf faktischer Ebene statt. Die Wirklichkeit ist, wie fast immer in wissenschaftlichen Angelegenheiten, etwas komplexer. Die Wirksamkeit von Influenzaimpfstoffen beruht grundsätzlich auf der Lernfähigkeit der menschlichen Immunabwehr. Das Vakzin enthält inaktivierte oder geschwächte Grippeerreger. Das Immunsystem erkennt sie als fremdartig und produziert daraufhin Antikörper, deren Struktur exakt für das Anheften an Antigene, bestimmte Proteine in der Virenhülle wie zum Beispiel Hämagglutinin und Neuraminidase, maßgeschneidert wird.

Die dazu erforderliche Information speichern spezialisierte Blutzellen in Form biochemischer Muster. Bei einer Infektion mit dem aktiven Virentyp lassen sich somit schnellstens neue Antikörper bereitstellen. Die Keime haben dann keine Chance.

Ständige Wandlung

Influenzaviren sind jedoch äußerst trickreiche Krankheitserreger. Sie wandeln sich ständig. Dieser Prozess wird von verschiedenen Mechanismen bestimmt, erklärt die Virologin Brunhilde Schweiger vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Der sogenannte Antigendrift spiele dabei eine wesentliche Rolle. "Er ist ein kontinuierliches Ereignis." Wie in jedem Genom finden auch im Erbgut von Viren regelmäßig Mutationen statt. Wenn diese sich anhäufen, verändert sich die Struktur von Eiweißmolekülen, wie Schweiger erläutert. Auch die Hüllenproteine sind davon betroffen. Die Umstrukturierung bewirkt, dass menschliche Antikörper nicht mehr anbinden können. Die Abwehrwaffen werden wirkungslos.

Die unablässige Evolution der Influenzaviren zwingt die Medizin dazu, auch die Impfstoffe immer wieder anzupassen. Zu diesem Zweck koordiniert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine globale Datenerfassung. Neu auftretende Grippevirenvarianten werden dingfest gemacht und analysiert. So entstehen die Prognosen, auf deren Grundlage man wiederum die Vakzinmischungen zusammenstellt. Eine Impfung soll gleich gegen mehrere der zu erwartenden Erregertypen schützen.

In diesem Winter haben sich die Wissenschafter allerdings verschätzt. Das zurzeit in Europa und Nordamerika am häufigsten auftretende Influenzavirus ist eine Form des Schweinegrippeerregers A (H3N2). Es weicht genetisch von der bisher wichtigsten Variante dieses Virenstamms ab und trägt die Bezeichnung A/Switzerland/9715293/2013 (H3N2).

Schon in Produktion

"In Europa spielte diese neue Driftvariante während der Grippesaison 2013/14 überhaupt keine Rolle", sagt Schweiger. Einzelne Viren mit den typischen Mutationen seien im vergangenen Winter in der Schweiz, in Finnland und Norwegen entdeckt worden. Die Influenzaexperten haben schlicht nicht mit einem Angriff aus dieser Richtung gerechnet. Zwar gibt es in dem diesjährigen Impfcocktail auch eine A-(H3N2)-Komponente, doch sie entspricht einem älteren Erregertypus.

Die veränderten Schweinegrippeviren traten seit Juli 2014 zunehmend auf der Südhalbkugel, in der dortigen kälteren Jahreszeit, auf. Die Zusammensetzung des Vakzins war da allerdings längst festgelegt und die Produktion bereits angelaufen. Trotz der reduzierten Effektivität empfehlen viele Experten nach wie vor, sich gegen Influenza impfen zu lassen – auch nach Beginn der Infektionswelle.

Schließlich wirke das Vakzin durchaus gegen andere Grippeviren, die eventuell später in der Saison noch umgehen. Vor allem Senioren, Kleinkinder und Menschen mit einem geschwächten Immunsystem profitieren. Bis ein vollständiger Impfschutz aufgebaut ist, vergehen zehn bis 14 Tage. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 14./15.2.2015)

  • Influenza hat viele unterschiedliche Spielarten, für die Vermeidung der mitunter schweren Krankheit gibt es die saisonale Impfung. Jedes Jahr wird der Schutz erweitert.
    foto: picturedesk

    Influenza hat viele unterschiedliche Spielarten, für die Vermeidung der mitunter schweren Krankheit gibt es die saisonale Impfung. Jedes Jahr wird der Schutz erweitert.

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