Kolpaks Visionen: Besuch bei einem Mann, der bereit ist

Reportage14. Februar 2015, 17:00
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In Sachsen wartet Hans-Georg Kolpak, aufmunitioniert mit Verschwörungstheorien, auf das Ende des Systems

Kobitzschwalde: vier Straßen, 160 Einwohner. Löschteich, Satteldächer, ornamentfreie Fassaden. Von Plauen geht es im Süden von Sachsen ein paar Kilometer durch das hügelige Vogtland. Hierher kann man sich zurückziehen, hier kann man auf etwas warten. Auf die Post zum Beispiel. Hans-Georg Kolpak hat einen Plastiksack an das Gartentor gehängt, darin ein Päckchen. Kolpak, 1953 geboren, in Neuwied in Rheinland-Pfalz aufgewachsen, verkauft gebrauchte VHS-Kassetten über das Internet. Billig übernimmt er Bestände alter Videotheken, verkauft teuer. Lacht: "Das beste Sparbuch, das ich je hatte."

Man kann in Kobitzschwalde auch auf den Untergang des Systems warten. Darauf, dass das Land in sich zusammensackt, zerdrückt von einer Schuldenlast, ausgehöhlt von "Lobbyisten". Damit meint Kolpak alle, die ein Interesse vorbringen, sich zu Parteien und Religionen formieren - er selbst war kurz in der FDP, kurz bei der libertären "Partei der Vernunft", dreißig Jahre in der evangelischen Kirche.

"Wurde gemobbt"

Von allem hat er sich gelöst, in allen Organisationen passierte dasselbe: "Ich wurde gemobbt. Man hielt mich für einen Braunen." Am Telefon hört man Entsetzen in seiner Stimme: Er? Rechts? Idiotisch! Er hat sich begeistert, vielleicht hineingesteigert, aber: "Ich drücke doch nur Wahrheiten aus, die alle sehen könnten!"

Über die Jahre erkannte Kolpak: Wenn man jemanden so einfach neutralisieren, abdrängen, stigmatisieren kann, "dann ist was falsch". Sein Dreisatz ist einfach: Sozialstaat ist Umverteilung ist Sozialismus. Also sind Hochschulen, Behörden, öffentliche Einrichtungen: links. Nebenbei wurden Neonazis und Antifaschisten "von Geheimdiensten aufgebaut, um das Volk zu spalten". Wie kann man darauf hereinfallen? Und wenn er, Hans-Georg Kolpak, also die Wahrheit, so einfach angegriffen werden kann - zeigt das nicht, dass er etwas Gefährlichem auf der Spur ist?

Noch etwas schreibt er in einer Mail: Überleben werden diesen Zusammenbruch "absolutistische Monarchien mit weitreichenden bürgerlichen Freiheiten". Im besten Fall bleibe ein "Nachtwächterstaat".Kolpak meint das als libertäre Traumvorstellung: ein Gebilde, das "das Volk nach außen repräsentiert und die Grenzen befriedet", sich sonst aber aus allem heraushält. "Ich lebe bereits heute im Hinblick auf die neue Staatsordnung." In Kobitzschwalde.

Unermüdlich im Netz

Und dann steht er da, recht friedlich, zuvorkommend, grauer Zopf, leise Stimme. Etwas angespannt. Viele Jahre hat er fast täglich Texte und Kommentare ins Netz gestellt, Aufforderungen wie: "EINWANDERER UND NICHT DIE Deutschen SOLLEN SICH ANPASSEN!" Überhaupt hat er viel über "das deutsche Volk" geschrieben, häufig wettert er gegen Schuldenpolitik und Parteienstaat, aber auch gegen Finanzkapital, Globalisierung und die USA. Zu Christopher M. Clarks Die Schlafwandler,eine Aufarbeitung der Ursachen des Ersten Weltkriegs, schrieb er: "Ich lehne dieses Buch ab, ohne es jemals lesen zu wollen." Und: "Würde Prof. Clark Wahrheiten verbreiten, verlöre er binnen Stunden seinen Lehrstuhl in Cambridge. Seine Werke sind politisch korrekt." Wenn man Kolpak fragt, ob das nicht alles eine ziemlich rechte, ausgrenzende, überreizte Sprache sei, antwortet er ohne einen Anflug von Ironie: "Rechts? Das sind Wahrheiten, die nicht in Ihr Weltbild passen, weil Sie politisch konditioniert sind."

Kobitzschwalde, kurz hinterm Dorfende, rechts ein Gartenzaun, ein Bach schneidet tief durch die Hügel, Ziergarten, Terrassenbeete: Hans-Georg Kolpak, donnerstags Laienchor, schließt das Brettertor auf. Plastiksack und Päckchen hängen noch, die Post kommt wohl später. Eine ausgebaute Datsche, Eingangstür klemmt, Schuhe aus, niedrige Zimmer, Kachelofen, der Blick geht über Felder: Friedlich ist es. Wie passt dieser Ton, dieser Alarmismus neben den Kachelofen? Fangen wir sacht an, Herr Kolpak, wie viel Zeit verbringen Sie im Netz? "Lange. Zehn Stunden am Tag."

Grammatik der Verschwörungstheorie

Das Internet ist alles Mögliche, zuerst ein grandioser Resonanzboden für Selbstgespräche. In vielen Foren vibrieren sie vor Nervosität und Aufregung: Der Untergang stehe bevor, böse Mächte seien am Werk, nutzen Kondensstreifen, Zuwanderer und Fernsehen, um uns zu vergiften, zu schwächen. Die Vorstellungen über die Welt immunisieren sich gegen rationale Einwände.

Die Grammatik der Verschwörungstheorie geht davon aus, dass Massenmedien die Rolle der "Erfüllungsgehilfen" spielen. Auch weil sie den nervösen Ton nicht treffen. Im Netz haben Verschwörungstheorien ihre wichtigste Heimat gefunden.

Und hier kommen Menschen wie Kolpak ins Spiel, 25 Jahre Schreibkraft bei der Telekom, dann macht er sich selbstständig, entdeckt, wie Wirtschaft funktioniert: "Die Ausgaben müssen durch Einnahmen gedeckt sein. Und nicht durch Schulden." Daraus bastelt er eine ganze Theorie, sucht sich Artikel und Links, die Theorie soll für Privatmann, Unternehmen und Staat gleichermaßen gelten. Sonst: Untergang.

Wenn man Hans-Georg Kolpak im Netz der Rauner und Verschwörer einsortieren will, stellt man fest, dass er kein führender Kopf ist. Wenn man ihn fragt, was er mit dem "Volk" meint, sagt er: "Alle Menschen, die hier leben." Er erzählt von der "Österreichischen Schule", fragt man ihn nach dem Ökonomen Friedrich von Hayek, gibt er zu, dass er sich mit dessen Gedanken "nie beschäftigt" hat.

Böse Frankfurter Schule

Kolpak schreibt, dass "die Identität des deutschen Volkes und die deutsche Kultur seit 1945 systematisch von den USA, UK und Frankreich zerstört wird. Der philosophische Hintergrund dieser Zerstörung nennt sich Frankfurter Schule." Theodor W. Adorno kennt er nicht, zuckt mit den Achseln: "Ich lese seit 2008 täglich Nachrichten auf hartgeld.com. Das hat mich geprägt."

Die österreichische Internet-Seite hartgeld.com ist ein Tummelplatz ernsthafter Obskuranten. Gedanken, die hier verbreitet werden, oszillieren zwischen rechten Meinungen und putzigem Alarmismus. Die Verschwörungstheorien verdichten sich bis hin zu Ratschlägen für die Geldanlage im Anblick des großen Zusammenbruchs: Gold und Silber sind immer gut. Die Seite lebt von Werbeanzeigen der Edelmetallhändler.

Hier diskutiert man die besten Stromgeneratoren, Campingkocher und Konserven für die Zeit des Übergangs zum Kaiserreich. Der Wiener Chefredakteur Walter Eichelburg warnt vor Reisen während des Umbruchs, zumindest unbewaffneten. Er selbst habe eine "Fluchtburg" in den Bergen, sei dort monatelang überlebensfähig.

Nahende Monarchie

Ansonsten gefällt er sich in der Rolle des gebrieften Ober-Rauners mit Verbindung zu höchsten Kreisen: Eine Verschwörung habe Spitzenpolitiker mit islamischen Frauen verheiratet, Eingeweihte seien bereits wieder mit der D-Mark versorgt, für die Kaiserkrönung müsse an der Stromversorgung gearbeitet werden. Beim Ausblick auf die nahende Monarchie reibt er sich die virtuellen Hände: "In der Kaiserzeit werden die Verhältnisse wieder normal und die Gutmenschen am Acker arbeiten müssen." Gutmenschen, die in Leserkommentaren als "veganverschwult" bezeichnet werden. Kolpak ist sich sicher, eine solche Seite wäre in Deutschland längst abgestellt: "Hier gibt es keine Meinungsfreiheit." Belege hat er nicht.

Über die Jahre hat Kolpak eine Art ausgedünnte Version dieser Seiten erstellt. Er folgt hartgeld nicht bis in alle Verästelungen, übernimmt aber Begriffe und Ton. Wir sitzen eine Weile, der Kachelofen knackt, die Dunkelheit zieht über Kolpaks Gesicht. Wenn man versucht, ihn auf ein Programm festzulegen, ist es, als wolle man Pudding an die Wand nageln. Nur eine kaum durchgerechnete Idee bleibt: Alle Steuern bis auf die Abgabe auf Umsätze streichen, allein die Personalreduktion bei den Finanzämtern wäre genügend Einsparung. Zurück zu Atomstrom und, natürlich, kriminelle Ausländer: raus.

Im Netz gibt es Demonstrationszüge, die lange Zeit irrelevant bleiben. Es gibt Figuren wie den Ex-Journalisten Udo Ulfkotte und Ex-Pegida-Organisatoren wie Lutz Bachmann, die sich auch mal mit Hitlerbart zeigt. Sie funktionieren in schrillen Tonlagen, sprechen immer mehr Menschen an: Dafür sind die vielen Kolpaks wichtig, die Botschaften vervielfältigen, den Ton verstetigen.

Kolpak verlinkt, kommentiert, verbreitet, vielleicht hobelt er einige absurde Spitzen ab, wirkt durch Rechtschreibfehler und ungelenke Formulierungen glaubwürdig: Er hat die Rolle eines Verstärkers übernommen, der den Ton veralltäglicht. Er hat sogar versucht, eine Gruppe ins Leben zu rufen, damit sich hartgeld-Anhänger im richtigen Leben treffen können, in einer Kneipe, beim Bier: "Da sind mal zwei gekommen, mal nur einer. Wir sind hier auf dem Land."

Dresdner Vororte

Manchmal aber, wenn man genügend Freunde animiert, kommt man sogar ins Fernsehen, zu Günther Jauch. Da erzählen dann Menschen, die kommod in Dresdner Vororten leben, Berlin seit Jahrzehnten nicht besucht haben, ohne mit der Wimper zu zucken: Aus dem Internet wüssten sie, dass es dort Stadtteile gäbe, "in die man als Deutscher nicht mehr hindarf".

Allerdings zeigen sich an Hans Kolpak auch Grenzen der Aufregung: Er hat einmal die AfD gewählt, weil er dachte, sie würde es anders machen: "Jetzt zeigt sich, das ist auch nur eine Partei wie alle anderen." Von Pegida hält er nichts mehr, "die sind längst vom Staat unterwandert." Zu den ersten Demonstrationen wollte er noch gehen.

Und noch eine andere Grenze zeigt sich an Kolpak: Er war nicht gerüstet für die Auseinandersetzungen, die er zum Teil selbst provozierte. Parteien, Kirche, Vereine, das Arbeitsumfeld - lauter Kämpfe, Anfeindungen, viel Nervosität.

Mit den Nachbarn gab es Missverständnisse, Kolpak zog häufig um, wurde Allergiker, die Magenschleimhaut ist entzündet. Seit zwei Jahren ist er im Vogtland, will "konfliktarm" leben. Geht singen, auch um im Dorf "ein Bild zu erzeugen", auf dass die Nachbarn sagen: "Der Hans ist ein Guter, der ist harmlos. Gegen den brauchen wir nicht zu kämpfen."

Holz und Wasser

Ums Häuschen streckt sich der Garten, da müssen Beete gepflegt, Holz gehackt werden. Am Bach pflanzt er Schilf an. Plötzlich hatte Kolpak neben Pressetexten für Garagenhersteller immer weniger Zeit für das Netz, immer weniger Lust auf Verschwörung und Aufregung.

Wenn er unten am Bach werkelt, Büsche beschneidet, kommt ihm das Netz unwichtiger vor. Dennoch: Wenn der Zusammenbruch kommt, hat er Holz und Wasser, kann eine Weile von Konserven leben. Hans-Georg Kolpak wartet.

Gartenzaun, Ziergarten, Terrassenbeete: Hans-Georg Kolpak lebt in einem Häuschen im sächsischen Hinterland. Auf Fragen hat er klare Antworten: Die Pegida? Vom Staat unterwandert. Neonazis und Antifaschisten? Von Geheimdiensten aufgebaut, um das Volk zu spalten. Steht alles im Internet. (Lennart Laberenz, DER STANDARD, 14.2.2015)

  • Eingeweihte sind bereits mit der D-Mark versorgt, für die Kaiserkrönung müsse an der Stromversorgung gearbeitet werden.
    foto: laberenz

    Eingeweihte sind bereits mit der D-Mark versorgt, für die Kaiserkrönung müsse an der Stromversorgung gearbeitet werden.

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