Schauergeschichten: Ein Ausflug zu einem anderen Planeten

Reportage15. Februar 2015, 12:00
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Wolfgang Howurek, kurz Howdii, ist Sterngucker und das, was man einen Extrembeobachter nennt. Sein Vater erklärte ihm den Nachthimmel

Was ich bisher über das Weltall und seine unendlichen Weiten wusste, das stand in Computer-Logbuch Nr. 1 der Enterprise. Aber egal in welchen Sonnensystemen Captain Kirk und seine Crew sich gerade befanden, um dort viele Lichtjahre entfernt von der Erde neue Welten, neues Leben und neue Zivilisationen zu erforschen - am Ende interessierte mich doch immer nur die Länge von Lieutenant Uhuras Röckchen.

Um das zu ändern, stand heuer "Teleskop!" in meinem Brief ans Christkind. Das schickte mich bei Starkregen hinaus nach Mistelbach, tiefstes Niederösterreich statt hochstehender Zivilisation. Mit der Schnellbahn fahre ich dorthin, 40 km/h Reisegeschwindigkeit anstatt Warp-Antrieb mit Überlichtgeschwindigkeit. Duckduckgo, die Suchmaschine, die einen nicht verfolgt, hat den dortigen astroshop.at als verlässliche Bezugsquelle für Teleskope ausgeworfen. Über E-Mail ging eine erste Anfrage hinaus, und umgehend kam eine überaus detaillierte und ausgesprochen freundliche Antwort des dortigen Shop-Inhabers zurück.

Schützenweg ist keine schlechte Adresse für einen, der sich selbst Jäger nennt. Seine Waffen heißen aber nicht Winchester oder Smith & Wesson, sondern z. B. Vixen VMC 260L 10" f/11.5 Field-Maksutov oder Ceravolo HD145. Und seine Jagdobjekte sind keine Hirsche oder Fasane, sondern kleinste Quellen von Licht in den entlegensten Ecken des Weltraums, sogenannte Faint Fuzzies, die mit ungeübtem Auge kaum mehr wahrnehmbar sind.

Der Planet Howdii

Wolfgang Howurek, der sich auf seiner Beobachtungswebsite nightsky.at Howdii nennt, ist dieser Lichtjäger. An der genannten Adresse liegt aber kein Geschäft, sondern nur ein 60er-Jahre-Reihenhaus, in dem er mit seinen Eltern aufwuchs. Dort öffnet mir einer, der optisch ein wenig an Franz Fuchs erinnert, nur mit Händen und natürlich ungleich sympathischer. Seine Esta, ein Wolfspitz-Mädel, lässt nach kurzer Begrüßung von mir ab. Wolfspitze sind gute Wachhunde, sie halten ihm unerwünschte Eindringlinge vom Leib.

Ich darf also weiter vordringen in die Atmosphäre des Planeten Howdii, die überhitzt und unterlüftet ist, das Element Sauerstoff kommt darin praktisch nicht vor. Mr. Spock würde mit seinen Vulkanierohren wackeln, aber dem Gastgeber fällt das vermutlich nicht einmal auf, denn Herr Howurek ist "Aspie", wie er sich selbst bezeichnet. Ein Mensch mit Aspergersyndrom. Und im Internet steht über Aspies: "... haben Schwächen im Bereich der sozialen Interaktion."

Dafür hat der hier richtig gute Augen.

Im ehemaligen Wohnzimmer seiner verstorbenen Eltern hat Herr Howurek sein Büro eingerichtet, das gleichzeitig Schauraum und Werkstatt ist. Hier stehen Regale voll mit Fachbüchern und natürlich ein paar Teleskope: ein richtig dickes, ein noch dickeres und ein überraschend großes, welches das Christkind für mich bestellt hat.

Howdii war sieben, als sein Vater, damals Lehrer, ihm den Nachthimmel erklärte. Zunächst natürlich nur die Basics, also: Mond, Mars, Saturn und Venus, dazu ein paar Sternbilder. Es interessierte ihn, aber er war nicht sofort angefixt. Das mag an der Ausrüstung gelegen haben, denn das erste Teleskop, das er bekam, war ein "ausziehbares Piratengerät", wie er es nennt, so eines, wie es Halvar aus Flake verwendet. Damit sah er zwar bis in Nachbars Garten, aber nicht in das Auge Gottes.

Im Jahr darauf bekam er von der Großmutter ein etwas besseres, und damit konnte er den Mond aus der Nähe sehen und die Ringe des Saturn. Das gefiel ihm, wurde aber auch schnell langweilig. Er wollte mehr, aber was er zunächst machte, war nicht mehr als "ein Herumstochern im schwarzen Nichts", wie er es nennt. Gott sei Dank ist der Nachthimmel relativ gut abgegrast und kartiert. Schließlich war es ein Himmelsatlas von Erich Karkoschka mit einer Objektauswahl für kleine bis mittelgroße Amateurteleskope, der ihm die nötige Orientierung für da oben gab.

Schon bald schaute er vorbei am Mond, vorbei auch an Beteigeuze und Rigel im Orion, vorbei an Sirius A, dem hellsten wahrnehmbaren Stern am nördlichen Nachthimmel. Bald waren alle mit freiem Auge bei gutem Nachthimmel sichtbaren Objekte für ihn wie vertraute Nachbarn, er kennt sie alle beim Namen oder ihrer Nummer, kennt ihre Position am Nachthimmel, ihre Erwähnung in Katalogen und Verzeichnissen. Die prüft er - typisch für einen Aspie - stets eingehend, und immer wieder findet er darin Fehler. Dass der Mensch seinen Horizont erweitern will, liegt in seiner Natur, oder wie Howdii sagt: "Morgen will ich nicht so deppert sein wie heute." Also beschäftigt er sich neben seiner Arbeit bei Siemens auch mit Teleskopen, lernt alles über Spiegel, Linsen, Brennweiten, und schon bald baut er selbst welche. In der Literatur über Aspies steht auch: "overly focussed on one subject."

Solcherart extrem gebildet und bestens ausgerüstet, interessierte Howurek bald nur noch, was er "die Grenzen der visuellen Wahrnehmung" nennt. Es ist eine Sache, sagt er, sich die faszinierenden Fotos vom Hubble-Teleskop anzuschauen, aber eine andere, "selbst Dinge wahrzunehmen, die sich da draußen abspielen." Die Aufgabe, die er sich dabei selbst stellt, lautet: "Beobachten von sichtbarem Licht und die scharfe Abbildung davon im Fernrohr."

So wurde aus einem Sterngucker irgendwann ein Extrembeobachter, der ein Himmelsobjekt nach dem anderen "abarbeitet" und sich an immer noch schwierigen Objekten versucht, was irgendwann "zur Droge mit Suchtpotenzial" werden kann. Man will nämlich immer noch tiefer hinaus den Deep Sky schauen, will an die Grenzen gehen, welche die Natur, die Physik "beim Schauen" setzen. An diese Grenzen der visuellen Wahrnehmung zu gehen heißt: "Man findet in der Literatur keine Anhaltspunkte mehr, wie weit hinaus man gekommen ist."

Das heißt konkret: stundenlang am Fernrohr hocken, um vielleicht irgendwann ein paar Fotonen einzufangen von einem Fuzerl von einem Stern, der irgendwo da draußen im Weltraum herumschwirrt; von dem man zwar weiß, dass es ihn gibt oder gab, den man aber mit freiem Auge nicht sieht.

Ein Fuzerl von einem Stern

Solch lichtschwache Objekte zu beobachten erfordert eine spezielle Beobachtungstechnik. Helle Sterne sieht auch einer wie ich mit Sehwerkzeugen der Bauart "Schasauge". Bei lichtschwachen Objekten wird es natürlich schwieriger, und irgendwann sieht der Mensch schlicht gar nichts mehr, wenn er das Objekt direkt anschaut. Man kennt das als Landei, wenn man bei vollkommener Dunkelheit vom Bierzelt nach Hause geht: Man "sieht" die Straße einfach besser, wenn man neben die Straße schaut.

Da also kommt das "indirekte Sehen" ins Spiel. Die Erfolge, die der ambitionierte Sternschauer mit dieser Kunst erzielen kann, berechnen sich nach Wahrscheinlichkeit. "Ungeübte werden sich schwertun, einen Stern mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit zu sehen. Sterne mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit kann jeder wahrnehmen, der ein bisserl eine Ahnung vom indirekten Schauen hat. Bei 20 Prozent Wahrscheinlichkeit nähert man sich dem Hardcore-Bereich an", sagt Howurek. Er selbst sieht noch Sterne mit fünf Prozent Wahrscheinlichkeit. Ihm fehlen also nur noch ein paar Zehntel Magnituden, mit denen die scheinbare Helligkeit von Himmelskörpern gemessen wird, um "perfekt" zu schauen. "Reinnaschen in den Grenzbereich" nennt er das. "Ich seh nix!" wird man ihn jedenfalls nie jammern hören.

Man muss für diese hohe Kunst des Schauens in guter Verfassung sein, innere Ruhe haben, locker bleiben. Man muss das Auge "dunkeladaptieren", das heißt den spärlichen Lichtverhältnissen anpassen, und auch das Teleskop der Umgebungstemperatur anpassen.

Stimmen alle inneren und äußeren Voraussetzungen, gehört dann immer auch noch Glück dazu, um ein Sternderl in Gestalt eines Fotons aufblitzen zu sehen. Fotonen sind Lichtteilchen, die von sterbenden Sternen, Weißen Zwergen, hinausgeschleudert werden und irgendwo da draußen, unvorstellbar viele Lichtjahre von uns entfernt, für Augenblicke noch einmal auftauchen, nachdem ihre Quelle, der Stern, längst tot ist.

Hat man diese Lichtquelle erst einmal lokalisiert, was der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht, kann man das Teleskop immer wieder dorthin ausrichten, und im besten Fall kommt es zu "mehrmaligen Beobachtungen". Dann hat man auch die Sicherheit, das Objekt wirklich gesehen zu haben und nicht Opfer seiner Nerven geworden und einem Artefakt der eigenen Sehwerkzeuge aufgesessen zu sein.

Insbesondere Neumondnächte

Wenn Howurek eine halbe Stunde lang geschaut, mit dem Auge das Schwarz abgetastet, dabei "Augengymnastik am Okular" betrieben hat und dann einen Punkt Schwarz inmitten von Schwarz fixiert; wenn er dabei ruhig bleibt, ruhig atmet, sich nicht mehr bewegt und nichts mehr um sich herum wahrnimmt; wenn dann das Foton auftaucht, dann gerät er auch schon mal in Trancezustände. Und er muss dafür nicht einmal etwas geraucht haben, um in den Flow zu kommen, obwohl der Nachthimmel doch gerade so aussieht, als hätte ihn jemand erschaffen, der richtig gutes Zeug zu rauchen hatte.

Für solche "Ausnahmebeobachtungen" geht Howdii in jeder klaren Nacht, insbesondere in Neumondnächten, hinaus in die umliegenden Wiesen. Oder er fährt auf die Steyersberger Schwaig, eine Anhöhe in der Nähe von Gloggnitz. 150 km hin und wieder retour für ein paar Stunden Schauen. Bei perfekten Beobachtungsbedingungen kann dort schon mal Gedränge unter Extremschauern herrschen. Generell hält Howurek die Erde für "einen durchaus tauglichen Balkon" zum Sternderlschauen, "ganz nett positioniert in der Milchstraße". Das Teleskop gegen den Polarstern ausgerichtet, sehen wir von hier aus ihre Ränder, richten wir das Fernrohr nach links oder nach rechts aus, nach Osten oder Westen also, schauen wir hinaus in die Tiefen des Alls.

Dafür braucht es natürlich gutes Wetter, und darum ist Howdii mittlerweile selbstverständlich auch ein ausgesprochen guter Wetterkundler, der seine Beobachtungen Tage im Voraus planen kann. Das größte Problem beim Schauen ist aber mittlerweile die Lichtverschmutzung. Jede Garageneinfahrt ist heute erleuchtet, auf jedem Hochsitz brennt eine Birne. Energieeffizienzgesetze werden daran nichts ändern, sagt Howurek, solange nicht die Beleuchtungsstärke zurückgefahren werde, wofür er natürlich plädiert. Die Erfahrung eines Johannes vom Kreuz z. B., Mystiker des 16. Jahrhunderts, der durch "Die dunkle Nacht" in seinem gleichnamigen Gedicht seinem Gott entgegentaumelte, ganz ohne Smartphone, dessen Display ihn ständig blendete, werden wir modernen Menschen wohl nicht mehr machen.

Wenn Howurek im Weinviertel unterwegs ist, dann muss er die Lichtglocke Wiens, die sich in sein Sichtfeld hineinschwindelt, in die Himmelsecke verbannen, in der sie am wenigsten stört. Wenn er Pech hat, begegnet er auf seiner Lichtjagd auch niederösterreichischen Jägern, die ihn dann fragen, ob er eine "Erlaubnis" hätte für das, was er tut. Wer hier kein Lagerhaus-Kapperl trägt, gilt schnell mal als Außerirdischer. Wie immer im Leben gilt also auch beim Schauen: Es muss halt alles passen. Zur Not - und für die meisten Tests mit seinen Teleskopen - begnügt er sich mit seiner Hauseinfahrt. Weiter hinaus treibt es ihn auf dieser Erde sowieso nicht, Tirol oder Vorarlberg, das geht für ihn schon wegen der Sprachprobleme nicht. Und Astrofarmen, wie es sie in Marokko und Namibia gibt, locken ihn schon gar nicht. Angeber, die sich dort "ihre Röhrln hinbringen lassen und dann ein paar Fotos des südlichen Himmels machen", entlocken ihm bestenfalls ein müdes Lächeln, denn: "Geld kauft kein Talent zum Schauen", sagt er.

Anders, als man vielleicht denken könnte, kommt es dabei auch gar nicht einmal so sehr auf die Größe des Teleskops an. Er selbst hat "mit einem rotzfrechen, langen und ziemlich dünnen Röhrl", wie er es nennt, "noch einige Attacken auf die etablierte Beobachterwelt vor". Tatsächlich spricht er von den Objekten, auf die er es abgesehen hat, wie ein Jäger von seinem Wild. Diesen und jenen Nebel im Deep Sky hat er schon "erledigt", ein bestimmter Sternhaufen "kommt als Nächstes dran". Nur ausweiden kann er die Dinger nicht.

Beobachtungsleistung

Manche Erledigung findet dann sogar "bei den Amis" Erwähnung, anderen "exzellenten Beobachtern", wie er sie respektvoll nennt. Das sind dann Aufsätze z. B. "über die Beobachtung des Planetarischen Nebels Pease 1 im Kugelsternhaufen M15", in denen explizit seine Beobachtungsleistung gewürdigt wird. Das macht ihn dann schon auch ein bisserl stolz. Aber ihn nicht treibt nicht der Ehrgeiz, anderen etwas zu beweisen. Muss er auch nicht, denn er sieht sich sowieso - bei aller Bescheidenheit - unter den absoluten Topschauern, die auf diesem Planeten herumlaufen. Captain Kirk könnte ihn ungeschaut neben Lieutenant Uhura auf die Brücke setzen, und wenn auf dem Bildschirm irgendwas auftaucht, das er nicht kennt, könn-te er ihn fragen: "Howdii, was liegt da vor uns?" - "Das ist der Ringnebel M57 in der Leier, Captain!"

Oder doch der Konusnebel? Dieser findet unter anderen großartigen Einträgen Erwähnung auf seiner Beobachtungswebsite nightsky.at, wo Howdii mit einem Freund zusammen Himmelsbeobachten schildert und die Jagd auf Objekte beschreibt. Das liest sich dann spannend wie eine sehr eigenwillige Reise ins Herz der Finsternis.

Das Christkind hat mir mein Teleskop zwar geschenkt, aber nach Hause schleppen muss ich es selbst. Als mich Herr Howurek, der vor seiner Zeit bei Siemens mal Fahrlehrer war und auch seine Kutsche gerne in den Grenzbereich trieb, wenn er über Niederösterreichs Straßen fuhr, als er mich also mit seinem Kombi sicher zum Bahnhof lenkt, da erzählt er mir überraschend noch von einer "perfekten Mondsichel", die er mal beobachtet hat, und das war "dann beinahe romantisch". So etwas könnte man sich durchaus auch mit einer Lady auf einer Bank sitzend anschauen, vorausgesetzt natürlich, sie spricht dabei nicht, bewegt sich nicht und atmet kaum, um die ganze herrliche Schauerei nicht durch mögliche Luftverwirbelungen zu zerstören.

Herr Howurek ist also nicht nur Extrembeobachter, sondern auch Ästhet. Mr. Spock, der alte Kaltblüter, würde die Augenbrauen heben und ihn zu Recht "faszinierend" nennen. (Manfred Rebhandl, Album, DER STANDARD, 14./15.2.2015)

  • Wenn er Pech hat, begegnet er auf seiner Lichtjagd auch niederösterreichischen Jägern, die ihn dann fragen, ob er eine "Erlaubnis" hätte für das, was er tut.
    illustration: bernd püribauer

    Wenn er Pech hat, begegnet er auf seiner Lichtjagd auch niederösterreichischen Jägern, die ihn dann fragen, ob er eine "Erlaubnis" hätte für das, was er tut.

  • Hat man diese Lichtquelle erst einmal lokalisiert, was der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht, kann man das Teleskop immer wieder dorthin ausrichten, und im besten Fall kommt es zu "mehrmaligen Beobachtungen".
    foto: apa/gian ehrenzeller

    Hat man diese Lichtquelle erst einmal lokalisiert, was der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht, kann man das Teleskop immer wieder dorthin ausrichten, und im besten Fall kommt es zu "mehrmaligen Beobachtungen".

  • Manfred Rebhandl, geb. 1966 in OÖ, ist seit 1995 freier Autor und lebt in Wien. Zuletzt erschien "In der Hölle ist für alle Platz" (Czernin-Verlag).

    Manfred Rebhandl, geb. 1966 in OÖ, ist seit 1995 freier Autor und lebt in Wien. Zuletzt erschien "In der Hölle ist für alle Platz" (Czernin-Verlag).

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