Harry Glück wird 90: Zauberformel zum Glück

Interview17. Februar 2015, 08:00
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Am 20. Februar feiert der Wiener Architekt Harry Glück, Vater der Wohnhausanlage Alt-Erlaa, seinen 90. Geburtstag. Wir haben ihn gebeten, eine Zwischenbilanz über sein Werk zu ziehen

Am 20. Februar feiert der Wiener Architekt Harry Glück, Vater der Wohnhausanlage Alt-Erlaa, seinen 90. Geburtstag. Wir haben ihn gebeten, eine Zwischenbilanz über sein Werk zu ziehen. Ein Gespräch über Glück und Sünde in der Architektur.

STANDARD: Kommenden Freitag werden Sie 90. Sind Sie glücklich?

Glück: Jünger wär ich glücklicher. Aber das bin ich nicht. Was mein jetziges Glück betrifft: Ich arbeite immer noch, wenn auch nicht so intensiv wie früher, und ich bin nach fast 60 Jahren immer noch mit derselben Frau verheiratet. Das ist für mein Glück durchaus zuträglich.

STANDARD: Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

Glück: Vielleicht wird es regnen.

STANDARD: Warum?

Glück: Ich fürchte, auf eine Feier eingeladen zu sein, die mir die Bewohner im Wohnpark Alt-Erlaa zugedacht haben. Einerseits freut mich das, aber ich feiere nicht gerne. Ich bin kein Gesellschaftsmensch.

STANDARD: Wie lautet Ihre Zwischenbilanz, wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückblicken?

Glück: Als Architekt kann man von Wien aus nicht viel erreichen. Von dem jedoch, was man erreichen kann, habe ich mein Potenzial ganz gut ausgeschöpft. Ich denke, dass ich einen wichtigen Beitrag zum Wiener Wohnbau geleistet habe. Reinhard Seiß hat unlängst sogar ein Buch über meine Wohnbauten herausgegeben.

STANDARD: In Ihrer Karriere haben Sie rund 18.000 Wohnungen geplant. Das ist eine Menge. Sind die alle gut?

Glück: Es ist niemals alles gut, was man macht.

STANDARD: Sie wenden für Ihre Bauten die "Grundsätze der Reichen" an, wie Sie selbst meinen. Was sind diese Grundsätze?

Glück: Die Grundsätze der Reichen sind ganz einfach: Licht, Luft, Sonne, Nähe zu Natur, Nähe zu Wasser, Mobilität und Möglichkeiten zur Kommunikation. Das klingt einfacher, als es ist. Wenn man sich aber umschaut, wie die Nichtreichen wohnen, wird man merken, dass meist nicht einmal diese einfachen Faktoren positiv erfüllt werden. In meinen Wohnbauten versuche ich, so viel als möglich von diesen Parametern einfließen zu lassen. Ich nenne das immer - frei nach Jeremy Bentham, dem Begründer des klassischen Utilitarismus - "das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl".

STANDARD: Ist das Wohnen in diesen riesigen Maßstäben legitim?

Glück: Die Menschheit soll in den nächsten 20 Jahren auf 8,5 Milliarden Menschen anwachsen. Mit Einfamilienhäusern und kleinen Wohnhausanlagen wird das nicht zu machen sein. Die gesellschaftliche Situation hat sich geändert. Der Markt und die Menschen haben so hohe Wohnansprüche kreiert, dass sich die Erfüllung dieser Sehnsüchte nur dann erzielen lässt, wenn man sie im Kollektiv anbietet - so wie in Alt-Erlaa.

STANDARD: Sie sprechen vom gemeinsamen Swimmingpool auf dem Dach?

Glück: Zum Beispiel. Den Luxus für alle kann man nur dann machen, wenn er für eine große Zahl konsumierbar ist. Sonst ist er flächen- und ressourcentechnisch nicht realisierbar. Am Pool trifft man den Generaldirektor in der Badehose. Das schafft Begegnung auf Augenhöhe. Das ist ein Katalysator für Sozialisation und Kommunikation.

STANDARD: Ein Pool auf dem Dach ist ja nicht gratis. Wie schaffen Sie es, in Ihren geförderten Wohnbauten immer wieder Luxus zu integrieren?

Glück: Zauberformel haben wir keine. Für jeden Bau beginnen wir den Kampf von neuem.

STANDARD: Ihre Wohnbauten werden manchmal als "Betonburgen" beschimpft. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Glück: Meine Häuser sind Betonburgen. Das stimmt. Aber ich behaupte: Es sind zumindest schöne Betonburgen, einige davon sind attraktiver als so manche Nichtbetonburg.

STANDARD: Wie zufrieden sind Sie mit dem, was heute in Wien gebaut wird?

Glück: Von den Behörden kommen viele Behinderungen. Die baulichen Anforderungen an Statik, Erdbebensicherheit, Brandschutz, Schallschutz und Barrierefreiheit sind zum Teil überzogen und haben mit der österreichischen Realität nichts mehr zu tun. Das kostet nur viel Geld. Die Folge davon ist, dass das Geld dort fehlt, wo man es eigentlich dringender brauchen würde.

STANDARD: Wie wird es weitergehen?

Glück: Es wird nur weitergehen, wenn die Architekten aufhören, alles kritiklos hinzunehmen, und endlich anfangen, sich gegen die immer schärfer werdenden baulichen Anforderungen zu wehren. Diesen Impetus vermisse ich.

STANDARD: Ich muss Ihnen noch eine Frage zu Ihren Bausünden stellen.

Glück: Machen Sie!

STANDARD: Das Hotel Marriott am Parkring gilt als eine der größten Bausünden Wiens. Was ist da passiert?

Glück: Das war der Höhepunkt der Postmoderne. Wir standen unter Zeitdruck, die terminlichen Anforderungen waren extrem, und der Bezirksvorsteher hat uns seinen Geschmack aufs Auge gedrückt. Das Marriott ist, was es ist. Ich gebe zu, das ist keine Glanztat ... wir hätten diesen Auftrag zurückgeben sollen. Aber es funktioniert als Hotel immer noch. Das ist das Wichtigste.

STANDARD: Und was ist mit dem Franz-Josefs-Bahnhof?

Glück: Bei diesem Auftrag waren wir nur in die technische Abwicklung involviert. Aber Fakt ist: Man war damals in einer Identitätskrise und hat sich auf die Suche nach neuen Formen begeben. Der Franz-Josefs-Bahnhof war ein Versuch, diese Form zu finden. Heute wissen wir, dass der Fund kein sonderlich guter war.

STANDARD: Das von Ihnen geplante Rechenzentrum neben dem Rathaus soll demnächst abgerissen werden. Wie geht es Ihnen damit?

Glück: Das Rechenzentrum wurde detailliert nach dem Layout der Computerfirmen geplant. Wie ich gehört habe, wäre das Haus mit geringen Mitteln adaptierbar gewesen. Doch da ich in diese Interna nicht einmal aus Höflichkeit eingebunden wurde, kann ich darüber keine Aussage machen. Ich wache in der Nacht nicht schluchzend auf. Da gibt es andere Kollegen, die das eher müssten.

STANDARD: Woran denken Sie am liebsten zurück?

Glück: Am liebsten ... das weiß ich nicht. Aber sehr gerne denke ich an meine Anfänge zurück. Während des Zweiten Weltkriegs habe ich Theater gemacht und mich am Reinhardt-Seminar beworben. Wieso die mich aufgenommen haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber es war ein guter Start. Über die Bühnenbildnerei bin ich schließlich zur Architektur gekommen. Das ist auch eine Art Bühnenbild, nur größer und wichtiger.

STANDARD: Woran arbeiten Sie derzeit?

Glück: Dreimal dürfen Sie raten!

STANDARD: An einem Wohnbau.

Glück: Korrekt. Wir arbeiten aktuell an mehreren Wohnhäusern, unter anderem an einer Wohnhausanlage auf den ehemaligen Coca-Cola-Gründen in Wien. Das Grundkonzept ist die grüne Stadt.

STANDARD: Was wird Ihnen in Zukunft noch Glück bereiten?

Glück: Mit Paula, meiner zweijährigen Hündin, in den Prater spazieren gehen und hoffen, dass es nicht regnet, zumindest nicht an diesen Tagen, an denen ich sonst keine Verpflichtungen habe. (DER STANDARD, 14.2.2015)

Harry Glück, geboren 1925 in Wien, studierte Bühnenbild und absolvierte das Reinhardt-Seminar. Er machte mehrere Bühnenbilder, u. a. für das Theater in der Josefstadt und das Renaissance-Theater in Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er als Innenarchitekt und Möbelplaner, später dann vor allem als Architekt tätig. Er plante vor allem sozialen Wohnbau. Sein bekanntestes Projekt ist der zwischen 1973 und 1985 errichtete Wohnpark Alt-Erlaa. Vor zwei Wochen hat er das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien 2015 erhalten.

Buchtipp: Erst kürzlich erschien im Verlag Müry Salzmann das Buch "Harry Glück. Wohnbauten", herausgegeben von Reinhard Seiß (240 Seiten / € 48,-).

  • Gruppenbild mit Hund: Harry Glücks Hündin Paula ist zwei Jahre alt, stetige  Begleiterin des Architekten und ein großes Glück.
    foto: regine hendrich

    Gruppenbild mit Hund: Harry Glücks Hündin Paula ist zwei Jahre alt, stetige Begleiterin des Architekten und ein großes Glück.

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    foto: regine hendrich
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