Berufstätig studieren braucht mehr Platz

Gastkommentar13. Februar 2015, 15:02
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Der Spagat zwischen Studium und Arbeit erfordert mehr bedürfnisgerechte Studienplätze an den FHs und eine Förderpolitik für bessere Vereinbarkeit

Arbeiten und Studieren gleichzeitig ist für die meisten Studierenden grundsätzlich herausfordernd und zeitlich und organisatorisch belastend. FHs bieten im Unterschied zu Universitäten berufsbegleitende Studiengänge an, die explizit auf die Zielgruppe der Berufstätigen abgestimmt sind und den Spagat zwischen Studium und Arbeit erleichtern.

Derzeit werden zirka 50 Prozent der FH-Studiengänge berufsbegleitend angeboten; der Anteil der berufsbegleitend Studierenden beträgt rund 36 Prozent. Dabei ist ein grundlegender Unterschied zu den Universitäten augenfällig: Berufstätigkeit parallel zum Studium wird nicht als Hemmnis bewertet oder bei der Studienorganisation nicht berücksichtigt. Dies macht es nicht nur möglich, dass bereits Berufstätige studieren, sondern es ermöglicht auch systematisch, dass sich junge Erwachsene während ihres Studiums zumindest teilweise selbst erhalten können.

Für viele Universitätsstudien gilt weiterhin das Bild des Vollzeitstudierenden als Norm; die universitären Einrichtungen gehen implizit davon aus, dass studierende Erwachsene ihre Existenz aus Quellen sichern können, die nicht aus eigener Erwerbstätigkeit stammen.

63 Prozent arbeiten

Allerdings stimmt die Realität schon lange nicht mehr mit diesem Bild überein: 2011 arbeiteten laut einer Sozialerhebung insgesamt 63 Prozent der Studierenden. Es ist bekannt, betont Martin Unger, Autor der Studierendensozialerhebung am Institut für Höhere Studien, dass sich bei zehn Wochenstunden das Studieren und das Arbeiten gut miteinander verbinden lassen. Sobald man mehr als zehn Wochenstunden arbeitet, leidet der Studienfortschritt darunter.

Für die Mehrheit der berufstätigen FH-Studierenden kann von zehn Wochenstunden Arbeit keine Rede sein. In Summe ist von 60 bis 70 Wochenstunden Arbeit und Studium auszugehen. Fachhochschulen können sich angesichts dieser Situation nicht zurücklehnen: Sie sind gefordert, die Angebote für berufstätig Studierenden laufend zu verbessern. Auf belastende Neuerungen für Studierende in der Arbeitswelt soll mit vielfältiger Unterstützung, etwa durch Mentorensysteme, reagiert werden.

Fachhochschulen haben heute die Vorreiterrolle in Bezug auf die Vereinbarkeit von Studium und Beruf inne. In letzter Zeit sind Debatten um ein "berufsermöglichendes" Studieren anstelle des "berufsbegleitenden" im Gange.

Erhebung von Bedarfslagen

Was konkret unter der Begriffsschöpfung "berufsermöglichend" zu verstehen ist und wie sich dann ein Studium organisieren ließe, ist für interessierte Berufstätige derzeit unklar.

Selbstverständlich sollen Anbieter von Studiengängen für Berufstätige auf Veränderungen in der Arbeitswelt, wie neue Arbeitszeitlagen oder Arbeitszeitausmaße, Rücksicht nehmen.

Bevor hier aber von Bewährtem abgerückt wird, ist die konkrete Erhebung von Bedarfslagen notwendig. Was aus Sicht der AK gar nicht geht: die ohnehin zu geringe Zahl an berufsbegleitenden Studienplätzen zu gefährden, ohne dass nachgewiesen ist, was das Neue berufstätigen Studierenden bringen kann.

Innovativ wäre es, über flexiblere Formen von Studiengängen für berufstätige Studierende zu beratschlagen, wobei als Ausgangspunkt die Erhebung der Bedürfnisse interessierter Studienwerber stehen muss.

Erforderlich sind jedenfalls mehr FH-Studienplätze. Die Bundesregierung stellt für das Studienjahr 2016/17 lediglich 320 neue Anfängerplätze an den FHs zur Verfügung. Diese geringe Anhebung entspricht bei weitem nicht der Nachfrage, auch vonseiten der Berufstätigen. Bei der Verwaltung des Mangels kann wohl nicht der wesentlichste Vorzug der FHs auf der Strecke bleiben.

Angst vor negativen Konsequenzen

Stets - und vorrangig von Arbeitgeberseite - ist die Rede davon, dass mehr und aktuellere Qualifikationen der Arbeitnehmer zum Erhalt des Wirtschaftsstandorts notwendig sind. Wenn Arbeitnehmer sich über ein Studium höher qualifizieren wollen, bleibt die erforderliche Unterstützung des Arbeitgebers aber häufig aus. Eine Studie von 2011 (Situationsanalyse berufsbegleitend Fachhochschul-Studierender in Niederösterreich der AK NÖ und der FH Wiener Neustadt) zeigt etwa, dass zwölf Prozent der Befragten ihren Arbeitgeber nicht über das berufsbegleitende Studium informiert haben.

Sie haben Angst vor negativen Konsequenzen am Arbeitsplatz. Arbeitgeber unterstützen die Weiterqualifizierung ihrer Mitarbeiter oft nicht, weil sie einen Arbeitsplatzwechsel befürchten. Oder auch deshalb, weil bei höherer Qualifikation auch höhere Lohnforderungen kommen könnten. Oder weil nicht zuletzt eine geringere Arbeitsleistung während des Studiums vermutet wird.

Manchmal passen die Interessen einzelner Arbeitgeber nicht mit dem Gesamtinteresse der Arbeitgeber an hoch- und höchstqualifizierten Arbeitnehmern zusammen. Diese Interessenkonflikte werden dann in einer Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik auf dem Rücken der berufstätigen Studierenden ausgetragen. "Weiterqualifizieren? Ja, aber bitte nicht bei mir."

Lösen lässt sich dieser vermeintliche Widerspruch vorrangig mit mehr bedürfnisgerechten Plätzen für berufstätige Studierende. FHs brauchen die notwendig Rückendeckung für den offensiven Ausbau von Plätzen, dazu die im Regierungsprogramm 2013 angesprochene Valorisierung der Fördersätze.

Wichtig ist auch eine gezielte, selbstverständlich auch finanziell unterfütterte Förderpolitik für die Vereinbarkeit von Studium und Beruf. (Gabriele Schmid, DER STANDARD, 14.2.2015)

foto: standard/hendrich
GABRIELE SCHMID ist Leiterin der Abteilung Bildungspolitik in der Arbeiterkammer.
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