Das Kind liest Gogol

13. Februar 2015, 16:47
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Russische Literatur neu ummantelt

Das Kind lernt Russisch. Das Kind empört sich über verabsäumten Druck, der in der Kindheit sträflich ausgeblieben ist. Unter anderem, weil mir Zwänge aller Art gegen den Strich gehen und das Kind jedes Mal, wenn man sich ihm mit der Zweitsprache bewaffnet näherte, die Verfremdungsversuche im Keim erstickte mit dem oft strapazierten Spruch "Red normal".

Vor diesem Spruch ging ich leider jedes Mal in die Knie, und ohne meine Unterstützung schaffte es auch die Großmutter nicht, Russisch zur Normalität zu erheben. Dem Vater war die Sprache eher suspekt. Verständlich: er hätte nicht mitreden können. Insgesamt gibt unsere Familie ein gutes Beispiel ab, wie man es nicht macht mit Mehrsprachigkeit. Egal.

Jetzt ist das Kind linguistisch erwacht und büffelt ekstatisch, ja fast fanatisch vor sich hin. Unter anderem ist die Folge, dass man keine Geheimsprache mehr hat und mitten in verschwörerischen Telefonaten von belustigten bis aufgebrachten Zwischenmeldungen verfolgt wird. Dieses Gefühl der plötzlichen Allwissenheit ist natürlich schön, verlockt aber zu allerlei Blödheiten und risky Business.

Einen "Sprachurlaub" in der Ukraine nahe der Bürgerkriegszone konnte ich gerade noch verhindern: Gott sei Dank wird auch in Wien Gutes angeboten. Schön sind Unterhaltungen, die sich aus literarischen Missverständnissen ergeben. Das Kind hängt der Methode "Klotzen statt Kleckern" an: Wozu Märchenbücher auf Russisch? Man fängt gleich mit Klassikern an. Zweisprachig gedruckt. Das ist recht ungewohnt für jemanden, der sein Kind zuvor niemals Russisch lesen sah. "Ich geh mir jetzt den Mantel von Gogol kaufen," tönte es letztens aus dem Vorzimmer.

Das Kind war verschnupft und nuschelte kräftig. Bevor die Tür zuschlug, brüllte ich hinterher: "Einen Gogl-Mantel? Du hast bereits zwei Mäntel! Ein dritter kommt überhaupt nicht in Frage!" "Ich zahl es auch selber", tönte es nun bereits vom Gang hinter zugefallener Tür. "Aber der muss wirklich sein! Der ist doch von Gogol!" "Das ist kein Argument! Diese Markenversessenheit finde ich in deinem Alter absolut unnötig!" "Du bist auch wirklich nie mit was zufrieden!" Ich riss die Tür auf: "Musst du immer derart übertreiben?!" Sie blieb auf der Treppe stehen. "Weiß nicht, was du hast", sagte sie. "Andere Mütter würden sich freuen." "Freuen, soso." "Ja freuen! Die Nase von Gogol hab ich ja schon fertig." (Julya Rabinowich, DER STANDARD, 14.2.2015)

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