Post-Internet-Art, Ebay und gerötete Wangen

13. Februar 2015, 17:09
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Ein Rundgang durch die Gruppenausstellungen der Wiener Galerien Kerstin Engholm, Andreas Huber und Gabriele Senn

Aufgewachsen mit Social Media, 3-D-Druckern, Avataren et cetera sind es heute die etwa 30-jährigen Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeit als post-internet begreifen. Das "Post" bedeutet allerdings nicht, dass diese Generation das Netz hinter sich gelassen hätte. Im Gegenteil: Es war im Leben der sogenannten Digital Natives vielmehr schon immer präsent und inklusive seiner Themen, Ästhetiken und Probleme ein Erfahrungsbereich, der ganz selbstverständlich in ihre Kunst hineinspielt.

Inhaltlich geht es um die Effekte der Ästhetik, genauso wie um die zunehmende Verwischung von virtuell und real oder auch um die userfreundliche Technik, die praktisch aus jedem Benutzer einen "Prosumer" (ein Konsument, der gleichzeitig produziert) macht.

Eine exakte Definition ist bis dato zwar ausständig; von der Netzkunst der Nullerjahre hebt man sich aber schon deswegen ab, weil man post-internet auch den Realraum erobert hat: Deutlich zeigt sich dieser Zug derzeit etwa auch in der Galerie Huber, wo der New Yorker Kurator Franklin Melendez ein paar Vertreter versammelt hat.

Zu sehen sind Videos, Installationen, Objekte, aber auch Malerei, die sich auf den ersten Blick als eher konventionell erweist. Zwischen gestisch gemalten Pinselstrichen entdeckt man bei näherem Hinsehen allerdings Formen, die an Kabel erinnern, und auf einem weiteren Bild wird die Materialität der Farbe mit den digitalen Lettern "extra soft" konterkariert.

An der Bearbeitung der Oberflächenästhetik ist neben dem Maler Gregory Edwards (geb. 1981) auch die Künstlerin Sara Greenberger Rafferty (geb. 1978) interessiert: Mit Zeichnungen, Tintenklecksen und Plexiglas schafft sie Schichten, die den Internetbildern wieder Tiefe verleihen. Das Künstlerduo Bunny Rogers und Jasper Spicero (beide Jahrgang 1990) führt mit seiner narrativ aufgeladenen Installation direkt in 3-D-Welten hinein.

Flaubert und Hölderlin

Kurator Melendez hat versucht, die Coolness der Formen mit affektgeladenen Inhalten zu füllen und die Ausstellung deswegen A Sentimental Education (nach einem Roman Gustav Flauberts) genannt. Leider konnte das nicht wirklich verhindern, dass die Präsentation etwas körperlos wirkt. Diesbezüglich greift man in der Galerie Engholm eher in die Vollen.

Was die Wange röthet, kann nicht übel sein titelt die Schau nach einem Zitat Friedrich Hölderlins, in der es verstärkt um die Materialität der Objekte, Fotografien und Collagen geht: Mariah Garnett lässt in ihrem sehenswerten 16mm-Film eine schwule Legende auferstehen. Misha Stroj zeigt eine Auswahl seiner spielerisch-abstrakten Bewegungsstudien; am menschlichen Körper führen auch die ungewöhnlichen Bildträger von Anna Haifisch, Johannes Schweiger und Astrid Wagner kaum vorbei: Ihre T-Shirt-Skulpturen sind mit Illustrationen versehen und breiten sich wie kleine, voluminöse Wesen im Raum aus.

Daneben sind freilich auch eine Reihe digitaler Bilder (u. a. von Herwig Weiser, Anna-Sophie Berger, Signe Rose) zu finden; der Begriff Internet taucht aber erst in der Galerie Senn noch einmal auf: Präsentiert wird dort eine Arbeit von Kathi Hofer, die auf Ebay vier Stühle ersteigert hat. Für ein anderes Projekt hat die Künstlerin die gefakten Designklassiker (699 Superleggera) restauriert, mit denen sie die Trennung zwischen Handwerk und Kunst genauso wie die Begriffspaare Original und Kopie oder Produktion und Reproduktion thematisiert.

Wie ein weiteres Gegensatzpaar erweisen sich in der thematisch ansonsten eher losen Zusammenstellung zudem die Arbeiten von Hans Weigand und Marco Lulic: Denn während Weigand mit seinen Bildern von posthumanen, apokalyptischen Welten erzählt, hat Lulic mit seinem Tanzfilm einer Oper von Strawinski - und mit dieser einem zutiefst menschlichen Aufbruch - ein Denkmal gesetzt. (Christa Benzer, Album. DER STANDARD, 14.2.2015)

Bis 7. 3. in den Galerien Andreas Huber, Kerstin Engholm, Gabriele Senn Schleifmühlg. 6-8, 3 und 1, 1040 Wien, galerieandreashuber.at, galeriesenn.at, kerstinengholm.com

  • T-Shirt-Wesen in der Galerie Kerstin Engholm: eine gemeinsame Arbeit von Astrid Wagner, Johannes Schweiger und Anna Haifisch.
    foto: galerie kerstin engholm

    T-Shirt-Wesen in der Galerie Kerstin Engholm: eine gemeinsame Arbeit von Astrid Wagner, Johannes Schweiger und Anna Haifisch.

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