Stefan-Zweig-Museum: Spurensuche nach einer kurzen, letzten Liebe

13. Februar 2015, 16:50
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Im Jahr 1941 strandete der Schriftsteller Stefan Zweig in einem brasilianischen Städtchen. Ein Museum bewahrt sein Andenken

Noch heute verströmt die Avenida Koeler das Flair des 19. Jahrhunderts. Die Allee wird von Villen im neoklassizistischen Stil gesäumt, Springbrunnen plätschern und auf alt getrimmte Pferdekutschen holpern gemütlich über die Pflastersteine. Auch Kaiser Dom Pedro ließ hier seine imposante Sommerresidenz mit einer Parkanlage errichten.

Es war dieser Anblick, der sich Stefan Zweig im September 1941 bot. Zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte Altmann übersiedelte er vom tropisch heißen Rio de Janeiro in das angenehm frische Klima von Petrópolis in den Bergen. Das nahe Rio gelegene Städtchen wurde im 19. Jahrhundert von Siedlern aus Tirol und Süddeutschland gegründet und galt damals als die wohl europäischste Stadt in Brasilien. Die Stadtviertel heißen auch heute noch Bingen, Ingelheim, Mosel und Westphalen.

Die letzte Station

Stefan Zweig war begeistert. "Ich fühle mich hier extrem glücklich", schrieb er überschwänglich. "Alles ist perfekt hier." Petrópolis erinnerte ihn an Semmering, das er von Wien aus so oft besucht hatte. Zweig sehnte sich nach den Exiljahren in Großbritannien und den USA nach einem produktiven Refugium. Hier in den Bergen von Rio de Janeiro glaubte er, es gefunden zu haben.

Am 17. September 1941 mietete das Paar abseits vom Stadtzentrum ein einfaches einstöckiges Haus mit Terrasse an. "Der kleine Bungalow mit seiner großen Terrasse hat eine wunderbare Sicht in die Berge, und gleich gegenüber hat es ein kleines Kaffeehaus, das Café Elegante, wo ich für ein paar Groschen einen wunderbaren Kaffee bekomme", schwärmte Zweig in einem seiner ersten Briefe. Noch ahnte niemand, dass Petrópolis die letzte Station seines Exildaseins sein sollte.

Rettung im letzten Moment

Seit zwei Jahren ist in diesem weiß gestrichenen Haus die Casa Stefan Zweig, ein privates Museum, untergebracht. Der Journalist und Historiker Alberto Dines hatte 1979 das erste Mal für Recherchen für seine Zweig-Biografie Tod im Paradies das Haus betreten. "Es war alles verändert. Nur im Kern erinnerte es noch an Zweig", sagt er heute. Als das Haus 2005 zum Verkauf stand, trommelte Dines Freunde zusammen. Gemeinsam wurde das Haus erworben und nach originalen Plänen wieder so hergerichtet, wie Zweig es bewohnt hatte. Mehrere Jahre haben die Umbauarbeiten gedauert.

Petrópolis ist in den vergangenen Jahrzehnten in alle Richtungen gewachsen. Von der Terrasse ist der Blick nicht mehr frei auf die Berge, sondern trifft auf Wohnhäuser. Zweigs Stammcafé an der Ecke ist einem Gemischtwarenladen gewichen. "Zweig war in meinem Leben immer sehr präsent", sagt der 82-jährige Dines in seinem Büro in São Paulo und zeigt dabei auf ein Foto aus seiner Schulzeit. 1940, Dines war damals acht Jahre alt, stattete Zweig der Jüdischen Schule in Rio de Janeiro einen Besuch ab. Dines erinnert sich noch gut an die Begegnung, ebenso an den Schock, als er vom Selbstmord des Schriftstellers am 23. Februar 1942 erfuhr.

Obwohl Zweig nur knapp sechs Monate in Brasilien gelebt hat, hinterließ er viele Spuren. Immer wieder entdeckt Dines neue Verknüpfungen. Jetzt wurde das letzte Adressbuch von Zweig mit 158 Namen herausgebracht. Schon vor Jahren wollte er die in dem braunen Büchlein eingetragenen Namen erforschen, das sich zuletzt im Besitz von Zweigs Verleger Abrão Koogan befand. Die meisten Namen konnte Dines identifizieren und schrieb dazu Biografien. Neben Schriftstellerkollegen wie Thomas Mann und Carl Zuckmayer finden sich in dem Büchlein Hinweise zu Zweigs Ärzten, Angestellten und neuen Exil-Freunden. Per Hand hat seine Frau Lotte die Daten eingetragen.

Begeisterung und Dankbarkeit

"Zweig war immer ein Visionär und ein Pazifist. Er hatte die unglaubliche Gabe, Entwicklungen vorauszusehen", sagt Dines. Das mache auch heute noch seine große Aktualität und Faszination aus.

Seine Begeisterung und auch Dankbarkeit für das Land, in dem er sich sicher wähnte, legte Zweig in seinem Buch Brasilien - ein Land der Zukunft dar. Darin schwärmt er von der tropischen Exotik, ist begeistert vom einfachen Leben der Menschen und beschreibt das Land frei von Rassentrennung und Vorurteilen. "Es ist ein Buch voller Hoffnung. Alle Ideale, die er hat, sieht er damals in Brasilien verwirklicht", sagt Kristina Michahelles vom Vorstand der Casa Zweig.

Es sollte einer von Zweigs größten Irrtümern sein. Brasilien war damals auf dem Weg in eine Diktatur, und Staatschef Getúlio Vargas galt als Antisemit.

Die anfängliche Euphorie über sein neues Leben in Petrópolis wich bald Ernüchterung. In Briefen berichtet er von seiner "schwarzen Leber", wie er seine depressiven Stimmungen nannte. Das Ehepaar war isoliert, hatte kaum Kontakte. Der Krieg in Europa und die Sorge um viele Freunde ließen bei Zweig zudem starke Schuldgefühle aufkommen.

Seinen sechzigsten Geburtstag begeht Zweig in Petrópolis. Von seinem Freund Koogan bekommt er einen Foxterrier geschenkt, der das Paar erheitern soll. "Ich arbeite nur, um nicht irrsinnig oder melancholisch zu werden", schreibt Zweig. Stundenlang sitzt das Paar auf der Treppe vorm Haus und wartet auf Post von Familie und Freunden. Doch die kommt unregelmäßig und braucht lange.

Abschiedsbuch

"Als Zweig in Brasilien ankam, war schon klar, dass er Selbstmord begehen wird. Die Entscheidung war längst gefallen", meint Biograf Dines. In den USA hatte Zweig mit Unterstützung seiner ersten Frau Friderike an seiner Autobiografie gearbeitet. Seinem Verleger habe er gesagt, er brauche drei Jahre, sagt Dines. Doch als er im August 1941 von New York nach Rio de Janeiro reiste, war das Buch schon fertig. Die Welt von Gestern ist für Zweig ein melancholisches Abschiedsbuch geworden. "Als Brasilien in den Krieg eintrat, kapitulierte Zweig", sagt Dines weiter.

Einziges original erhaltenes Stück in der Casa Stefan Zweig ist ein Knauf an der Tür zur Terrasse. Dort saß Zweig mit Vorliebe und arbeitete an seinem letzten und wohl bekanntesten Werk Schachnovelle. Heute stehen auf der Terrasse kleine Tische mit Schachbrettern. Im Garten gibt es ein großes schwarz-weißes Spielfeld. "Wir haben überlegt, wie wir das Haus füllen, da wir ja keine originalen Möbel hatten", erinnert sich Michahelles. So sei die Idee eines virtuellen Museums entstanden. In einem Videofilm wird die Einrichtung des Hauses nachgestellt.

Vertriebenenschicksale

Andere Sequenzen zeigen, wie das Ehepaar in Brasilien lebte, welche Kontakte es hatte. Im Schlafzimmer, wo das Paar das Gift nahm, hängt ein Abschiedsbrief von Zweig. Das Museum soll aber auch an die Schicksale vieler Exilanten in Brasilien erinnern. "Wir wollen die Erinnerung wachhalten, vor allem für die junge Generation", sagt Michahelles.

Von der in den vergangenen Jahren ausgebrochenen Zweigmania, wie Dines es nennt, profitiert sicherlich auch die Casa Stefan Zweig. Zum Zweig-Revival hat auch der Film Grand Budapest Hotel beigetragen. Regisseur Wes Anderson nennt im Abspann ausdrücklich Die Welt von Gestern als Inspiration.

Im Februar 1942 fährt Zweig nach Rio zum Karneval. Doch die laute bunte Fröhlichkeit verstärkt nur das Gefühl des Unverstandenseins. "Die Menschen werden nicht gewahr, dass dieser Krieg ... die größte Katastrophe der Geschichte darstellt", schreibt er verbittert. Zurück in Petrópolis trifft das Ehepaar unauffällig Vorbereitungen für den Freitod. Ein letztes Mal reist Zweig nach Rio und lässt Dokumente in den Safe seines Verlegers Abrão Koogan einschließen. Es sind Abschiedsbriefe. (Susann Kreutzmann, Album, DER STANDARD, 14.2.2015)

  • Nur wenige Monate lebte Stefan Zweig mit seiner Frau Charlotte in Petrópolis. Die Bilder zeigen das Paar an Zweigs 60. Geburtstag samt Foxterrier Plucky, links unten eine aktuelle Aufnahme der Casa Zweig.
    foto: casa stefan zweig / kreutzmann

    Nur wenige Monate lebte Stefan Zweig mit seiner Frau Charlotte in Petrópolis. Die Bilder zeigen das Paar an Zweigs 60. Geburtstag samt Foxterrier Plucky, links unten eine aktuelle Aufnahme der Casa Zweig.

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