Keuschnigg über Doktorate: "Die Stärke der FHs ist die Praxisnähe"

Interview13. Februar 2015, 12:44
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Der St. Gallner Wirtschaftsprofessor Christian Keuschnigg über die Rolle der FHs für im Innovationsprozess und warum sie dafür keine PhDs brauchen

STANDARD: Ausgehend von Ihrer Forschungsarbeit "Österreich 2050", in der Sie die nötigen Strategien für eine Spitzenstellung Österreichs in der Innovation aufzeigen: Welche Rolle spielen da die FHs?

Keuschnigg: Die Ausbildungslandschaft muss verschiedenste Ansprüche bedienen. Die Stärke der FHs ist die Praxisnähe und weniger die Grundlagenforschung, die besser an den Universitäten angesiedelt ist. Mit der Praxisnähe sind die Absolventen sehr gut bedient, sie sind am Arbeitsmarkt gefragt. Zu einer praxisnahen Ausbildung gehört auch angewandte Forschung. Die Fachhochschulen und die berufsbildenden höheren Schulen haben sicherlich zum Erfolg der vielen "Hidden Champions" unter den KMUs in Österreich beigetragen. Damit ist Österreich zu einem reichen Land aufgestiegen. Die Industrie beklagt ja immer den Fachkräftemangel, dazu zählen im oberen Segment die Fachhochschulen. Das wird immer wichtig bleiben.

STANDARD: Welche Ausstattung brauchen die FHs, um ihre Rolle erfüllen zu können?

Keuschnigg: Da gibt es nicht wirklich eine richtige Antwort. Wichtig ist, dass die Qualität stimmt und der Sektor international konkurrenzfähig ist. Wenn die Professoren doppelt so viele Studierende betreuen müssen und nur mit halb so viel Forschungsmitteln rechnen können wie ihre ausländischen Kollegen, dann werden die besten Forscher und Lehrer eben abwandern, und wer übrig bleibt, wird in der Lehrbelastung untergehen und aufgrund von mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten für die eigenen Forschungsprojekte wohl kaum erfolgreich sein. Dann darf man sich nicht wundern, dass Anzahl und Qualität der Patente pro Million Einwohner wesentlich geringer sind als etwa in der Schweiz oder in den nordischen Innovationsländern. Kurzum, es braucht gleich lange Spieße im akademischen Wettbewerb. Es braucht genau so viel Ausstattung, dass die Lehrbelastung und die Forschungsmittel pro Professor ähnlich hoch sind wie im Ausland. Da haben wir leider ein großes Problem in Österreich, das den Aufstieg zum Innovationsführer schwer behindert.

STANDARD: Ist ein Hochschulplan relevant? Wie sollte er aussehen, wer soll wie positioniert sein?

Keuschnigg: Natürlich. Unis und FHs erbringen zwei zentrale Vorleistungen für die Innovation in der Privatwirtschaft: einerseits die Ausbildung des Forschungspersonals auf dem letzten Stand des Wissens, und andererseits wird an den Unis und FHs selbst neues Wissen geschaffen, das sich in Patenten niederschlägt und in der Privatwirtschaft kommerzialisiert werden kann. Daher muss dieser Sektor international konkurrenzfähig sein und unbedingt gut funktionieren, denn ohne diese Vorleistungen wäre es mit der F&E in der Wirtschaft schlecht bestellt. Das ist eine unbedingte Voraussetzung für eine Spitzenstellung Österreichs in puncto Innovation, die den Grundstein für wertschöpfungsintensives Wachstum legt. Dabei muss neben Qualität und Umfang in Lehre und Forschung auch geschaut werden, dass der Technologietransfer von dort aus in die Privatwirtschaft gut funktionieren kann.

STANDARD: Die Zukunft der FHs: mit oder ohne PhD?

Keuschnigg: Ich bin eigentlich für mehr Autonomie der Universitäten und Fachhochschulen, dann werden sie diese Frage im Wettbewerb um die Studierenden und um Forschungsmittel selber entscheiden. Im Wettbewerb müssen sich die Mitbewerber jeweils von den Konkurrenten unterscheiden und nach einer unverwechselbaren Position suchen. Die Stärke der FH ist die Praxisnähe, dafür ist der PhD nicht notwendig. Es wäre auch schwer, den Wettbewerbsvorteil der Universitäten in der PhD-Ausbildung wettzumachen.

STANDARD: Was fehlt in der Diskussion um den tertiären Sektor?

Keuschnigg: Innovation heißt: Neues ersetzt Altes. Wenn das nicht passiert, dann können sich Innovationen nicht durchsetzen und werden das Wachstum nicht anstoßen. Der durch Innovation ausgelöste Strukturwandel darf nicht behindert werden. Arbeit und Kapital müssen ständig neu eingesetzt werden. Sie müssen von schrumpfenden zu wachsenden Unternehmen und Branchen umgelenkt werden. Bei Unternehmen, die Innovation vernachlässigt haben und jetzt nicht mehr konkurrenzfähig sind, müssen die Banken die Kredite fällig stellen und stattdessen das Kapital zu den innovativen Wachstumsunternehmen hinlenken. Man darf nicht der Versuchung erliegen, Firmen in Not vor der Insolvenz zu retten, um vordergründig Arbeitsplätze zu sichern.

STANDARD: Harte Ansage ...

Keuschnigg: Diese Firmen würden aber nur den leistungsfähigeren Konkurrenten Marktanteile stehlen und deren Wachstum behindern. Das wäre nicht einmal im Interesse der von einer Insolvenz betroffenen Arbeitnehmer. Würde man ihre Arbeitsplätze retten, dann geht das in den seltensten Fällen gut. Die Jobs in anfälligen Firmen sind weder sicher noch zukunftsträchtig. Innovation heißt eben Bereitschaft zu Wandel auf allen Ebenen, sonst kann sich Innovation nicht durchsetzen und Wohlstand schaffen. (DER STANDARD, 14.2.2015)

CHRISTIAN KEUSCHNIGG ist Professor für Volkswirtschaftslehre in St. Gallen, er war bis Jahreswechsel Chef des IHS.

  • Lehrbelastung und Forschungsmittel: "Da haben wir leider ein großes Problem in Österreich", sagt Ökonom Christian Keuschnigg. Was Österreich benötigt, um in den kommenden Jahren Innovationsführerschaft zu zeigen, hat er in "Österreich 2050" (Verlag Holzhausen) publiziert.
    foto: apa/gindl

    Lehrbelastung und Forschungsmittel: "Da haben wir leider ein großes Problem in Österreich", sagt Ökonom Christian Keuschnigg. Was Österreich benötigt, um in den kommenden Jahren Innovationsführerschaft zu zeigen, hat er in "Österreich 2050" (Verlag Holzhausen) publiziert.

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