Kindergartenplatzsuche: Hürden für Kinder mit Beeinträchtigung

13. Februar 2015, 14:33
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Kinder mit chronischer Erkrankung oder Behinderung bekommen schwer Betreuung - Eltern und Vereine warnen vor zweitem Kindergartenpflichtjahr

Wien - "Suche einen Rat. Meine Tochter ist Autistin, vier Jahre alt." Eine Mutter schreibt auf der Homepage der Selbshilfegruppe Lobby4kids, dass ihre Tochter in Wien auf einer Warteliste für einen Kindergarten für Kinder mit Autismus steht, es seien aber keine freien Plätze in Aussicht. "Normale" Kindergärten "möchten keine autistischen Kinder aufnehmen", schreibt die Frau und fragt Betroffene um Rat, ob sie ihr einen privaten Kindergarten empfehlen können.

Solche Geschichten kennt Irene Promussas, Leiterin von Lobby4kids, einer Selbsthilfegruppe für Familien mit Kind mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, nur zu gut. "Es kommen laufend Mütter mit dem Problem, dass sie keinen Kindergartenplatz finden", sagt Promussas. Denn das verpflichtende Kindergartenjahr habe da auch seine Tücken.

Ausnahmen in 15a-Vereinbarung

So gibt es in der 15a-Vereinbarung einen Passus, der Ausnahmen von der Verpflichtung vorsieht, im letzten Jahr vor der Schulpflicht für mindestens 20 Stunden pro Woche eine Kinderbetreuungseinrichtung zu besuchen. Ausgenommen sind "Kinder, denen aufgrund einer Behinderung oder aus medizinischen Gründen beziehungsweise aufgrund eines besonderen sonderpädagogischen Förderbedarfes der Besuch nicht zugemutet werden kann".

Promussas sagt, sie werde laufend von Eltern beeinträchtigter Kinder kontaktiert, denen oft am zuständigen Amt oder in Regelkindergärten dazu geraten werde, ihre Kinder in gesonderte, heilpädagogische Einrichtungen zu geben. "Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr, wie es derzeit wieder diskutiert wird, ist keine Option, solange Kinder mit Behinderung nicht einmal dieses eine bekommen", sagt Promussas.

Wien verweist auf laufenden Ausbau

Aus dem Büro des für die Kinderbetreuung in Wien zuständigen Stadtrats Christian Oxonitsch (SPÖ) heißt es zu dem Thema, Wien verfüge derzeit im privaten und städtischen Bereich über rund 1.750 Plätze für Kinder mit Behinderung. Es würden in der Bundeshauptstadt allgemein jährlich bis zu 3.000 Kinderbetreuuungsplätze ausgebaut, "selbstverständlich betrifft dies auch Plätze für Kinder mit Behinderung".

Doch auch Petra Pinetz, die im Verein "Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen – Integration Wien" die Beratungsstelle für (vor)schulische Integration leitet, ist laufend mit Problemen von Eltern auf Kindergartensuche konfrontiert. Auch die Jahre vor der Zeit, in der die Kindergartenpflicht greift, seien schwierig zu überbrücken. "Ein großes Problem ist, dass es für unter Fünfjährige zu wenige Plätze gibt", sagt Pinetz. Die Betreuung für Null- bis Dreijährige sei bei Kindern mit Behinderung im Kindergarten de facto kaum vorhanden, hier herrsche "ein akuter Mangel". Wenn Kinder erst im letzten Kindergartenjahr aufgenommen würden, seien sie oft erst nach einem halben Jahr richtig eingewöhnt.

Probleme bei Umstellung auf Schule

"Und dann haben sie noch ein halbes Jahr, bis sie in die Schule wechseln. Da gibt es oft große Probleme bei der Umstellung", sagt Pinetz. Auch ein längerer Verbleib im Kindergarten über das sechste Lebensjahr hinaus sei aufgrund der Schulpflicht kaum möglich. Ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder mit Sprachdefiziten, wie zuletzt erneut von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) gefordert, hielte Pinetz dennoch für falsch: "Da schaffen wir die nächsten Barrieren."

Im Büro von Stadtrat Oxonitsch beschwichtigt man, bei einer möglichen Einführung des zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres brauche "niemand die Sorge haben, keinen Platz zu bekommen". Wien verfüge derzeit in der Altersgruppe Drei- bis Sechsjährige über mehr Kindergartenplätze als Kinder. Einzig der Wunschstandort könne nicht immer erfüllt werden. "Abgesehen davon besuchen bereits jetzt schon nahezu alle Vierjährigen einen Kindergarten", heißt es.

"Jedes Kind hat Recht auf Gemeinschaft"

Petra Pinetz wünscht sich, dass man sich in die Lage der Kinder versetzt. "Jedes Kind hat ein Recht auf Gemeinschaft, und jede Gemeinschaft hat ein Recht auf jedes Kind", sagt die Pädagogin. "Ziel muss das Recht auf einen Kindergartenplatz für null- bis sechsjährige Kinder sein." (Gudrun Springer, derStandard.at, 13.2.2015)

  • Kinder mit Beeinträchtigung finden in Regelkindergärten nur schwer Plätze, heißt es von Betroffenen und Vereinen. Oft werde Eltern zur Suche gesonderter Einrichtungen geraten - im Bild ein spezieller Therapieraum für Kinder mit chronischen Erkrankungen.
    foto: corn

    Kinder mit Beeinträchtigung finden in Regelkindergärten nur schwer Plätze, heißt es von Betroffenen und Vereinen. Oft werde Eltern zur Suche gesonderter Einrichtungen geraten - im Bild ein spezieller Therapieraum für Kinder mit chronischen Erkrankungen.

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