Bildungspsychologin Spiel: Wie Fachhochschulen zu den besten Köpfen kommen

18. Februar 2015, 09:00
62 Postings

Die Expertin erklärt, wie Aufnahmeverfahren aussehen müssen

Wien - Es liegt in der Natur der Fachhochschulen, Bewerber auszuwählen. Schließlich orientieren sich die vorhandenen Studienplätze an der Nachfrage der Wirtschaft, Absolventen soll nach Abschluss der Schritt in die Berufstätigkeit möglichst rasch gelingen. Für viele ist das mit ein Grund, sich an einer FH zu bewerben. Der Andrang ist seit der Gründung der FHs stark gestiegen. In manchen Studiengängen - etwa bei den Hebammen oder bei Physiotherapie - gibt es zehnmal mehr Bewerber als Plätze.

Wie Aufnahmeverfahren aussehen, ist deshalb sehr wichtig und bei den unterschiedlichen Studiengängen durchaus unterschiedlich: Bei Physiotherapie gibt es einen praktischen Teil, Bewerber für militärische Führung müssen ihre sportlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen, und bewirbt man sich für soziale Arbeit, zählen auch Gruppenarbeiten, in denen etwa die soziale Kompetenz der Bewerber beobachtet wird, zum Aufnahmeverfahren.

Allgemeine Kriterien

"Trotz der studiengangsspezifischen Unterschiede gibt es Merkmale, die alle guten Aufnahmeverfahren vorweisen sollten", sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien. Spiel beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Aufnahmeverfahren und war außerdem auch an der Entwicklung von solchen beteiligt.

Zunächst gelte es, über das Anforderungsprofil nachzudenken: Was soll das Studium leisten, welche Jobs sollen Absolventen später ausüben, und welche Studierenden passen dazu?

Zweitens müssen Aufnahmeverfahren fair sein. "Das mag banal klingen", sagt Spiel, "aber gerade bei den Medizin-Aufnahmeprüfungen wurde nachgewiesen, dass Frauen strukturell benachteiligt werden." Hierfür gebe es auch andere Beispiele - die Fragen und Aufgaben so zu stellen, damit kein Geschlecht benachteiligt wird, ist also durchaus eine Herausforderung.

Transparenz ist die dritte Eigenschaft guter Aufnahmetests: "Hier geht es vor allem um die Vorbereitung. Interessenten müssen wissen, wo sie Lernmaterialien herbekommen und was genau beim Test abgeprüft wird", sagt Spiel.

Zu guter Letzt gibt es natürlich einige Punkte, die bei der Testtheorie berücksichtigt werden müssen: "Dass Tests objektiv, zuverlässig, ökonomisch und nicht verfälschbar sein sollen, klingt trivial, ist aber nicht so", sagt die Bildungspsychologin. Wird man in Persönlichkeitstests etwa nach persönlichen Stärken gefragt, könnten Bewerber das angeben, was ihrer Meinung nach die Auswerter hören wollen, statt der tatsächlichen Eigenschaften. Solche verfälschbaren Tests sollten daher nur bei Self-Assessments verwendet werden, aber nicht Teil der Aufnahmeverfahren sein.

Evaluierung teils schwierig

Das Wichtigste und gleichzeitig Komplizierteste bei Aufnahmeverfahren ist laut Spiel die prognostische Validität: zu evaluieren, ob tatsächlich die besten Köpfe ausgesucht wurden, stellt eine Herausforderung dar: Es können nur Studierende berücksichtigt werden, die die Aufnahmeprüfung geschafft haben. Hatten sie gute Noten, haben sie schnell studiert? Was aus abgelehnten Bewerbern wurde, ist nicht erfassbar. "Man kann daher nur eingeschränkte Aussagen über die prognostische Validität der Aufnahmeverfahren machen. Wenn die Verfahren nicht sensitiv sind, können der FH gute Studierende entgehen." Eine für sie grundlegende Frage bei Aufnahmeverfahren ist, ob sie retro- oder prospektiv sind. "Letzteres ist der Idealfall. Hier konzentrieren sich die Tests darauf, was im Studium gebraucht wird, während bei retrospektiven Verfahren mehr Wert auf die Vergangenheit, etwa auf Schulnoten gelegt wird." Prospektive Verfahren könnten außerdem den Beitrag leisten, Interessenten schon einen Vorgeschmack auf das Studium zu geben, auch der Einsatz von Bewerbern wird ersichtlich. "In der Psychologie an der Uni Wien kam es zu Selbstselektion. Zuerst bewarben sich 5000 Personen - nach Studium der Unterlagen traten weniger als die Hälfte an."

Können Aufnahmetests nicht nur grundlegende Anforderungen garantieren, sondern erfüllen sie auch eine Informations- und Orientierungsfunktion, ist dies laut Spiel ein Zeichen für Erfolg. (Lara Hagen, DER STANDARD, 14.2.2015)

  • Christiane Spiel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Charakteristika von Aufnahmeverfahren.
    foto: ne

    Christiane Spiel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Charakteristika von Aufnahmeverfahren.

Share if you care.