Der "schlagende" Papst

Userkommentar13. Februar 2015, 11:17
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Das kann doch nicht sein Ernst sein. Hört für Franziskus die Würde des Menschen gar beim Hals auf? Erziehungstipps sind nicht Kernkompetenz des Papstes

Ach, lieber Papst, das hättest du dir lieber sparen sollen. Kinder würdevoll schlagen: Wie soll denn so was gehen, und was soll denn das überhaupt? Auf den Popsch ja, ins Gesicht aber nein? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Hört für dich die Würde des Menschen gar beim Hals auf, so nach dem Motto: Alles abwärts ist des Teufels (den du ja auch für ein personales Wesen hältst, wie ich zu meiner Verwunderung lesen muss)?

Erziehungstipps nicht Kernkompetenz des Papstes

Solche Sager kommen den Feinden deiner Kirche gerade recht, lass dir ein paar Ausdrucke aus Postings in Facebook zukommen oder vorlesen, dann siehst du, was du angerichtet hast mit deinen spontanen und wohl oder hoffentlich gar nicht so gemeinten Erziehungstipps. Natürlich, natürlich: Du kommst aus einer anderen Welt, aus einer anderen Generation, und außerdem lebst du ohne Familie. Erziehungsfragen sind ganz sicher nicht deine Kernkompetenz. Warum dann dieses Thema, noch dazu vor der ganzen Welt?

Nicht gut, aber es ist passiert

Gut oder, besser, nicht gut, aber es ist passiert. Ich denke zurück an die Jahre, in denen meine vier Söhne klein waren. Und ich stocke. Selbst mir, mit psychologisch/pädagogischem Doktorat versehen, ist die Hand ausgerutscht. Bei jedem unserer Buben. So selten zwar, dass ich mich an jeden der zählbar seltenen Ausrutscher erinnere, aber immerhin. Es ist passiert. Jedes Mal erklärbar und irgendwie verständlich, weil kleine Kinder uns Erwachsene manchmal bis zur Weißglut reizen können, aber doch: Ich habe zugeschlagen. Und die weinenden Kleinen nachher oft entschuldigend und mich schämend umarmt. Aber doch: es hat geblitzt.

Vorwürfe dafür habe ich bis heute von den inzwischen erwachsenen Burschen nicht gehört. Dank natürlich auch nicht, was ich aber weder erwartet noch akzeptiert hätte (meine 95-jährige Mutter erzählt immer wieder, sie und ihre vielen Geschwister hätten sich bei ihrem Vater unmittelbar nach jeder Körperstrafe dafür explizit bedanken müssen). Nur: Geschadet im Sinne eines psychologischen Traumas hat mein Ausrutscher offenbar keinem. Vielleicht hat er sogar genutzt: erstens mir, dem "Schläger", weil sich meine Wut abgekühlt hat, zweitens aber ihm, dem Sohn, weil er ohne lange Worte klar und deutlich erlebt hat, dass hier eine Grenze überschritten ist.

Nicht gängige Pädagogik

Ich weiß, diese Argumentation liegt ziemlich genau auf der neuen päpstlichen Linie. Und genau diametral zu der in unseren Breiten gängigen Pädagogik, die Eltern zu erklären versucht, wie Kinder gewaltfrei zu erziehen sind.

Die Welt hat sich weitergedreht

Dass dabei die Tipps oft von Kinderlosen abgegeben werden, stört mich nicht wirklich, weil sie ja klug sind, aber es ist vergleichbar mit dem, was unser lieber Papst gemacht hat. Auch er äußert seine Position, hat aber noch nie in der konkreten Situation gelebt. Selbstverständlich bezieht sich derartiges Denken auch auf die Sexualmoral der katholischen Kirche. Auch dabei gaben und geben hochbetagte Männer oft ohne ausreichende persönliche Erfahrung den Paaren der ganzen Welt Vorschriften, wie sie es mit der körperlichen Liebe halten sollen. Wie in der Erziehung, lieber Papst, um zu dir zurückzukehren. Nett, dass du eine Sprache sprichst, die wir verstehen, und dass du Themen aufgreifst, die die unsrigen sind. Aber vergiss nicht, dass sich die Welt weitergedreht hat. Wir wissen inzwischen damit umzugehen, wann man Kinder in die Welt setzt, und es gibt ausreichend Pädagogen, die uns professionell helfen, wenn wir mit deren Erziehung nicht zurande kommen. (Bert Brandstetter, derStandard.at, 13.2.2015)

  • Die Erziehungstipps des Papstes sorgen für Empörung und Kritik.
    foto: reuters/alessandro bianchi

    Die Erziehungstipps des Papstes sorgen für Empörung und Kritik.

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