Impfschäden: Mythen und Fakten

14. Februar 2015, 12:59
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Impfen ist nicht nebenwirkungsfrei. Die schwerwiegenden Auswirkungen vieler Infektionskrankheiten sind jedoch um ein Vielfaches häufiger als Impfschäden.

Die jüngsten Masernausbrüche in Deutschland und den USA zeigen deutlich: die Angst vor Impf-Nebenwirkungen verhilft einer hochansteckenden Krankheit zu neuem Auftrieb. Dass Masern alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit sind, ist jedoch nur wenigen bewusst.

Bei der letzten großen Masern-Epidemie 1990 in den USA – einem Land mit moderner medizinischer Versorgung – starb rund jeder 300. Erkrankte. In seltenen Fällen kann es auch noch viele Jahre nach einer Masern-Infektion zu einer schleichenden Gehirnentzündung kommen, die immer tödlich endet.

In Folge eines Masern-Ausbruch Mitte der 1990er Jahre ereilte dieses Schicksal 16 Kinder in Österreich. Impfungen bieten zwar keinen hundertprozentigen Schutz – den allergrößten Teil dieser schweren Krankheitsfolgen kann die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR-Impfung) aber verhindern.

Impfreaktionen meist harmlos

Klar ist: Impfungen können Nebenwirkungen haben. Häufig rötet sich der Bereich rund um die Einstichstelle, schwillt an und kann auch schmerzen. Etliche Menschen bekommen nach einer Impfung auch leichtes Fieber oder fühlen sich kränklich und unwohl.

Das zeigt, dass das Immunsystem tut, was es soll. Ein Impfstoff stellt dem Immunsystem abgeschwächte Krankheitserreger oder Teile davon zum Selbstverteidigungstraining zur Verfügung. Eine Impfreaktion ist also so etwas wie ein Probealarm. Im Ernstfall sind unsere weißen Blutkörperchen dann gewappnet und können eingedrungene Viren und Bakterien schnell überwältigen.

Bei manchen Impfungen mit abgeschwächten Krankheitserregern (Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken) kann auch eine leichte Form der tatsächlichen Krankheit auftreten – also zum Beispiel ein leichter Hautausschlag. Gelegentlich löst eine Impfung auch hohes Fieber aus.

Bei Kleinkindern sind auch Krampfanfälle möglich, die teils durch das hohe Fieber bedingt sind, teils aber auch unabhängig davon auftreten können. Solche Krampfanfälle verursachen aber weder ein erhöhtes Risiko für Epilepsie, noch führen sie zu bleibenden Schäden. Auch ohne Impfungen sind Krampfanfälle im Alter bis zu sechs Jahren häufig, sie kommen durchschnittlich bei jedem 25. Kind vor.

Nur in äußerst seltenen Fällen kann der Probealarm des Immunsystems zu einer chaotischen Panikreaktion ausarten: die dabei auftretenden allergischen Schockzustände oder ein Kollaps sind aber die klare Ausnahme.

Nichtimpfen deutlich riskanter

Viele Eltern wollen ihre Kinder aus Angst vor sogenannten Impfschäden nicht impfen lassen. So sind Impfgegner überzeugt, Inhaltsstoffe in der Spritze würden Autismus auslösen oder Typ 1-Diabetes, Gesichtslähmungen oder Asthma verursachen. Diese Mythen sind jedoch klar widerlegt, wie eine 900-seitige Literaturanalyse des US-amerikanische Institute of Medicine zeigt.

Dass Impfungen Schaden anrichten, kann in sehr seltenen Fällen vorkommen. So sind Fälle bekannt, bei denen eine Windpocken (Feuchtblattern-) Impfung eine Gehirnentzündung verursacht hat, dies kann äußerst selten auch bei Masernimpfstoffen passieren. Das Risiko für eine Gehirnentzündung nach einer Maserninfektion liegt laut Paul Ehrlich Institut bei einem Fall unter einer 1.000 bis 2.000 Masernkranken.

Bei der Masernimpfung ist es ein Fall unter einer Million. Auch bei Windpocken ist das Verhältnis eindeutig: einer Modellrechnung zufolge müssen zwei von 100.000 Kindern wegen Impfkomplikationen im Spital behandelt werden. Bei einer Windpockeninfektion sind es aber 200-mal mehr.

Unklar ist, ob Grippeimpfungen Nervenlähmung (Guillain-Barré-Syndrom) verursachen können. Falls das der Fall ist, wäre es mit einem unter einer Million Geimpften aber extrem selten.

Krankheiten ausrotten

Natürlich gibt es aber auch Impfungen, die zu stark vermarktet werden. Ein Beispiel ist die Grippeimpfung für junge Erwachsene, deren Risiko für schwere Komplikationen im Vergleich zu Älteren von vornherein nicht besonders hoch ist. Auch eine teure Tollwut-Impfung brauchen nur Personen, die in sehr gefährdete Gebiete bestimmter Länder fahren.

Gefährliche Infektionskrankheiten wie die Masern könnten allerings schon längst Geschichte sein, wenn sich der Großteil der Bevölkerung impfen ließe. Das würde sogar funktionieren, wenn fünf Prozent nicht immunisiert sind: haben genügend Menschen in einer Gemeinschaft einen Impfschutz, können sich Krankheitserreger nicht ausbreiten.

Viele Menschen lassen sich auch deshalb nicht impfen, weil sie denken, die Krankheit spiele heute keine Rolle mehr. Das ist jedoch trügerisch, denn gefährliche Krankheiten können jederzeit zurückkommen. Anfang der 1990er brach in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eine Diphterie-Epidemie mit insgesamt 140.000 Erkrankungen aus. Die Folge: 4.000 Todesfälle. Grund war die stark gesunkene Durchimpfung der Bevölkerung. Erst ein verstärktes Impfprogramm konnte die Gefahr wieder eindämmen. (Gerald Gartlehner, derStandard.at, 14.2.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vize-Direktor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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  • EbM-Experte Gerald Gartlehner nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.
    foto: : georg h. jeitler/donau-uni krems

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