Zwischen Arbeitsmoral und Urlaubsrückstand

15. Februar 2015, 07:01
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Die japanische Regierung will Arbeitnehmer zum Konsum von mindestens fünf Urlaubstagen im Jahr "zwingen ". Das soll Gesundheitsprobleme verringern, die auch auf die harte Arbeitsmoral zurückgeführt werden

Lange Arbeitstage und unbezahlte Überstunden haben in Japan Tradition. Der Begriff "Karoshi" ist bekannt geworden - "Tod durch Überarbeitung" -, er wird verwendet, wenn Arbeitnehmer wegen zu hoher Arbeitsbelastung sterben oder sich das Leben nehmen.

Im Durchschnitt nehmen japanische Arbeitnehmer neun Tage Urlaub im Jahr. 18,5 stünden ihnen meist zu.

Die meisten Feiertage

Allerdings hat Japan 15 bezahlte Feiertage im Jahr und damit die höchste Zahl unter den großen Industrienationen. Ab 2016 kommt ein neuer Feiertag hinzu, der "Tag des Berges", an dem die Japaner die Gelegenheit haben sollen, den Bergen Dank abzustatten - so die religiöse, der Shinto-Religion entstammende Begründung. Ganz ähnlich soll im Fall des 1996 eingeführten "Tags des Meeres" der See gedacht werden. Er wird am dritten Montag im Juli gefeiert und soll die lange feiertagslose Zeit von Mai bis August unterbrechen. Der Tag des Berges wird am 11. August gefeiert werden und wird die Zahl der freien Tage um das O-Bon-Fest verlängern. Der größte Teil der japanischen Firmen arbeitet in dieser Zeit nicht.

Europa-Express

Man sieht an diesem Beispiel, es geht hier weniger um Religion als darum, den Beschäftigten zu mehr freien Tagen zu verhelfen. In der O-Bon-Zeit fahren die Japaner traditionell in die Präfektur, aus der sie oder ihre Eltern einst in die Großstadt gekommen waren, und gedenken dort auf dem Friedhof ihrer Ahnen. Aber es ist dies neben der Neujahrszeit und der sogenannten Golden Week auch eine der drei Reisezeiten im Jahr, an denen Japaner gerne eine "Europa in fünf Tagen" -Tour machen.

Wollen, dürfen, können?

Allerdings haben Umfragen gezeigt, dass japanische Arbeitnehmer besonders im Herbst gerne noch einmal Urlaub machen würden - am liebsten eine Woche. Der Herbst gilt als die schönste Jahreszeit in Japan. Individuell Urlaub zu nehmen stößt aber in Japan auf große Probleme. Die Firmen sind von ihrer Personaldecke nicht darauf eingestellt, dass die Arbeitnehmer individuellen Urlaub nehmen. Es gibt dann niemand, der deren Arbeit übernimmt. Die europäische Arbeitnehmerhaltung, dass es die Aufgabe der Firma sei, dafür zu sorgen, dass die Arbeit erledigt wird, ist den Japanern eher fremd. Sie fühlen sich der Firma mehr verpflichtet als die europäischen Arbeitnehmer. Sie wollen auch nicht, dass die Kollegen die Arbeit mitübernehmen. Sie stünden dann in deren Schuld und müssten diese wieder abtragen. Das vermeidet man nach Möglichkeit.

Krankenstand? Fehlanzeige!

Ein weiterer Grund, wenig Urlaubstage in Anspruch zu nehmen, besteht darin, für den Krankheitsfall vorzusorgen. Statt sich wegen einer Grippe krankschreiben zu lassen, nehmen japanische Arbeitnehmer Urlaub. Haben sie ihren Urlaub schon aufgebraucht, gibt es eine Art Sonderurlaub vom Arbeitgeber. Der wird aber nicht gerne beansprucht. Erst wenn die Krankheit länger dauert, bekommen die Beschäftigten von der Krankenversicherung Krankengeld.

Besonders in kleinen Firmen nehmen die Beschäftigten kaum Urlaub außerhalb der allgemeinen Feiertage. Kleine Firmen sehen sich oft außerstande, den Urlaubslohn zu bezahlen.

Verzicht auf Urlaubslohn

Das Beispiel von Frau Nakamura verdeutlicht das Problem. Sie ist von einer großen in eine kleine Firma gewechselt und war davon ausgegangen, auch in der kleinen Firma ihren Lohn in der Urlaubszeit bezahlt zu bekommen. Dem war aber nicht so. Die Chefin verwies sie auf die geringe Gewinnspanne in kleinen Firmen, die die Zahlung des Urlaubslohns unmöglich mache. Frau Nakamura entschied sich nach einigen Monaten des Überlegens, auf den Urlaubslohn zu verzichten, weil ihr die familiäre Atmosphäre der Firma, in der keine Männer arbeiten, die die Frauen dominieren wollen, wichtiger war als der Urlaubslohn in einer großen Firma. Faktisch nimmt in Frau Nakamuras Firma niemand Urlaub an den Tagen, an denen die Firma nicht geschlossen ist.

Die vier jüngeren Angestellten der Firma hatten nach dem Studium nur als nichtreguläre Beschäftigte ohne Renten- und Krankenversicherung Arbeit gefunden. In der jetzigen Firma verdienen sie um 1800 Euro - im teuren Tokio nicht viel Geld. Aber sie sind jetzt kranken- und rentenversichert und haben eine sichere Arbeit. So fällt ihnen der Verzicht auf den Urlaubslohn nicht so schwer.

Einfordern als Untugend

Das Problem des Urlaubs in Japan ist ein ökonomisches und eines der sozialen Beziehungen in den Betrieben. Die kleinen Betriebe verdienen zu wenig, um den Urlaubslohn zu bezahlen, aber auch große Firmen scheuen sich aus konjunkturellen Überlegungen, ein Mehr an Personal einzustellen, das die individuelle Urlaubsnahme erleichterte.

Zugleich vermeiden es die Beschäftigten, dem Chef und den Kollegen gegenüber auf die eigenen Rechte zu pochen. Auf seinen individuellen Rechten zu bestehen, gilt nicht als große soziale Tugend.

Bienenfleißige Arbeitsroboter? 15 bezahlte Feiertage im Jahr relativieren das Bild ein wenig, dennoch scheitert der Konsum von Urlaubstagen oft an den Umständen und am sozialen Kodex. Die Regierung will gegensteuern. (Siegfried Knittel, DER STANDARD, 14.2.2015)

  • Bienenfleißige Arbeitsroboter? 15 bezahlte Feiertage im Jahr  relativieren das Bild ein wenig, dennoch scheitert der Konsum von  Urlaubstagen oft an den Umständen und am sozialen Kodex. Die Regierung  will gegensteuern.
    foto: ap

    Bienenfleißige Arbeitsroboter? 15 bezahlte Feiertage im Jahr relativieren das Bild ein wenig, dennoch scheitert der Konsum von Urlaubstagen oft an den Umständen und am sozialen Kodex. Die Regierung will gegensteuern.

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