Neue Schutzkonzepte gefragt: Der Wisent ist gar kein Waldbewohner

14. Februar 2015, 21:06
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Forscher fanden heraus, dass europäischen Wisente die längste Zeit "Gemischtesser" waren und das Leben in offenen Landschaften dem Wald vorzogen

Frankfurt/Tübingen - Etwa 3.000 freilebende Wisente gibt es derzeit in Europa. Seit 2013 lebt eine kleine Herde der Bisonart auch wieder in Deutschland. Danach sah es nicht immer aus. "In Deutschland wurde 1775 der letzte freilebende Wisent geschossen, 1927 kam im Kaukasus der letzte wilde Wisent Europas durch eine Gewehrkugel ums Leben", sagt Hervé Hervé Bocherens vom Senckenberg Center for Human Evolution and Paleoenvironment (HEP). Damit waren beide Unterarten in ihrem ursprünglichen Lebensraum ausgerottet: der Flachlandwisent und der Bergwisent.

Nur Wiederansiedlungsprogramme mit Tieren aus Zoos, Tier- und Nationalparks haben die europäischen Wisente vor dem Verschwinden gerettet. Eine aktuelle Studie von Bocherens und Kollegen in "Plos One" zeigt allerdings, dass die Schutzkonzepte für Wisente überarbeitet werden müssen: "Wir haben die Ernährungs- und Lebensgewohnheiten dieses größten europäischen Säugetiers anhand von etwa 12.000 bis 10.000 Jahre alten Wisentknochen aus Norddeutschland, Dänemark und Südschweden untersucht", sagt Bocherens.

Weniger Konkurrenz

Die Ausgangsfrage der Untersuchung war, ob Wälder tatsächlich der bevorzugte und geeignete Lebensraum für die europäischen Wisente sind. Bisher ging man davon aus, dass die europäischen Arten - anders als ihre steppenbewohnenden Verwandten in Nordamerika - sich überwiegend in Wäldern wohl fühlen. Anhand von Isotopenuntersuchungen an den uralten Knochen der Großsäuger konnten die Forscher nun aber belegen, dass Wisente "Gemischtesser" waren.

"Das Verhältnis der Kohlenstoff- und Stickstoffisotope in den Knochen zeigt uns, dass auf dem Speiseplan der Wisente im frühen Holozän sowohl Blätter als auch Gras und Flechten standen. Sie hielten sich demnach keineswegs nur in Wäldern auf", erläutert Bocherens. Dank dieser flexiblen Ernährung standen die Wisente mit den stärker spezialisierten Auerochsen und Elchen nicht in Konkurrenz und konnten auch harte Winter überstehen. Als die offenen Landschaften - bedingt durch Klimawandel, wachsende Waldflächen und zunehmende landwirtschaftliche Aktivität des Menschen - schrumpften, wurde der Wisent in die Wälder zurückgedrängt.

Zu knappes Nahrungsangebot im Winter

"Dort nahm die Population der Wisente so stark ab, dass die Tiere fast vollständig ausstarben", so Bocherens. Heute überleben Wisente in Europa im Winter nur durch menschliche Zufütterung. Der Wald bietet den Tieren in der kalten Jahreszeit nicht ausreichend Nahrung. "Bessere Chancen hätten die Tiere, wenn sie - wie in der Vergangenheit - offene Landschaften bewohnen könnten und damit auch ein breiteres Nahrungsangebot hätten", meint der Biogeologe. Er fordert deshalb eine Überarbeitung der Schutzkonzepte. (red, derStandard.at, 14.2.2015)

  • Erst das zunehmende Verschwinden unberührter offener Flächen drängte die europäischen Wisente in die Wälder.
    foto: rafal kowalczyk

    Erst das zunehmende Verschwinden unberührter offener Flächen drängte die europäischen Wisente in die Wälder.

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