Berlinale 2015: Der neugierige Blick auf die Kollegen

12. Februar 2015, 17:47
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Die Berlinale bietet auch filmische Einblicke in die Arbeit von Regisseuren

Wie ein Vater, der sein verlorenes Kind wiederfindet: So glücklich habe er sich gefühlt, als er eine Pressung seines Films Platform am Schwarzmarkt entdeckte. Der chinesische Regisseur Jia Zhangke erzählt dies ohne Ironie: Die Erklärung für diese unübliche Regung muss man in der eingeschränkten Öffentlichkeit Chinas suchen. Denn so erfährt Jia, dass seine Arbeit in seiner Heimat zumindest im Untergrund zirkuliert.

Der Brasilianer Walter Salles, selbst Spielfilmregisseur, hat seinen Kollegen in Jia Zhangke: A Guy From Fenyang porträtiert. Es ist ein Musterbeispiel für eine einfühlsame und klug konstruierte Künstlerdoku geworden. Salles und der französische Filmkritiker Jean-Michel Frodon begleiteten Jia meist auf Schauplätze seiner Filme. Von dort blicken sie nicht nur auf die Arbeiten zurück, sondern auch auf die Wandlungen des Landes.

Konkretisiert sich Jias Arbeitsweise an einem Bild, kann man den passenden Filmausschnitt im Anschluss oft sehen. Daneben erfährt man auch viel von Jias persönlichen Prägungen, dem Hunger aus seiner Kindheit und den wenigen Perspektiven seiner Generation; und davon, wie er seine Themen zunehmend weiter fasste. Erst der Besuch des Auslands, erzählt er an einer Stelle, habe ihn sein Land besser verstehen gelehrt. Sein kritischer Blick auf das moderne China wird von den Obrigkeiten nur zähneknirschend toleriert. Trotz großer Anerkennung im Ausland kämpft Jia somit bei jedem Film aufs Neue gegen die Behörden.

Regisseure, die auf andere Regisseure blicken, das ist eines der wiederkehrenden Themen dieser Berlinale. Peter Greenaways Wettbewerbsbeitrag Eisenstein in Guanajuato erzählt, wie der sowjetische Filmemacher 1931 nach Mexiko kam. Ernst zu nehmen ist das Ergebnis dieser Nachforschungen allerdings nicht - und durchzusitzen nur mit größten Mühen: Eisenstein ist hier ein theatralisch monologisierender Clown (Elmer Bäck), der an den italienischen Komödianten Roberto Benigni erinnert.

Greenaways schrille, lärmende Farce interessiert sich nur für Äußerlichkeiten: Die Revolution verlegt er ins Bett, wo der Russe von seinem mexikanischen Fremdenführer entjungfert wird. Wo Peter Greenaway ein historisches Sujet verschenkt, da dringt der Franzose Antoine Barraud in Le dos rouge in eine erfundene Schaffenskrise vor.

Bertrand Bonello (der Regisseur von Saint Laurent) verkörpert einen Filmemacher, dessen Werk um Verwandlungen und Ideen des Monströsen kreist. Bei seinem jüngsten Projekt plagen ihn Selbstzweifel, doch das behält er für sich; da entdeckt er auf seinem Rücken einen seltsam geröteten Fleck.

Barraud verschiebt ganz langsam und sachte die Grenzen zwischen Imaginationskraft und Wirklichkeit. Das gibt seiner ungewöhnlichen, irgendwo zwischen Künstlermilieu-Betrachtung und Raúl-Ruiz'schem Bilderrätsel angesiedelten Arbeit eine sehr unverwechselbare Note. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 13.2.2015)

  • Die Schaffenskrise als Thema: der Film "Le dos rouge" des Franzosen Antoine Barraud mit Bertrand Bonello.
    foto: apa

    Die Schaffenskrise als Thema: der Film "Le dos rouge" des Franzosen Antoine Barraud mit Bertrand Bonello.

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