Australiens Asylpolitik zerbricht Kinder

13. Februar 2015, 05:30
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Ein neuer Bericht stellt der australischen Regierung ein verheerendes Zeugnis aus: In staatlichen Internierungslagern herrschen Gewalt und sexueller Missbrauch

Kinder in australischen Internierungslagern leben an einem "gefährlichen Ort". Zu diesem Schluss kommt eine Menschenrechtskommission nach einer umfassenden Untersuchung der australischen Praxis, sogenannte Bootsflüchtlinge zwangsmäßig und meist auf unbefristete Zeit in isolierten Lagern einzusperren. Zwischen Jänner 2013 und März 2014 dokumentierte die Kommission 233 Fälle von gewaltsamen Übergriffen gegen Kinder, 33 Fälle von sexueller Gewalt und 128 Fälle von Selbstverstümmelungen.

Kinder psychisch geschädigt

Fast 30 Kinder hätten im Untersuchungszeitraum einen Hungerstreik begonnen. Ein Drittel aller auf der Pazifikinsel Nauru, in Papua-Neuguinea und auf der australischen Weihnachtsinsel eingesperrten Kinder hätten psychische Schäden, die so schwerwiegend seien, dass sie einen Krankenhausaufenthalt bedingten. 257 Kinder werden derzeit in Lagern festgehalten. Laut Kommissionspräsidentin Gillian Triggs müsse das System der Zwangsinternierung von einer überbehördlichen Kommission untersucht werden. Die Internierung habe lange andauernde, "negative Konsequenzen für das physische und emotionale Wohl" der Kinder, so der Bericht mit dem Titel "Australiens vergessene Kinder".

Premier greift Kommission an

Der australische Regierungschef Tony Abbott beschuldigte die Kommission am Donnerstag der "Unausgewogenheit". Sie habe die Situation unter der vorherigen Labor-Regierung nicht untersucht und solle sich "schämen", so der Premier. Konservative Kommentatoren in den Medien hatten im Vorfeld der Veröffentlichung versucht, Triggs politische Beweggründe zu unterstellen. Die Menschenrechtsjuristin wies die Vorwürfe am Donnerstag erneut vehement zurück. Die unabhängige, aber mit öffentlichen Geldern finanzierte Kommission habe einzig "ihre Arbeit gemacht".

Der früher für die Internierungslager zuständige Psychiater Peter Young bezeichnet die Zwangsinternierung von Bootsflüchtlingen als "grundsätzlich toxisch". Die Praxis, die seit Jahren im Zentrum der australischen Asylpolitik steht, sei konstruiert, um "verletzbare Menschen zu schädigen". Bei den Festgehaltenen handelt es sich meist um Schutzsuchende aus dem Nahen Osten, die es bis Indonesien schaffen, um von dort mithilfe von Menschenschleppern per Boot die gefährliche Weiterreise nach Australien zu versuchen. Wer die Fahrt überlebt, wird von der australischen Marine aufgegriffen und in die Lager deportiert.

Die Zustände in den Anlagen auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea und Nauru wurden von verschiedenen Organisationen als "menschenunwürdig" und "gefährlich" bezeichnet. Je nach Beobachter fehle es an Schutz vor der sengenden Tropensonne, an Trinkwasser oder an Nahrung. Vor allem Frauen und Kindern drohe ständig Gewalt.

Gewalt als Teil des Systems

"Das System ist aufgebaut, um die Leute dazu zu bringen, dass sie dahin zurückgehen, wo sie herkommen", sagt Psychiater Young. Gespräche mit Beamten des australischen Immigrationsdepartements hätten gezeigt, dass die Brutalität "keine ungewollte Konsequenz, sondern ein integraler Teil des Systems ist", so der Experte.

Laut Kommission verletzt Australien mit der Zwangsdeportation in andere Länder und zeitlich unbegrenzten Internierung von Asylsuchenden verschiedene internationale Abkommen zum Schutz Verfolgter und von Kindern. Dem stimmen verschiedene Organisationen zu, unter ihnen die Vereinten Nationen. Amnesty International forderte am Donnerstag, Kinder und ihre Eltern sofort aus den australischen Internierungslagern zu entlassen.

Die strikte Asylpolitik Australiens hat bereits zu mehreren Protestaktionen geführt. Auch während der heurigen Ausgabe des Tennisturniers Australian Open wurde Kritik an der Regierung geübt. (Urs Wälterlin aus Canberra, DER STANDARD, 13.2.2015)

  • Die strikte Asylpolitik Australiens hat bereits zu  mehreren Protestaktionen geführt. Auch während der heurigen Ausgabe des  Tennisturniers Australian Open wurde Kritik an der Regierung  geübt.
    foto: epa/lukas coch

    Die strikte Asylpolitik Australiens hat bereits zu mehreren Protestaktionen geführt. Auch während der heurigen Ausgabe des Tennisturniers Australian Open wurde Kritik an der Regierung geübt.

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