Neurobiologie: Schmerz lass nach

12. Februar 2015, 17:25
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Die Suche nach Ursachen wird bei Schmerzpatienten oft vernachlässigt - die Psyche wird zu wenig berücksichtigt, sagen Fachärzte des Linzer Wagner-Jauregg Spitals

Linz – Er muss nicht jeden Tag gleich stark sein, kann sogar einmal für kurze Zeit verschwinden. Aber er geht den Betroffenen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nerven: der chronische Schmerz.

Jeder fünfte Österreicher leidet unter ihm, nicht selten geht die Lebensqualität verloren. Dennoch dauert es im Durchschnitt rund sieben Jahre, bis erstmals eine psychosomatische Abklärung stattfindet", erklärt Hertha Mayr, Leiterin der Abteilung Psychosomatik an der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

Die Medizin spricht von einem chronischen Schmerz, wenn dieser länger als drei Monate anhält. Meist werde eine organische Ursache angenommen, da "der Schmerz ja im Körper wahrgenommen wird", erklärt die Ärztin.

Körperlich fixiert

Entsprechend einseitig sei auch die Behandlungsstrategie, nämlich auf den Körper fixiert. So erhalten 80 Prozent der Betroffenen Schmerzmedikamente,ohne den Auslöser des Schmerzes zu kennen. Aber Erkenntnisse der neurobiologischen Forschung zeigen, dass es eine enge Verbindung zwischen Stress- und Schmerzverarbeitung im Gehirn gibt.

So sind Schmerzen nicht nur ein Indiz auf eine körperliche Erkrankung, sondern auch ein "Leitsystem bei primär psychischen Erkrankungen", meint die Medizinerin. So können Lebenssituationen, die einen überfordern, chronische Schmerzen auslösen. Für eine erfolgreiche Behandlung ist aus ihrer Sicht ein ganzheitlicher Ansatz wichtig.

Rückenschmerzen nach Schulabschluss

Das sieht auch der Leiter der neurologischen Abteilung des Wagner-Jauregg, Tim J. von Oertzen, so. Kopfschmerzen und Rückenschmerzen machen in seinem Fachbereich den größten Anteil bei chronischen Schmerzen aus. Nach Schulabschlüssen, Berufsveränderung oder nach Trennungen sei "etwa eine eklatante Steigerung von Rückenschmerzen zu verzeichnen.

In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde zudem bewiesen , dass "bildgebende Untersuchungen wie MR oder CT zu einer Chronifizierung der Schmerzen beitragen" , sagt von Oertzen. Das Sichtbarmachen von Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule führe beim Patienten zu einem Manifestieren der Schmerzen. Das müsse jedoch nicht sein, denn altersbedingte Verschleißerscheinungen lösen nicht unweigerlich Schmerzen aus .

Sichtbarmachen von Kopfschmerzen

Ganz anders hingegen die Situation bei Kopfschmerzen. Der Einsatz bildgebender Untersuchungen sei hier meistens für den Patienten beruhigend .Denn als Ursache wurde ein Tumor befürchtet, die sich nicht bewahrheitet .

"Bei 90 Prozent meiner Patienten geht einer Hirntumorerkrankung aber kein chronischer Kopfschmerz voraus". Beide Beispiele zeigen, wie wichtig es sei , "ganzheitlich zu diagnostizieren und sowohl organische als auch somatoforme – also psychisch bedingte –Ursachen in die Diagnosefindung miteinzubeziehen" ,betont auch der Neurologe.

Rund 400 Patienten mit ständigen Schmerzen werden im Wagner Jauregg pro Jahr therapiert. Zwei Drittel von ihnen geht es nach der achtwöchigen Therapie deutlich besser.

An erster Stelle stehe die "Schmerzedukation", erläutert Mayr. Der Patient muss den Umgang mit seinen Schmerzen neu erlernen. Weitere Bestandteile der Therapie sind auch Ergo-, Physio-, Atem- und Musiktherapie. Ziel ist es, die Lebensqualität des Patienten wieder zu steigern. Chronische Schmerzen völlig zu beseitigen, sei nur selten möglich, vor allem, wenn dies schon seit Jahren bestehen. (Kerstin Scheller, derStandard.at, 13.2.2015)

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