Noch ist China ein alpiner Zwerg

13. Februar 2015, 05:30
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Fünf chinesische Skifahrer sind bei der WM dabei, die Weltspitze ist für sie unerreichbar. Aber in China wird viel investiert. Und wenn Peking den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2022 erhält, ist auch mit chinesischen Rennläufern zu rechnen

Auf dem Tisch vor dem Eingang zum Pressezentrum liegen fast täglich neue Kataloge und Broschüren auf. Ein Stapel kommt aus China, preist die Bewerbung Pekings für die Olympischen Winterspiele 2022 an. Man will auf sich aufmerksam machen. Das klassische Wintersportland ist China nicht. Während Chinesen in Eiskunstlauf, Eisschnelllauf, Shorttrack, Curling und Ski-Freestyle schon in der Vergangenheit erfolgreich waren, hinkt man in anderen Disziplinen hinterher, vor allem im alpinen Skisport. Und weil die Skifahrerei eine Kernsportart der Winterspiele ist, soll sich das ändern.

Bei der WM in Vail ist China mit fünf Sportlern, drei Männern und zwei Frauen, vertreten. Sie bestreiten ausschließlich technische Disziplinen. Lina Xia (27) ist die stärkste Athletin aus dem chinesischen Team. Üblicherweise bestreitet sie Fis-Rennen und Bewerbe im Ostasiencup. Zweimal war sie schon bei Olympischen Spielen, in Colorado tritt sie zum fünften Mal bei einer WM an. Als beste Platzierung hat sie einen 49. Rang im WM-Slalom 2007 in Are zu Buche stehen.

Xu Zhe Zhu (57) ist der Nationaltrainer des chinesischen Teams. Er selbst war bis 1986 Skirennfahrer und trat mehrfach bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften an. Seine Athleten, sagt er, machen Jahr für Jahr nur kleine Fortschritte. Die Möglichkeiten seien begrenzt. Man könne nur drei Monate auf Skiern trainieren. Die finanziellen Mittel seien zwar ausreichend, um das Team aufrechtzuerhalten, aber nicht, um es auf ein wirklich höheres Niveau zu bringen. Außerdem, sagt Xu Zhe Zhu, gibt es kein großes Skiresort in China - noch nicht.

Vier Millionen Skifahrer

Der Skisport ist in China ein Wachstumsmarkt. Sechs oder sieben professionelle Resorts gibt es. "Einige werden bald aufmachen", sagt Xu Zhe Zhu. Vor allem in den vergangenen acht Jahren seien viele Resorts gebaut worden. Unter anderen durfte sich der Vorarlberger Seilbahnhersteller Doppelmayr über Aufträge freuen. Der Skisport wird in China stetig beliebter. Der Chefcoach schätzt die Zahl der regelmäßigen Skifahrer in seinem Land auf vier Millionen. "Die Zahl verdoppelt sich jedes Jahr." Und das, obwohl Skifahren auch in China nicht billig ist. Eine Tageskarte koste im Schnitt rund 200 Yuan (28 Euro). "In einem wirklich schönen Resort kann es aber sehr teuer werden."

Früher wollten Eltern ihre Kinder nicht unbedingt zum Skifahren schicken, weil man den Sport als gefährlich ansah. Erst in den vergangenen zwei Jahren habe sich die Akzeptanz deutlich gebessert. Xu Zhe Zhu sieht drei Gründe dafür: Erstens mache man sich nun mehr Gedanken über die Gesundheit, weshalb mehr Menschen outdoor statt indoor sporteln. Zweitens werden die Bedingungen durch die neuen Skigebiete besser, und drittens trage die Olympiabewerbung, die von der Regierung stark promotet wird, ihren Teil bei.

"Wie eine Droge"

Derzeit sei man dabei, Talente im Alter von 16 bis Anfang 20 zu rekrutieren, die für eine Teilnahme bei den Winterspielen 2022 infrage kämen. Seit rund zehn Jahren werde verstärkt nach Nachwuchs gesucht. Etwa acht Schulen gebe es in China, an denen Skifahren als Sportart gewählt werden könne. Auch Xu Zhe Zhu kam so zu diesem Sport. Er war zunächst Eisschnellläufer, wusste gar nicht, was Skifahren ist, dann startete seine Schule ein Skiprogramm. Am Anfang, sagt er, habe er den Sport nicht gemocht. Irgendwann konnte er nicht mehr aufhören. "Skifahren ist wie eine Droge."

In Vail, sagt Xu Zhe Zhu, wolle man auch von den Besten lernen. "Wir wollen uns mit anderen Teams austauschen, andere Kulturen kennenlernen." Schon jetzt lerne man viel durch Zuschauen. Die Mitglieder des chinesischen Nationalteams, die durchwegs Profis sind, trainieren häufig mit Japanern, Koreanern und Russen. Wegen der begrenzten Möglichkeiten müsse auch viel im Ausland geübt werden. In China sei man "zu 100 Prozent" von Kunstschnee abhängig. Die Resorts um Peking hätten keinen Naturschnee. Im Nordosten Chinas, wo sich eine der Trainingsbasen befindet, fängt es erst im späten Winter zu schneien an.

Noch ist das Medieninteresse für den Skisport überschaubar. Aus Vail berichtet kein chinesischer Journalist. Aber da der Sport beliebter werde, rechnet Xu Zhe Zhu künftig auch mit mehr Medienpräsenz vor Ort.

Am 31. Juli 2015 wird entschieden, ob Peking, als erste Stadt überhaupt, nach Sommerspielen (2008) auch die Winterspiele ausrichten darf. Einziger Gegenkandidat ist die kasachische Stadt Almaty. Peking gilt als Favorit. Freilich wird sich auch Xu Zhe Zhu über einen Zuschlag freuen dürfen. "Dann wird bestimmt viel Geld investiert, damit der Skisport auf ein höheres Level gebracht werden kann." (Birgit Riezinger aus Beaver Creek, DER STANDARD, 13.2.2015)

  • Im Chongli-Ski-Resort, 190 Kilometer nordwestlich von Peking, wo 2022  die Nordischen olympisch sporteln sollen, entstehen schon Hotels mit  Pistenblick. Die Zuversicht bezüglich eines Zuschlags ist groß.
    foto: ap / ng han guan

    Im Chongli-Ski-Resort, 190 Kilometer nordwestlich von Peking, wo 2022 die Nordischen olympisch sporteln sollen, entstehen schon Hotels mit Pistenblick. Die Zuversicht bezüglich eines Zuschlags ist groß.

  • Im Resort Yanqing bei Peking zeigen Schüler Flagge für die Spiele 2022 -  auf Kunstschnee, ohne den auch olympisch nichts ginge.
    foto: ap/ ng han guan

    Im Resort Yanqing bei Peking zeigen Schüler Flagge für die Spiele 2022 - auf Kunstschnee, ohne den auch olympisch nichts ginge.

  • Chinas Coach Xu Zhe Zhu fuhr bis 1986 selbst Rennen.
    foto: standard/riezinger

    Chinas Coach Xu Zhe Zhu fuhr bis 1986 selbst Rennen.

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