Tálos: "ÖVP lehnt den Begriff Austrofaschismus weiterhin ab"

Interview12. Februar 2015, 15:07
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Die Zeit des Austrofaschismus ist der einzige kontroversielle Punkt in der österreichischen Geschichte, sagt Politologe Tálos

Im vergangenen Jahr ließ sich die Bundesregierung dafür feiern, gemeinsam das Gedenken an den Beginn der Kampfhandlungen am 12. Februar 1934 begangen zu haben. Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hatte – damals noch mit Michael Spindelegger als ÖVP-Vize an seiner Seite – einen Kranz beim Mahnmahl der Opfer für ein freies Österreich am Wiener Zentralfriedhof niedergelegt. Opferverbände lobten das als historischen Schritt. Erstmals seit 1964 hatten SPÖ und ÖVP diesen für die Sozialdemokraten so wichtigen Gedenktag vereint begangen.

Von großkoalitionärem Gedenken war in diesem Jahr keine Spur. Am 11. Februar versammelten sich die Sozialdemokraten abends wieder alleine vor der Löwelstraße in Wien. Beim letzten Bundesparteitag der SPÖ hatten Genossen aus der Basis gefordert, das Gedenken fortan nicht mehr zusammen mit der ÖVP zu begehen. Dass die Schwarzen in ihrem Parlamentsklub nach wie vor das Porträt des ehemaligen Bundeskanzlers und Begründers des austrofaschistischen Ständestaats, Engelbert Dollfuß, aufgehängt haben, wurde dabei ins Treffen geführt.

Politikwissenschafter Emmerich Tálos erklärt im Interview, warum die Koalitionsparteien 81 Jahre später immer noch Differenzen in der historischen Auslegung haben.

derStandard.at: Der 12. Februar 1934 wird in der österreichischen Geschichte kontrovers betrachtet. Wieso eigentlich?

Tálos: Nach 1945 haben jene Parteien eine wesentliche Rolle im politischen System gespielt, die eine ganz unterschiedliche Sichtweise mit der Zeit von 1933 bis 1938 verbinden. In der ÖVP waren einige Politiker wie Julius Raab in wichtigen Funktionen, die auch im Austrofaschismus wesentliche Rollen innehatten. Die ÖVP hatte großes Interesse, diese Zeit vom Tisch zu kriegen. Das ist auch gelungen. Die große Koalition war nur dann möglich, wenn der Streitpunkt Austrofaschismus und Verfolgung der Sozialdemokratie von der politischen Agenda verschwindet.

derStandard.at: Trotzdem wurde Engelbert Dollfuß von der ÖVP als Märtyrer gefeiert.

Tálos: Das gehört eben zu der Erinnerungskultur der ÖVP. Dabei spielt Dollfuß eine wesentliche Rolle, nämlich als erstes Opfer des Nationalsozialismus – auch wenn er es nicht war, weil es schon andere Opfer gegeben hat.

derStandard.at: Bekommt dieses Kapitel österreichischer Geschichte heute genügend Aufmerksamkeit?

Tálos: Lange Zeit standen sich die Erinnerungskulturen der beiden Parteien gegenüber: auf der einen Seite Dollfuß als erstes Opfer, auf der anderen Seite die Ausschaltung der Sozialdemokratie durch Dollfuß, zugespitzt auf den 12. Februar. Die Erinnerungskulturen sind lebendig gewesen – nach 81 Jahren müsste man sich fragen, warum sich nichts ändert. Es gab aber ansatzweise Veränderungen in den letzten Jahren, wie 2012 das Gesetz zur Rehabilitierung der Opfer des Austrofaschismus, wo sich ÖVP und SPÖ auf den Begriff "Unrechtsregime" geeinigt haben. Oder auch das gemeinsame Gedenken der beiden Parteien im Vorjahr.

derStandard.at: Der Begriff "Unrechtsregime" im Gesetzestext ist ein Kompromiss.

Tálos: Ja, aber die ÖVP hat zum ersten Mal zugestimmt, dass dieses System ein Unrechtssystem im Sinne des Rechtsstaates war. Gleichzeitig wurde aber abgelehnt, dass das Herrschaftssystem in die verschiedenen Facetten des Faschismus der 1930er-Jahre eingebettet wird. Bis heute weist die ÖVP zurück, dass der Austrofaschismus etwas mit Faschismus zu tun hat.

derStandard.at: Im Vorjahr wurde gemeinsam gedacht, dieses Jahr nicht. Warum?

Tálos: Das war ein symbolischer Akt und hat immer mit den besonderen Jahreszahlen zu tun. Das soll man nicht überspitzen. Es bedeutet aber nie und nimmer, dass die unterschiedlichen Einschätzungen sich geändert hätten. Die gemeinsame Geste ist ja keine Aufarbeitung, auch wenn das der damalige Vizekanzler Michael Spindelegger behauptet hat. Es gibt die Differenzen in der Auslegung, aber sie werden weniger.

derStandard.at: Dennoch hängt weiterhin das Bild von Engelbert Dollfuß in den Klubräumen der ÖVP, seit kurzem versehen mit einer Zusatztafel. Reicht das aus, um Dollfuß' widersprüchlicher Rolle gerecht zu werden?

Tálos: Nein. Der Text ist so formuliert, dass er für die Augen der ÖVP-Mandatare akzeptabel ist. Der Kernpunkt, also der Charakter des Herrschaftssystem, findet sich in der Tafel nicht. Die ÖVP lehnt den Begriff "Austrofaschismus" weiterhin ab. Meiner Analyse nach hatte der Austrofaschismus große Ähnlichkeiten mit dem italienischen Faschismus, aber wenige mit dem deutschen.

derStandard.at: Die Regierung plant ein Haus der Geschichte. Wie könnte dort das Thema Austrofaschismus dargestellt werden?

Tálos: Darauf bin ich schon gespannt. Man müsste es ernsthaft aufnehmen, die politischen Befindlichkeiten weglassen und Österreich mit seinen Eigenheiten in die vielen Facetten des Faschismus einordnen. In der österreichischen Geschichte gibt es keinen kontroversiellen Punkt mehr außer der Zeit des Austrofaschismus.

derStandard.at: Warum ist die Aufarbeitung heute noch wichtig?

Tálos: In Österreich wurde die Erfahrung gemacht, dass Demokratie ausgeschaltet wurde, um bestimmte Interessen durchzusetzen. Autoritäre Traditionen konnten wegen mangelnder Auseinandersetzung überleben. Daher muss man diskutieren, was notwendig ist, um Demokratie aufrechtzuerhalten. Denn ihre Ausschaltung schafft eine Schieflage in der Bevölkerung. (Katrin Burgstaller, Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 12.2.2015)

Emmerich Tálos (70) ist Politikwissenschaftler. Im Jahr 2013 veröffentlichte er "Das austrofaschistische Herrschaftssystem. Österreich 1933 bis 1938".

  • Am 80. Jahrestag der Februarkämpfe gedachte die Regierung noch gemeinsam. Ein Jahr später gab es wieder getrennte Feiern.
    foto: apa/neubauer

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  • "Die Ausschaltung der Demokratie schafft eine Schieflage in der Bevölkerung", sagt Politikwissenschaftler Emmerich Tálos und erklärt, warum der Austrofaschismus auch aus heutiger Sicht aufgearbeitet werden muss.
    foto: der standard/cremer

    "Die Ausschaltung der Demokratie schafft eine Schieflage in der Bevölkerung", sagt Politikwissenschaftler Emmerich Tálos und erklärt, warum der Austrofaschismus auch aus heutiger Sicht aufgearbeitet werden muss.

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