Hirnjogging: "Das Gehirn ist kein Muskel, der sich vergrößern lässt"

13. Februar 2015, 07:00
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Hirntrainings am Computer können einzelne Hirnfunktionen verbessern. Doch die Denkleistung generell lässt sich dadurch nicht steigern

Geistig fit bis ins hohe Alter – wer träumt davon nicht? Heute ist das ganz einfach, mit Hirntrainings am Computer. Für ihre geistige Fitness geben die Nutzer viel Geld aus. Mehr als eine Milliarde US-Dollar verdienten die Hersteller im Jahr 2012, berichtet der "Economist", im Jahre 2020 sollen es bereits 6,2 Milliarden sein. Doch Hirnforscher sind skeptisch.

"Kein Muskel"

"Das Gehirn ist kein Muskel, den wir durch Hirnjogging einfach vergrößern und so unsere Hirnleistung generell steigern können", sagt Mike Martin, einer der Direktoren des Forschungsschwerpunkts "Dynamik gesunden Alters" an der Uni Zürich.

Das bestätigt eine Metaanalyse von 51 Studien mit insgesamt 4.885 Teilnehmern von der Uni in Sydney. Die Computertrainings verbesserten die Hirnleistung in einzelnen Übungen – etwa beim Trainieren des Gedächtnisses oder bei der räumlichen Wahrnehmung. Der Effekt war statistisch signifikant, aber sehr gering. "Beim Einzelnen nützen Computertrainings vermutlich nur, um gezielt bestimmte Fähigkeiten zu verbessern", sagt Martin.

Alles, was wir intensiv üben, hinterlasse Spuren im Gehirn, erklärt Lutz Jäncke, Leiter des Lehrstuhls für Neuropsychologie an der Uni Zürich. So auch Computertrainings: "Nervenzellen, die Verbindungen zwischen den Zellen oder ganze Hirnareale verändern sich", sagt er. "Ich bezweifle aber, ob das auch zu Transfereffekten führt." Dass also auch andere als die trainierten Funktionen verbessert werden.

Bessere Merkfähigkeit

Immerhin konnten sich Probanden nach dem Training in einer von Jänckes Untersuchungen nicht nur Zahlen besser merken, sondern auch Wörter – vermutlich weil sich diese Hirnleistungen ähneln. Dass sich auch Hirnfunktionen steigern lassen, die mit der trainierten wenig zu tun haben, scheint jedoch nicht zu funktionieren.

Wissenschaftler aus Cleveland und Malaysia ließen beispielsweise 93 Studenten Gedächtnistests mit dem Computer machen. Die Probanden schnitten zwar in den Tests danach besser ab, aber ihre Intelligenz oder andere Hirnleistungen steigerte das nicht. Auch in einer Studie aus Großbritannien mit 11.430 Teilnehmern besserten Computer-Hirntrainings zwar einzelne Hirnleistungen, aber eine generelle Steigerung des Denkvermögens ließ sich nicht beobachten.

In der Studie aus Sydney funktionierte nur das Computertraining in der Gruppe, aber nicht alleine zu Hause. "Vermutlich spielt die Stimulation des Hirns auf dem Weg zum Studienleiter eine viel größere Rolle als das Training selbst", sagt Martin. "Der Austausch mit anderen Studienteilnehmern, das Gespräch in Bus oder Bahn oder das Nachdenken über das Training: All das könnte das Hirn mehr stimulieren als die Übungen am Computer."

Geistiger Input

Statt Computertraining gebe es für drei Maßnahmen gute Hinweise, dass diese den geistigen Verfall aufhalten können, berichtet Jäncke: "Körperliche Bewegung, soziale Kontakte und geistiges Training. Letzteres bedeutet aber nicht einförmige Übungen am Computer, sondern geistigen Input verschiedener Art." Etwa anspruchsvolle Kreuzworträtsel lösen, Sachbücher lesen, eine Sprache lernen oder einen Tanzkurs belegen. "Wichtig ist außerdem, dass man Krankheiten konsequent behandelt, die die Hirndurchblutung stören können, wie Bluthochdruck", sagt Jäncke.

Menschen mit Störungen der Hirnfunktion, etwa nach einem Schlaganfall, kann Hirnjogging helfen, die Funktionen gezielt zu verbessern. "Gesunde Menschen können sich das Geld für Hirnjogging am Computer aber sparen", sagt Jäncke. "Das investiert man lieber in einen Sprachkurs oder ein Abonnement der Stadtbibliothek." (Felicitas Witte, derStandard.at, 13.2.2015)

  • Sinnvoller als einförmige Übungen im Internet ist alltäglicher geistiger Input aller Art, sagt Neuropsychologe Lutz Jäncke.
    foto: reuters/thomas peter

    Sinnvoller als einförmige Übungen im Internet ist alltäglicher geistiger Input aller Art, sagt Neuropsychologe Lutz Jäncke.

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